Von Rettern zu Geretteten : Israel holt Weißhelme aus Syrien

Syrische Weißhelme tragen ein verletztes Kind nach einem Luftangriff aus einer Schule. Syrian Civil Defense White Helmets, AP/Archiv
Syrische Weißhelme tragen ein verletztes Kind nach einem Luftangriff aus einer Schule. Syrian Civil Defense White Helmets, AP/Archiv

Sie mussten den Tod befürchten, doch einige können nun auf ein Leben in Deutschland hoffen: In einem außergewöhnlichen Einsatz bringt Israel Feinde der syrischen Regierung in Sicherheit. Für andere bleibt die Grenze jedoch dicht.

shz.de von
22. Juli 2018, 19:47 Uhr

Sie kommen im Schutz der Dunkelheit an die israelische Grenze auf den Golanhöhen. Hunderte Flüchtlinge aus Syrien, im Süden des Landes seit Tagen gefangen zwischen der anrückenden syrischen Armee und dieser abgeschotteten Barriere zwischen zwei verfeindeten Staaten.

Hier befindet sich normalerweise eine Sackgasse. Doch am Samstagabend öffnet sich die Grenze. Es ist die Rettung für die mehr als 400 Menschen - Rettungskräfte der syrischen Organisation Weißhelme und ihre Familien.

Israelische Soldaten nehmen sie in Empfang, Sanitäter behandeln Bedürftige und verteilen Wasser sowie Lebensmittel, wie das Fernsehen auf seiner Internetseite «Mako» berichtet. Busse stehen bereit, um die Menschen ins Nachbarland Jordanien zu bringen. Eine solche Rettungsaktion hat es - soweit bekannt - seit Beginn des verheerenden Syrien-Krieges 2011 noch nicht gegeben. «Es war einer der bewegendsten Einsätze, die ich je erlebt habe, es waren sehr viele Kinder dabei», erzählt ein Helfer, dessen Name nicht genannt wird.

Ihr Handeln sei eine «außergewöhnliche humanitäre Geste», lobt die israelische Armee selbst die Rettung der Syrer, die wegen «einer unmittelbaren Bedrohung ihres Lebens» nötig gewesen sei. Dies zielt ab auf die Truppen von Syriens Präsident Baschar al-Assad. Diese hatten zuletzt fast die gesamte Region mit Ausnahme eines schmalen Streifens an den von Israel besetzten Golanhöhen erobert. Die syrische Regierung hat die vom Westen, vor allem aus Großbritannien, unterstützten Helfer schon lange zu Landesfeinden erklärt. Auch in russischen Staatsmedien wurden sie als Unterstützer von Terrorgruppen und Dschihadisten dargestellt, die für Propaganda des Westens benutzt werden.

Die Organisation mit Tausenden Mitgliedern selbst beschreibt sich dagegen als «unbewaffnet und neutral» und wird so auch von unabhängigen Beobachtern gesehen. Es gehe ihnen ausschließlich darum, Menschen aus den allgegenwärtigen Trümmern des syrischen Schlachtfeldes zu ziehen. Eigenen Angaben zufolge haben die Weißhelme bis heute mehr als 114.000 Menschen gerettet.

Dabei sind sie in Gebieten im Einsatz, die unter Kontrolle der Assad-Opposition standen oder stehen. Mit ihren Rettungsaktionen nach Angriffen der syrischen Luftwaffe und ihren Verbündeten unter anderem in Aleppo oder der Provinz Idlib sorgten sie immer wieder für Aufsehen. Für ihre Arbeit wurden sie 2016 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Eine Dokumentation über die Helfer erhielt 2017 einen Oscar.

In der Provinz Kunaitra im Südwesten Syriens wurden in den vergangenen Wochen nun Hunderte Weißhelme und ihre Angehörigen selbst zu Notleidenden. Regierung und extremistische Rebellen einigten sich nach heftigen Gefechten vor wenigen Tagen auf einen Abzug der Aufständischen und machten damit den Weg für die Armee an die Golanhöhen frei. Genau in diesem Streifen waren Angaben der Vereinten Nationen von Ende Juni zufolge die meisten von 160.000 Flüchtlingen in der Region gezogen.

Die 422 nun Geretteten waren besonders gefährdet, so dass seit Tagen insgeheim verhandelt wurde, um Israel und Jordanien zur Kooperation zu bewegen. Auf Bitten der USA, unter Steuerung der Vereinten Nationen und mit Einbindung Deutschlands, Großbritanniens und Kanadas wird der Einsatz dann in der Nacht zum Sonntag gestartet.

«Die Hauptsorge war, dass die Assad-Armee von den Plänen erfährt und die Aktion durchkreuzt», heißt es in einem israelischen TV-Bericht. Doch die Weißhelme und ihre Familien können offenbar unversehrt in Bussen auf dem Landweg nach Jordanien gebracht werden, wie auch die israelische Nachrichtenseite «ynet» berichtet.

Israel und Syrien sind verfeindet. Im Sechstagekrieg 1967 hatte der jüdische Staat die Golanhöhen von Syrien erobert und später annektiert. Immer wieder fliegt Israel in dem Bürgerkriegsland Angriffe auf Stellungen des syrischen Verbündeten Iran, dessen Einfluss Israel zurückdrängen möchte.

Israel hat in den vergangenen Jahren zwar Tausende syrische Verletzte in Krankenhäusern behandelt, will aber keine Flüchtlinge dauerhaft aufnehmen. Jordanien und Ägypten sind die einzigen arabischen Länder, die einen Friedensvertrag mit Israel unterzeichnet haben. Trotzdem gibt es vor allem zwischen den Bevölkerungen dieser Länder noch immer tiefe Spannungen.

Innerhalb von drei Monaten sollen die Geretteten von Jordanien nun nach Deutschland, Großbritannien und Kanada gebracht werden. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums nimmt Deutschland acht Weißhelme und deren Familienangehörige als Flüchtlinge auf.

Trotz aller Freude ob des gelungenen, außergewöhnlichen Einsatzes werden nur einige derjenigen gerettet, die sich im Südwesten Syriens vor der vorrückenden Armee fürchten. So berichtete Reporter ohne Grenzen erst am Dienstag von Dutzenden Medienaktivisten und Journalisten, die an der Grenze zu Israel in der Falle säßen. Auch sie können nicht mit Gnade der syrischen Armee rechnen.

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