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Humanitäre Katastrophe : Jemen: Zwischen Krieg, Hunger, Cholera – und Waffen aus dem Westen

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Im Jemen breitet sich die Cholera aus - denn das Gesundheitssystem ist im Krieg nahezu zusammengebrochen. Jetzt gibt es den Verdacht: Die Briten sorgen mit Knowhow für das Gelingen der Angriffe.

shz.de von
erstellt am 12.Mai.2017 | 17:04 Uhr

Sanaa | Die Londoner „Times“ kommentierte unlängst: „Der Jemen verdient ernsthafte internationale Bemühungen um eine diplomatische Lösung, die nicht nur das Leiden beendet, sondern auch die Ausweitung der Macht des Irans hemmt.“ Jetzt kam heraus: Großbritannien ist wohl stärker involviert, den Iran einzudämmen, als bislang gedacht: Die Briten gehören zwar nicht der saudischen Militärkoalition an, rüsten sie aber für den Krieg auf. Jetzt konfrontierte laut dem Guardian die „Kampagne gegen den Waffenhandel“ den Präsidenten des britischen Rüstungskonzerns BAE, Roger Carr, mit einer Stellenausschreibung. Gesucht wurde ein Waffentechniker, der die Jets vor Ort mit Bomben und Raketen bestückt. Standort sei der Stützpunkt King Abdulaziz in Dhahran gewesen. BAE sei in Saudi-Arabien, um „nach den Flugzeugen zu sehen und sicherzustellen, dass sie eingesetzt werden können.“ Die Stellenanzeige sei mittlerweile von der Website verschwunden.

Auch Deutschland liefert Waffen in die Region. Trotz Bedenken wegen Katars Beteiligung am Krieg im Jemen genehmigte die Bundesregierung im Oktober 2015 die Lieferung von Kampfpanzern in das Golfemirat. Saudi-Arabien ist ebenfalls immer wieder Kunde.

Im Bürgerkriegsland Jemen sind nach Angaben der Vereinten Nationen ohne eine massive Anstrengung der Weltgemeinschaft sieben Millionen Menschen vom Hungertod bedroht - aktuell verschärft sich die Bedrohung durch Cholera, warnt die Gesundheitsorganisation WHO. Die Lage in dem bitterarmen Land sei „die größte humanitäre Krise der Welt“, sagen UN-Verteter. Am Beispiel Jemen zeigt sich wie in Syrien das Pulverfass im Nahen Osten, das in Stellvertreterkriegen zwischen Iran und Saudi-Arabien, zwischen Schiiten und Sunniten, gipfelt. Diplomatische Bestrebungen laufen ins Leere. Eine ganze Generation wächst mit Krieg, Hunger und Versorgungsnöten auf.

Die Schwächsten trifft die Not am härtesten: ein mangelernährtes Baby in Sanaa.

Die Schwächsten trifft die Not am härtesten: ein mangelernährtes Baby in Sanaa.

Foto: dpa
 

Die Vereinten Nationen haben den finanziellen Bedarf für dieses Jahr auf 2,1 Milliarden Dollar (1,9 Milliarden Euro) geschätzt. Seit dem Spendenaufruf vor vier Monaten waren bis zur UN-Geberkonferenz aber erst 15 Prozent davon zusammengekommen. Wie UN-Generalsekretär António Guterres und zahlreiche Diplomaten rief die Hilfsorganisation Norwegischer Flüchtlingsrat (NRC) alle, die Einfluss auf die Kriegsparteien haben, auf, sich für einen Friedensprozess einzusetzen. „Spenden allein werden die Ursachen dieser Katastrophe nicht lösen“, sagte Jan Egeland. „Nur ein Friedensprozess, der alle Gruppierungen involviert, kann den Jemen wieder auf die Beine bringen.“

Doch was ist dort überhaupt los? Wie kommt es, dass das Nachbarland des schwerreichen Saudi-Arabien zum Hungerland wird?

Wer im Jemen ist betroffen?

 

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International wurden bis Februar 2017 mehr als 4600 Zivilisten im Land getötet, weitere drei Millionen mussten ihre Häuser verlassen. Zwei Drittel der 27 Millionen Einwohner brauchten Hilfe und Schutz. Nach UN-Angaben sind fast 19 Millionen Jemeniten auf humanitäre Hilfe angewiesen. Zudem hätten sieben Millionen Kinder keinen Zugang zu ärztlicher Versorgung. Im Oktober 2016 brachen Cholera und akute wässrige Durchfälle aus, die sich seitdem weiter verbreiten. In den vergangenen Wochen haben die Fälle laut Ärzte ohne Grenzen und WHO zugenommen.

