Jagdszenen

shz.de von
13. November 2013, 00:31 Uhr

Auf seinen Kopf ist keine Prämie gesetzt, er wird nicht von der Polizei gesucht, dennoch jagen ihn Heerscharen von Journalisten und Detektiven. Neulich will ihn jemand in einem Schwabinger Supermarkt ausgemacht haben, weil auf ihn alle Merkmale zutrafen: Älterer Herr, volles weißes Haar, ordentlich gekleidet, aber unsicherer Blick. Besagter Blick soll ihm schon bei der Zugfahrt von Zürich nach München zum Verhängnis geworden sein. Als die Bahnpolizei dann auch noch 9000 Euro in seinen Taschen fand, stand fest, dass da ein großer Fisch ins Netz gegangen war. Ein Rentner mit einer derartigen Summe, da musste beschattet, durchsucht, beschlagnahmt werden. Wer den Oberstaatsanwalt sieht, der den Fall Cornelius Gurlitt bearbeitet, der wird nie wieder in seinem Leben mit mehr als 500 Euro in der Brieftasche in einen Zug steigen, der bayerische Staatsgebiet berührt.

Noch weiß die Anklagebehörde nicht recht, was sie dem alten Herrn vorwerfen kann; denn alle möglichen Straftaten scheinen verjährt. Vielleicht prüft der Staatsanwalt ja gerade, ob ein Verstoß gegen das Lebensmittelgesetz festgestellt werden kann. Schließlich waren die Verfallsdaten der Esswaren, zwischen denen die Bilder lagerten, bereits abgelaufen. Auch, wenn nach dem Herrn der Bilder offiziell nicht gefahndet wird, er sollte sich stellen. Aus Solidarität mit den etwa eine Million Doppelgängern; denn die können sich weder in Einkaufszentren noch Museen wagen, weil sie sich von Detektiven und Fotografen verfolgt sehen. Wer sichergehen will, sollte sich einen Aufkleber ans Revers heften: Ich bin nicht Cornelius Gurlitt.

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