Terrormiliz in Syrien : IS nimmt Palmyra ein: Heftige Gefechte um historische Oasenstadt

In Syrien liefern sich das Regime und die Terrormiliz Islamischer Staat erbitterte Schlachten. Die Dschihadisten erobern die historische Oasenstadt Palmyra. Werden sie das Unesco-Weltkulturerbe zerstören?

shz.de von
21. Mai 2015, 07:54 Uhr

Damaskus | Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat nach heftigen Kämpfen die historische Oasenstadt Palmyra in Zentralsyrien vollständig eingenommen. Zugleich gebe es Informationen, dass sich die Kräfte des Regimes zurückzögen, meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Mittwochabend. Ein Aktivist in Palmyra bestätigte dem arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira, dass die syrische Armee zurückgewichen sei und die Terrormiliz die Stadt eingenommen habe. Viele Familien hätten die Flucht ergriffen. Ein anderer Aktivist berichtete dem britischen Sender BBC, die Terrormiliz und Regierungstruppen hätten Palmyra heftig bombardiert. Es habe auch schwere Gefechte gegeben.

Palmyras gut erhaltene Ruinen aus den ersten Jahrhunderten nach Christus gehören zum Unesco-Weltkulturerbe. Die einstige Handelsmetropole gilt als einer der bedeutendsten Komplexe antiker Bauten im Nahen Osten. Es wurde befürchtet, dass die Dschihadisten die Kulturstätte zerstören könnten. Im Nordirak hatten IS-Anhänger im Frühjahr bereits einmalige Kulturstätten zerstört, darunter die Ruinen der Jahrtausende alte Stadt Nimrud und die Grabungsstätte Ninive. Die altorientalischen Überreste stellen nach der radikalen Islam-Interpretation der Dschihadisten Kultstätten von „Ungläubigen“ dar. Nach dieser Lesart sind auch jegliche Bilder und figürliche Darstellungen von Menschen verboten. Aufnahmen ihrer Taten stellten sie ins Internet.

Falls Palmyra vom IS zerstört werden sollte, wäre dies „ein unersetzlicher Verlust für die Menschheitsgeschichte“ und auch für das syrische Volk, sagte der Direktor des Vorderasiatischen Museums Berlin, Markus Hilgert. Schließlich sei die Oasenstadt nicht nur „Identitätsort“ für die Bevölkerung, sondern potenziell auch ein zentrales touristisches Ziel in dem Land. Aktivisten aus der Stadt erklärten, bislang habe es keine Zerstörungen gegeben. Der Leiter der syrischen Museums- und Altertumsbehörde, Mamun Abdul-Karim, sagte laut der staatlichen Nachrichtenagentur Sana, Hunderte Statuen seien vor dem IS-Einmarsch an einen sicheren Ort gebracht worden.

Die Unesco hatte sich „sehr besorgt“ über den IS-Vormarsch in Palmyra geäußert. Die Kämpfe brächten eine der wichtigsten Weltkulturerbestätten im Nahen Osten in Gefahr, warnte die Chefin der Kulturorganisation der Vereinten Nationen, Irina Bokowa.

Nach dem Vormarsch in Palmyra kontrolliere der IS nun rund 40 Prozent der Fläche Syriens, sagte der Leiter der Menschenrechtsbeobachter, Rami Abel Rahman. Die Extremisten hätten zudem fast alle Ölfelder des Landes eingenommen. Der IS finanziert sich zu einem großen Teil aus dem Ölschmuggel.

 

Auch in Nordsyrien verlor das Regime in Kämpfen gegen Islamisten an Boden. In der Provinz Idlib rückte das Rebellen-Bündnis Dschaisch al-Fatah nach Berichten von Oppositionsmedien auf die Stadt Aricha vor. Die radikale Al-Nusra-Front, der syrische Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida, und ihre Verbündeten hatten am Dienstag den letzten großen Militärstützpunkt des Regimes in der Region, eingenommen. Bei Luftangriffen der Regierung starben in Idlib mehr als 70 Menschen, darunter 22 Zivilisten.

Das IS-Herrschaftgebiet erstreckt sich vor allem über den Norden und Osten Syriens. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Wüstengebiete. Auch im benachbarten Irak kontrollieren sie riesige Regionen. Dort hatten sie im Westen des Landes am vergangenen Wochenende die Provinzhauptstadt Ramadi eingenommen. Die Terrormiliz beherrsche nun auch fast alle Öl- und Gasfelder Syriens, erklärten die Menschenrechtsbeobachter. Die Extremisten finanzieren sich hauptsächlich aus dem Verkauf von Öl.

Die humanitäre Lage in Palmyra sei schwierig, sagte der Leiter der Menschenrechtler, Rami Abdel Rahman. Das Regime habe mehrere Luftangriffe gegen IS-Stellungen geflogen.

Aktivisten des Medienzentrums Palmyra berichteten, die Terrormiliz habe eine Ausgangssperre verhängt und durchkämme die Häuser auf der Suche nach Regierungsanhängern. Demnach schnitten die Extremisten mehreren Kämpfern des Regimes die Kehle durch. Laut den Menschenrechtsbeobachtern ist in Palmyra seit vier Tagen der Strom ausgefallen. Die Medienaktivisten berichteten, es gebe auch kein Wasser und keine medizinische Versorgung mehr. Unklar ist, wie viele Menschen sich noch in Palmyra aufhalten. Den Aktivisten zufolge sind noch mehrere Zehntausend Menschen in der Stadt. Mehr als die Hälfte seien Flüchtlinge. Die Angaben der Aktivisten zur Lage in der Stadt ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Schon in der Vergangenheit vernichteten Extremisten wertvolle Kulturgüter.

Nordirak

Die heutige nordirakische Provinz Ninawa war im alten Orient Zentrum früher Hochkulturen. Im Februar 2015 zerstört die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Museum der Stadt Mossul und an der Grabungsstätte Ninive Jahrtausende alte Statuen aus assyrischer Zeit. Viele von ihnen waren laut Experten echt. Die historische Stadt Nimrud südlich von Mossul sollen die Dschihadisten mit Bulldozern überfahren haben.

Timbuktu

In der Wüstenstadt im Norden Malis zerstören Kämpfer der islamistischen Rebellengruppe Ansar Dine 2012 mehrere muslimische Mausoleen, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Die Islamisten begründeten ihre Tat damit, dass die Stätten mit den Überresten islamischer Gelehrter der Heiligenverehrung gedient hätten.

Bamian-Tal

In Afghanistan sprengen die radikalislamischen Taliban 2001 zwei monumentale Buddha-Statuen. Sie wurden von unbekannten Künstlern vermutlich zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert nach Christus in den Fels geschlagen und waren Zeugen der präislamischen Vergangenheit Afghanistans.

Ayodhya

Fanatische Hindus verwandeln 1992 die Babri-Moschee im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh in ein Trümmerfeld, um an deren Stelle einen Tempel zu bauen. Angeblich wurde die Moschee 1528 an einem Ort errichtet, wo zuvor ein Hindutempel gestanden hatte.

Ayodhya gilt Hindus als eine der sieben heiligen indischen Städte. Landesweite Unruhen brechen aus, rund 2000 Menschen werden getötet.

 
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