 

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef leben rund 80 Prozent aller Familien im Jemen auf Pump, um ihre Kinder zu ernähren. Jede zweite Familie verfüge über weniger als zwei Dollar am Tag. Nach Angaben des UN-Nothilfebüros stirbt alle zehn Minuten ein Kind unter fünf Jahren an vermeidbaren Krankheiten. Fast 1,2 Millionen Kinder seien unterernährt und in Lebensgefahr. Acht Millionen Menschen hätten kein Trinkwasser. Landminen und andere Munition gefährdeten Millionen Menschen.

Die Hilfsorganisation Norwegischer Flüchtlingsrat (NRC) warnte mit Blick auf die Kämpfe um den Hafen Hudaida vor einem Kollaps der Nahrungsmittelversorgung. „Wenn die Kämpfe schlimmer werden und die Versorgungslinie durch diesen Hafen abgeschnitten wird, ist das Überleben von Millionen von Menschen in Gefahr“, sagte der Vorsitzende, Jan Egeland. 80 Prozent der Importe werden über diesen Hafen abgewickelt. Dort sind bereits Entladekräne zerstört worden.

In den Gegenden, die von der international anerkannten Regierung kontrolliert werden, ist die Situation etwas besser. Die Gebiete sind dünner besiedelt, kommen seltener unter Beschuss. Dazu gehören auch die größte Provinz Hadramut und andere Gegenden im Osten und Süden des Landes. Dennoch ist das Leben auch hier hart, genauso wie für die Menschen im von den Huthis besetzten Sanaa. Seit die Regierung die Zahlung der Beamtengehälter aussetzte, herrscht hier akuter Geldmangel.

In einem Bericht von Ärzte ohne Grenzen wird die Situation in der drittgrößten Stadt Taiz so beschrieben: „Ein verkrüppeltes Gesundheitssystem, kombiniert mit zunehmend schlechten Lebensbedingungen, hat die Gesundheit der Bevölkerung verschlechtert. Das hat besonders akute Konsequenzen für Gruppen wie schwangere Frauen, Neugeborene und Kleinkinder.“

Was sagen die Betroffenen?

Der zweijährige Mohammed wird 2016  wegen Unterernährung in der Thawra-Klinik in al-Hudaida im Jemen behandelt.

Der zweijährige Mohammed wird 2016  wegen Unterernährung in der Thawra-Klinik in al-Hudaida im Jemen behandelt.

Foto: dpa
 

„Wir sind hier wie lebende Tote. Wenn wir zu Bett gehen, wissen wir nicht, ob wir morgen noch leben“, sagt die Jemenitin Um Said aus der südwestlichen Provinz Tais. Wie viele andere Frauen aus der Region von Bilad al-Wafi ist sie mindestens vier Stunden unterwegs, wenn sie in den Nachbarorten Lebensmittel holen will. Die Frauen gehen auf schmalen Pfaden und durch das hohe Gebirge. Denn ihre Heimatstadt wird seit drei Monaten von Huthi-Rebellen belagert, die Hauptstraßen sind nicht passierbar.

Mehr als zwei Jahre nach Ausbruch des Bürgerkriegs sei ihr Leben von „einer erdrückenden Belagerung, von Zerstörung und einer schwierigen humanitären Lage“ geprägt, sagt die fünffache Mutter, während sie neben den anderen Frauen hergeht. Alle tragen Taschen mit Lebensmitteln auf dem Kopf. „Der Krieg hat alles zerstört: Häuser, Krankenhäuser und Schulen“, sagt Um Said. „Wir haben nichts mehr, um die derzeitige Situation zu überleben, außer unseren Glauben an Gott. Wir haben geliebte Menschen verloren. Wir haben unsere Einkünfte verloren. Wir haben unsere Freiheit verloren und unser Recht, in Frieden zu leben.“ Um Said gehört zu den Millionen Jemeniten, die im Kreuzfeuer des Krieges gefangen sind. Zahlreiche Menschen sind auf der Flucht.

