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Ist Joachim Gauck überlastet?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Neue Biografie zeichnet das Bild eines gestressten Bundespräsidenten / Das Staatsoberhaupt reagiert gelassen auf die Veröffentlichung

shz.de von
erstellt am 01.Okt.2013 | 00:34 Uhr

Warum er denn die neue Biografie so habe durchgehen lassen, wird Bundespräsident Joachim Gauck am Rande der Ausstellung „Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929-1956“ gefragt. Gauck antwortet lächelnd: „Wir sind ein freies Land.“ Lese man die Biografie insgesamt, bekomme man ein anderes Bild, als wenn man sich nur auf ein Kapitel konzentriere.

„Der Spiegel“ zitiert in seiner neuen Ausgabe aus jener Biografie von Mario Frank. Danach halten enge Mitarbeiter den 73-jährigen Bundespräsidenten für überlastet. Eine Beraterin im Präsidialamt sprach von „Ermüdungserscheinungen“ bei Gauck. Der Präsident klage über zu viele Termin-Zusagen seiner Vorgänger, denen er Folge leisten müsse. Gauck schien etwas gutgläubig zu meinen, in zahlreich gewährten Gesprächen die Meinung des Biografen ändern zu können. Im Präsidialamt heißt es nun, die Gespräche seien zu Beginn der Amtszeit vor fast anderthalb Jahren geführt worden. Heute ergebe sich ein anderes Bild.

In der Tat dürften die Reisen und Termine, die der vorzeitig aus dem Amt geschiedene Gauck-Vorgänger Christian Wulff nicht mehr abarbeiten konnte, zahlreich gewesen sein. Jede Reiseabsage aber hätte diplomatische Verstimmungen mit dem Reiseland nach sich gezogen. Von daher war Gauck in der Pflicht.

Zahlreiche Antrittsbesuche in den 16 Bundesländern seien zu absolvieren gewesen, sowie Antrittsbesuche bei den wichtigsten europäischen Nachbarländern, hieß es im Präsidialamt weiter. Eine solche Terminfülle ist wohl nicht ohne Stress abgegangen – zumal für einen, der kein Politprofi war und kaum Erfahrung in einer vergleichbaren, herausgehobenen politischen Funktion mitbrachte.

Joachim Gauck, früherer Chef der Stasiunterlagenbehörde, Bürgerrechtler und evangelischer Pfarrer, dürfte das Amt und seine Arbeitsfülle am Anfang womöglich etwas unterschätzt haben. Dies umso mehr, als das vorzeitige freiwillige Ausscheiden von Horst Köhler und der frühe, unfreiwillige Abgang von Christian Wulff wohl zu reichlich Verunsicherung im Amt geführt haben dürften.

Nun mag jeder die Themen, die Gauck gesetzt hat, oder den ruhigeren Stil, den er im Präsidialamt eingeführt hat, selber bewerten. Offensichtlich ist aber für viele, dass er Amt und Ansehen des Bundespräsidenten wieder Stabilität und Glaubwürdigkeit zurückgegeben hat. Vor diesem Hintergrund dürften ihm die Parteien Respekt entgegenbringen, wenn er vor den anstehenden Sondierungen für eine künftige Koalition die Parteichefs zu vertraulichen Gesprächen ins Kanzleramt lädt.

Unbeschadet angeblicher „Ermüdungserscheinungen“ plant Gauck als Bundespräsident noch die eine oder andere Reise. Zum Beispiel war er – im Gegensatz zu Wulff – noch nicht in Russland. Die Russen und Präsident Wladimir Putin tun sich mit einem Bundespräsidenten Gauck schwer, der sich wiederholt kritisch geäußert hatte. Am Rande der Ausstellung in Berlin erzählt Gauck einmal mehr, dass sein Vater bis 1955 „Sklavenarbeiter“ in einem Gulag gewesen sei.

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