Krise im Irak : Isis greift Ölraffinerie an – Stromversorgung bedroht

Die Terrorgruppe Isis verbreitet weiter Angst und Schrecken im Irak. In Baidschi, wo die größte Ölraffinerie und ein Elektrizitätswerk liegen, toben heftige Kämpfe. Gehen in Bagdad bald die Lichter aus? 

shz.de von
18. Juni 2014, 17:27 Uhr

Bagdad | Die Terrorgruppe Isis will offensichtlich die Lebensadern im Irak kappen. In Baidschi rund 200 Kilometer nördlich von Bagdad griffen die Extremisten am Mittwoch die größte Ölraffinerie des Landes an und besetzten sie zeitweise. Baidschi ist für Bagdad strategisch bedeutend. Dort steht auch ein Elektrizitätswerk, das die Hauptstadt mit Strom versorgt. Stundenlang tobten heftige Kämpfe der Islamisten mit Regierungstruppen, die auch Luftangriffe auf Isis-Stützpunkte flogen.

Die irakische Führung rief die Menschen auf, Benzin und Strom zu sparen und mit Lebensmitteln umsichtig umzugehen. Vor allem im stark gesicherten Bagdad, das die Extremisten stürmen wollen, herrscht Angst und Schrecken. Zahlreiche Sicherheitskräfte sind dort zusammengezogen. Vereinzelt gab es Stromausfälle, Internetdienste wie Twitter und Facebook waren zeitweise unterbrochen.

Die Internationale Energieagentur (IEA) bezeichnet die Ölförderung als einen Grundpfeiler der irakischen Wirtschaft. Für die Zukunft des Landes sei sie von entscheidender Bedeutung. Der Irak verfügt demnach über die fünftgrößten Erdölreserven weltweit. Von der Ölraffinerie werden aber auch irakische Stellen beliefert, etwa Tankstellen. Der Raffineriebetrieb wurde aus Sicherheitsgründen bereits am Dienstag eingestellt.

Der umstrittene Regierungschef Nuri al-Maliki beschwor angesichts der Eskalation die Einheit aller Iraker. Bei einer im Staatsfernsehen ausgestrahlten Rede betonte er: „Der Irak ist eine Einheit - aus Sunniten, Schiiten, Arabern und Kurden.“ Die politischen Kräfte des Landes hätten bei einem Treffen am Vorabend in Bagdad eine gemeinsame Botschaft gesendet: Zusammen wolle man den Terroristen entgegentreten. Zugleich entließ Al-Maliki ranghohe Militärs in den von der Terrorgruppe überrannten Gebieten.

Der Präsident der kurdischen Autonomieregion, Massud Barsani, rief die Bevölkerung zur Gegenwehr auf. „Es ist die Pflicht aller in der Region Kurdistan, die Peschmerga (Kurdentruppen) und die kurdischen Sicherheitskräfte zu unterstützen“, erklärte er. Die Kurdenverbände stellen sich im Norden des Landes und in der Region um die ölreiche Stadt Kirkuk der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) entgegen. Pensionierte Peschmerga-Angehörige forderte er auf, ihre früheren Militäreinheiten zu kontaktieren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht vor allem die USA in der Verpflichtung, den Vormarsch der Islamisten im Irak zu stoppen. „Natürlich haben die Amerikaner eine ganz besondere Verantwortung“, sagte sie in Berlin. Präsident Barack Obama nehme sie bereits wahr.

Die USA behalten sich eine Militäraktion im Irak vor, um den Vormarsch der Isis auf Bagdad zu stoppen. Als eine Option gelten Luftangriffe. Der Einsatz von Bodentruppen wurde ausgeschlossen. Die USA haben mehrere Kriegsschiffe in den Persischen Golf entsandt.

Der Terrorismusexperte Rolf Tophoven erwartet dennoch den Einsatz von US-Bodentruppen im Irak. „Egal ob Präsident Obama das will oder nicht - letztendlich werden die USA in den Irak zurückkehren müssen, wenn sie nicht zulassen wollen, dass sich in der Region ein Flächenbrand ausbreitet“, sagte der Direktor des Instituts für Krisenprävention „Focus Online“.

Merkel schloss jeglliche militärische Hilfe aus Deutschland aus: „Was Deutschland beitragen kann - jenseits jedes militärischen Engagements -, das ist sicherlich zu versuchen, den politischen Prozess mitzubegleiten.“  Die Extremisten hatten Anfang vergangener Woche die Millionenstadt Mossul im Nordirak eingenommen. Inzwischen kämpfen sie bereits wenige Dutzend Kilometer von Bagdad entfernt gegen Regierungstruppen und Freiwillige, die sich massenweise zum Dienst an der Waffe melden.

Der iranische Präsident Hassan Ruhani warnte die sunnitischen Extremisten. „Wir werden alles unternehmen, um unsere heiligen (schiitischen) Stätten Kerbela, Nadschaf und Samarra vor Terroristen und Mördern zu schützen, sagte er in Lorestan in Südwestiran. Der Iran will unter allen Umständen die Herrschaft der Schiiten von Teheran über Bagdad und Damaskus bis nach Beirut sichern.

Deutschland muss nach den Worten von Innenminister Thomas de Maizière (CDU) mit Anschlägen islamistischer Rückkehrer aus Syrien und dem Irak rechnen. „Aus einer abstrakten Gefahr ist eine konkrete tödliche Gefahr geworden in Europa - mit Deutschland-Bezug“, sagte de Maizière bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichtes 2013 in Berlin.

Aus verschiedenen irakischen Landesteilen wurden Entführungen gemeldet. Im Nordosten nahmen Isis-Kämpfer einem Medienbericht zufolge weitere 60 ausländische Arbeiter als Geiseln, darunter 15 Türken. Damit sind inzwischen fast 100 Türken in der Gewalt der Isis, darunter auch der Generalkonsul. Auch 40 Inder, die zumeist als Bauarbeiter in Mossul tätig waren, wurden entführt.

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