Ahmed Mahdi ist mit seiner neunköpfigen Familie aus dem Distrikt Harad im Nordwesten an der Grenze zu Saudi-Arabien in die Hauptstadt Sanaa geflohen. Aber dort traf es ihn noch schlimmer. Es gab keine Arbeit. Er musste betteln, um seine Familie durchzubringen.„Wir sind aus Angst geflohen, unter dem Beschuss zu sterben. Heute haben wir Angst, vor Hunger zu sterben“, sagt Mahdi. Die von den Huthi-Rebellen besetzten Provinzen Hodeida und Ibb gehören zu den am härtesten betroffenen Gebieten. Berichte deuten auf den Ausbruch einer Hungersnot hin. Viele Menschen sind akut unterernährt, viele Kinder sterben.

Der 35-jährige Abdullah Abdul Dschalil aus Sanaa ist einer von ihnen. „Ich habe es nicht geschafft, irgendeine Arbeit zu finden, selbst für wenig Geld“, sagt er. Er kann seine Miete nicht mehr zahlen und muss sich Geld leihen, um seine Frau und drei Kinder zu ernähren, sagt er. Der Beamte Abu Mohammed hat früher für das Innenministerium in Sanaa gearbeitet. Jetzt muss er zum Überleben seine Möbel verkaufen. „Wir wollen in einem Land ohne Krieg leben“, sagt Abu Mohammed. „Wir wollen kein Luxusleben - nur eine Unterkunft, Frieden und Arbeit.“

Wie begann der Konflikt?

Der Arabische Frühling kommt auch im Jemen an: Tausende demonstrieren im Oktober 2011 gegen die Regierung.
Der Arabische Frühling kommt auch im Jemen an: Tausende demonstrieren im Oktober 2011 gegen die Regierung.
 

Der aktuelle Konflikt spitzte sich ab Ende 2014 immer weiter zu: Schiitische Huthi-Rebellen besetzten die Hauptstadt Sanaa. Ihnen wird immer wieder die Unterstützung des Irans nachgesagt. Der Iran bestreitet das aber. Im März 2015 starteten Saudi-Arabien und seine sunnitischen Bündnispartner Luftangriffe gegen die Aufständischen. Die Zivilbevölkerung ist seitdem zwischen den Fronten eingekesselt und Überfällen und Bombardierungen ausgeliefert.

Ein Huthi-Rebell steht bewaffnet auf Trümmern - mutmaßlich wurden die Häuser durch einen Luftangriff der Saudis zerstört.

Ein Huthi-Rebell steht bewaffnet auf Trümmern - mutmaßlich wurden die Häuser durch einen Luftangriff der Saudis zerstört.

Foto: dpa
 

Die Huthi-Rebellen schafften es 2015, den jemenitischen Präsidenten Abed Rabboo Mansur Hadi zur Flucht ins Ausland zu zwingen. Präsident Hadi ist zwar weiterhin der international anerkannte Präsident, die Rebellen erklärten aber, dass das „Revolutionskomitee“ nun die Macht über das Land übernehmen werde. Im September 2016 ordnete Hadi den Umzug der Zentralbank von Sanaa in die südliche Stadt Aden an, wo seine Regierung sitzt, um den Druck auf die Huthi-Rebellen zu erhöhen.

Präsident des Jemen: Abed Rabbo Mansur Hadi.

Präsident des Jemen: Abed Rabbo Mansur Hadi.

Foto: dpa
 

Das Problem begründet sich in dem Dauerkonflikt zwischen Sunniten und Schiiten sowie in der Geschichte des Jemen. Im Jahr 1990 vereinigten sich die zwei früheren Staaten Nordjemen mit der Hauptstadt Sanaa und die Demokratische Volksrepublik Jemen mit der Hauptstadt Aden zum heutigen Staat. Der erste gesamtjemenitische Präsident wurde Ali Abdullah Salih, der seit 1978 die Arabische Republik Jemen regierte.

Doch eine wirkliche Einheit wurde der Jemen nicht - das zeigte sich infolge des Arabischen Frühlings 2011. Auch im Jemen kam es ab dem 27. Januar zu Demonstrationen. Die Demonstranten forderten den Rücktritt des seit mehr als 30 Jahren regierenden Salih, den sie für die schlechte wirtschaftliche Lage großer Bevölkerungsteile verantwortlich machen. Salih kündigte im November 2011 seinen Rücktritt an. Bei der folgenden Präsidentschaftswahl wurde der bisherige Vizepräsident Abed Rabbo Mansur Hadi „als einziger Kandidat und Protegé Saudi-Arabiens“ für eine Amtszeit von zwei Jahren gewählt, in der er eine Verfassungsreform erwirken soll.

