Terrormiliz in Syrien : IS-Vormarsch: Erste Hinrichtungen in Palmyra

Die Terrormiliz Islamischer Staat hat die historische Oasenstadt Palmyra in Zentralsyrien vollständig unter ihre Kontrolle gebracht. Zugleich erobert der IS den letzten noch offenen Grenzübergang zum Irak.

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22. Mai 2015, 12:40 Uhr

Damaskus | Die Terrormiliz Islamischer Staat ist in Syrien weiter auf dem Vormarsch. Nach der Eroberung der historischen Wüstenstadt Palmyra in Zentralsyrien nahmen die Dschihadisten am Donnerstag den letzten noch von Regierungstruppen kontrollierten Grenzübergang zum Irak ein. Nach ersten Exekutionen von Regimeanhängern in Palmyra wächst auch die Sorge um das Unesco-Welterbe. Eine Zerstörung der archäologischen Stätten Palmyras wäre nach Einschätzung von Unesco-Chefin Irina Bokowa ein „enormer Verlust für die Menschheit“.

Die IS-Terrormiliz hatte Palmyra am Mittwochabend vollständig unter ihre Kontrolle gebracht und auch die archäologischen Stätten im Südwesten der Stadt eingenommen, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrecht bestätigte. Auch der IS meldete über seinen Radiosender Al-Bajan die Einnahme der Stadt. Die einzigartigen Ruinen Palmyras aus den ersten Jahrhunderten nach Christus gehören zum Unesco-Weltkulturerbe. Die einstige Handelsmetropole gilt als einer der bedeutendsten Komplexe antiker Bauten im Nahen Osten. Im Nordirak hatten IS-Anhänger im Frühjahr bereits einmalige Kulturstätten zerstört, darunter die Ruinen der Jahrtausende alte Stadt Nimrud und die Grabungsstätte Ninive. Die altorientalischen Überreste stellen nach der radikalen Islam-Interpretation der Dschihadisten Kultstätten „Ungläubiger“ dar. Nach dieser Lesart sind auch Bilder und figürliche Darstellungen von Menschen verboten.

Wegen der Siegesserie forderte der einflussreiche US-Senator John McCain die Entsendung von US-Bodentruppen in den Irak. „Ich würde sagen: 10.000 Mann“, sagte er dem TV-Sender CNN. Die Strategie von Präsident Barack Obama, lediglich Kampfjets einzusetzen, sei ein Fehlschlag. Obama lehnt die Entsendung von Bodentruppen strikt ab. Die USA und ihre Verbündeten bombardieren seit Monaten IS-Stellungen im Irak und in Syrien.

Nach ersten Berichten aus der eroberten Oasenstadt richteten die IS-Milizen am Donnerstag mindestens 17 Menschen hin. Die Opfer waren Soldaten und Unterstützer des Regimes in Bagdad, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrecht am Abend mit. Sie seien enthauptet worden. Damit sei die Zahl der Hinrichtungen in der Region seit Beginn der IS-Offensive vor wenigen Tagen auf insgesamt 66 gestiegen.

Aktivisten meldeten, die Telefon- und Internetleitungen in die Stadt seien über Stunden unterbrochen gewesen. Laut verschiedenen Berichten befinden sich Zehntausende Flüchtlinge in der Stadt. Es gebe weder Wasser noch Strom. Bislang habe es offenbar keine Zerstörungen gegeben. Der Leiter der syrischen Museums- und Altertumsbehörde, Mamun Abdul-Karim, sagte laut der staatlichen Nachrichtenagentur Sana, Hunderte Statuen seien vor dem IS-Einmarsch an einen sicheren Ort gebracht worden.

„Syrien hat seinen letzten Übergang nach Irak verloren, nachdem sich Regierungstruppen aus dem Gebiet zurückgezogen hatten“, sagte Rami Abdel Rahman, Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Mit der Einnahme des Übergangs Al Walid Tanef haben die Dschihadisten einen Großteil der Grenzlinie zwischen Syrien und dem Irak unter ihre Kontrolle gebracht. Ein Teil der Grenze im Nordosten wird von kurdischen Einheiten kontrolliert. Die Extremisten kontrollieren nach den Geländegewinnen in Zentralsyrien jetzt mehr als 50 Prozent der Landesfläche.

Auch im Norden des Landes musste die Assad-Regierung am Freitag eine Niederlage hinnehmen: In der Stadt Dschisr al-Schogur in der Provinz Idlib verlor das Regime auch seinen letzten Rückzugsort. Islamistische Rebellen hätten ein von Regierungskräften gehaltenes Krankenhaus in der Provinz Idlib eingenommen, meldeten die Menschenrechtsbeobachter. Zu den Aufständischen gehört auch die Al-Nusra-Front, Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Sie beherrschen die Provinz Idlib fast vollständig.

Im Norden und Osten Syrien kontrolliert der IS die Provinzhauptstädte Al-Rakka und Dair As-Saur, die vorher von Rebellen gehalten wurden. Al-Rakka ist das wichtigste IS-Zentrum in Syrien.

Im Januar 2014 brachten die Extremisten die Stadt Falludscha rund 70 Kilometer westlich von Bagdad unter Kontrolle. Sie war bereits früher ein Zentrum des sunnitischen Widerstands gegen die US-Armee.

Im Juni 2014 überrannte der IS nordirakische Großstadt Mossul, in der viele geschasste Offiziere und Soldaten aus der früheren Armee von Langzeitherrscher Saddam Hussein Zuflucht gefunden haben. Der IS zerstörte im Mai 2015 eine schiitische Moschee und ein jesidisches Heiligtum in Mossul. Zudem gebe es Hinweise darauf, dass Extremisten in der Stadt die Kreuze an der Außenfassade einer syrisch-orthodoxen Kirche abgeschlagen hätten, berichtet die Gesellschaft für bedrohte Völker unter Berufung auf Informanten vor Ort.

Vor rund einer Woche eroberten die Extremisten die strategisch wichtige Stadt westirakische Ramadi, Zentrum der Provinz Al-Anbar.

Mit der Einnahme der historischen Oasenstadt Palmyra konnte der IS auch das dortige Unesco-Weltkulturerbe unter seine Kontrolle bringen.

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