Nach den Wahlen im Jemen 2012: Die Hoffnung auf einen Neubeginn sollte enttäuscht werden.

Nach den Wahlen im Jemen 2012: Die Hoffnung auf einen Neubeginn sollte enttäuscht werden.

Foto: dpa
 

Es sollte erfolglos bleiben. Seit 2013 kämpfen Huthi-Rebellen, Anhänger von Ex-Präsident Salih, Al-Qaida-Ableger der AQAP und die Armee der Zentralregierung um die Macht. In diesem Konflikt gelang es den Huthi-Milizen, die Hauptstadt Sanaa und große Teile des Landes zu erobern, und sie standen kurz vor der Eroberung der provisorischen Hauptstadt Aden. Daraufhin begann Saudi-Arabien unter militärischer Mitwirkung acht anderer Staaten am 25. März 2015 eine militärische Intervention unter dem Namen „Sturm der Entschlossenheit“ zugunsten des Staatspräsidenten Hadi. Die Militärintervention wird von den Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreich und Großbritannien logistisch unterstützt.

Warum gibt es so viele Konflikte im Nahen Osten?

Bewaffnete Huthis stellen sich geschlossen gegen die saudi-arabische Militärallianz.

Bewaffnete Huthis stellen sich geschlossen gegen die saudi-arabische Militärallianz.

Foto: dpa
 

In den Konflikten zeigen sich immer wieder aufs Neue die Spannungen zwischen den muslimischen Richtungen der Schiiten und Sunniten. Es geht sowohl um den religiös begründeten Streit um den wahren Nachfolger des Propheten Mohammed als auch um die territorialen Interessen des Iran und Saudi-Arabiens. Beide Staaten gewannen an internationalem Gewicht, nachdem große Erdölvorkommen in der Golfregion entdeckt wurden.

Weltweit gibt es etwa 1,6 Milliarden Muslime - nach dem Christentum die zweitgrößte Religionsgemeinschaft. Die Schiiten machen zehn bis 13 Prozent aller Muslime aus, die Sunniten 87 bis 90 Prozent. Im Iran stellen die Schiiten die Mehrheit, die anderen Länder im Nahen Osten sind sunnitisch dominiert und haben schiitische Minderheiten.

Ein Auslöser für die Verschärfung der Beziehungen war die Islamische Revolution im Iran: 1979 wurde das proamerikanische Schah-Regime gestürzt, und Ajatollah Chomeini gründete den strengen Gottesstaat. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschärften sich die Jahrhunderte alten Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten.

Ein Huthi-Rebell im Jahr 2015.

Ein Huthi-Rebell im Jahr 2015.

Foto: dpa

Eine Besserung scheint nicht in Sicht: Mit dem neuen saudischen König Salman ibn Abd al-Aziz hat Saudi-Arabien seit 2015 nach Sicht des Bundesnachrichtendienstes, „seine bisherige außenpolitische Zurückhaltung aufgegeben und entwickelt sich zur offensiv agierenden Regionalmacht“.

Hier zeigt sich das Pulverfass: In Damaskus hilft der Iran Baschar al-Assad, an der Macht zu bleiben, während Saudi-Arabien die Opposition unterstützt. Im Libanon finanziert der Iran die Hisbollah-Miliz. Im Irak kontrolliert es die schiitischen Kräfte. Und im Jemen bekämpft der mächtige Nachbar Saudi-Arabien die Machtbestrebungen der Huthi, die mutmaßlich ebenfalls vom Iran gestützt werden. Ein Ende der Stellvertreterkriege ist nicht in Sicht. Saudi-Arabien brach am 3. Januar 2016 seine diplomatischen Beziehungen zum Iran ab.

Auf die Frage, ob sich sein Rüstungskonzern an der Kriegstreiberei beteilige, antwortete der Brite Roger Carr mit einem Zitat von Theodore Roosevelt: „Es ist das beste, sanft zu sprechen, aber mit einem großen Stock in der Hand.“ Und fügte hinzu: „Wir liefern den Stock, aber hoffen, dass die Gespräche die Krise im Jemen lösen.“

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