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Nach Anschlägen in Paris : IS, Daesh, ISIL: Die vielen Namen der Terroristen

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Für die Terrortruppe im Nahen Osten und Afrika gibt es viele Bezeichnungen. Alle sind tückisch, keine stimmt so richtig.

shz.de von
erstellt am 18.Nov.2015 | 11:54 Uhr

IS, IStIGS, ISIL, ISIS, Daesh – die für die Anschläge in Paris verantwortliche Terrororganisation hat viele Namen – alle mit Tücken. Die Dschihadisten selbst haben ihre Eigenbezeichnung mehrfach geändert, zuletzt auf „Islamischer Staat“. Aber sollte man einen Propagandanamen verwenden, der den Anspruch auf Vertretung einer Religion und auf völkerrechtliche Staatlichkeit einschließt?

Während das Auswärtige Amt sich an das angesichts der territorialen Situation überholte „ISIS“ (Islamischer Staat im Irak und in Syrien) klammert, haben sich die USA auf „ISIL“ festgelegt. Das „L“ steht für Levante, eine Allegorie auf das „Morgenland“.

Deutsche Sicherheitsbehörden erfanden zusätzlich den „Islamischen Staat in Großsyrien IStIGS“, wobei der Begriff „Großsyrien“, einst im Westen als Terminus für einen großarabischen Staat erfunden, selbst problematisch ist. Spätestens seitdem sich die nigerianische Miliz Boko Haram mit den Gruppen in Syrien und Irak verbündet hat, ist der Versuch geographisch-semantischer Korrektheit ohnehin obsolet.

Alle diese Bezeichnungen tragen das „S“ in sich, also den „Staat“. Ein Wort, dessen offizielle Benutzung aufgrund völkerrechtlicher Ansprüche und Genfer Konvention tiefreichende Konsequenzen – vor allem bei der Kriegsführung – haben könnte. Das mag ein Grund sein, warum Frankreichs Präsident François Hollande darauf verzichtet – und vom „Daesch“ spricht.

In seinen jüngsten Reden spricht Hollande zwar vom „Krieg“, was gemeinhin einen zwischenstaatlichen Konflikt impliziert, doch der Begriff „Islamischer Staat“ geht ihm bewusst nicht über die Lippen. Zwar ist „Daesh“ im Grunde nichts anderes als die arabische Entsprechung der Abkürzung „ISIL“. Geographisch ist der Begriff also ebenfalls überholt. Der Vorteil aus westlicher Sicht: Die Terrororganisation selbst lehnt den Begriff „Daesch“ ab, im arabischen Raum hat er einen negativ-kritischen Beigeschmack.

Es ist ein schnippischer Begriff, dessen Verwendung bei den Terroristen unter Strafe steht. Nur die Gegner der Dschihadisten nehmen die Verballhornung in den Mund. Im Arabischen sollen zwei beinahe gleich klingende Wörter existieren: „Daes“ und „Dahes“. Ersteres bedeutet so viel wie „etwas mit Füßen zertreten“, letzteres bezeichnet jemanden, der Unfrieden sät. Der französische Außenminister Laurent Fabius hatte lange vor Hollande darauf bestanden, die Bezeichnung „IS“ nicht zu verwenden. Sie verwische die Trennlinien zwischen Islam, Muslimen und Islamisten. „Daesh“ sei kein Staat, sondern eine Mörderbande.

Frankreich vermeidet derzeit, einen Bündnisfall in die Diskussion zu bringen, wie ihn etwa Artikel 5 des Nato-Vertrags vorsieht. Eine sprachliche Definition der Terroristen als „Staat“ wäre dafür aber auch nicht nötig. Denn der nordatlantische Vertrag setzt einen „bewaffneten Angriff“ auf dem Gebiet eines der Mitgliedstaaten voraus. Ob von einem Staat oder einer anderen Organisation von außen ist dabei relativ unerheblich. Der Bündnisfall kann auch dann ausgerufen werden, wenn die Aggression auf eine ausländische terroristische Vereinigung zurückgeht. Einem gemeinsamen Verteidigungsfall müssten alle 28 Verbündeten zustimmen – auch die Türkei. Frankreich setzt derzeit auf die EU-Beistandsklausel (Paragraf 42, Artikel 7). Nach dieser noch nie zur Anwendung gekommenen Regel schulden sich die Mitgliedstaaten „alle in ihrer Macht stehende Hilfe und Unterstützung" bei Angriffen auf das Hoheitsgebiet. In welcher Form die bindende Unterstützung erfolgen würde, ist unklar. Es wäre ein Präzendenzfall.

Auch unter Journalisten wird die weitere Nutzung von „IS“ eifrig diskutiert. Mit dem Begriff schmückt sich die ehemalige „ISIS“ seit der Proklamation des Kalifats im Juni 2014, um ihre Transnationalität und ihre quasi-staatliche Macht herauszustellen. Es ist ein Propagandabegriff, mit dem die Terroristen sich selbst in die Nachfolge des Propheten Mohammed stellen – eine schiere Anmaßung. Die Medien hierzulande haben den Begriff von den Dschihadisten übernommen und in den Alltagsgebrauch überführt. Infolgedessen macht sich nunmehr die sperrige Bezeichnung „selbsternannter Islamischer Staat“ breit. Auch „Daesh“ wird unter Journalisten als Begriff diskutiert, beim sh:z und auch bei der Deutschen Presse-Agentur. Zwischenergebnis: Das Wort ist (noch) zu wenig im deutschen Sprachraum verbreitet und deshalb für viele Leser nicht verständlich.

Auch Lutz Berger, Professor für Islamwissenschaften an der Uni Kiel, empfiehlt die Verwendung des Begriffes „Islamischer Staat“. Um sich zu distanzieren, könne man ein „sog.“ voranstellen. „IS“ bleibt also der Kompromiss, auch wenn er unglücklicherweise Teile der Ideologie der Dschihadisten transportiert.

„IS“, so bezeichnen auch unsere dänischen Nachbarn die Terrortruppe. „Is“ bedeutet dagegen etwas völlig anderes: Speiseeis. Ein Hersteller hat dabei ein besonderes Problem. Er verkauft „Is“ unter dem Markennamen „Isis“. Die Assoziation zu einer Mörderbande war den Marketing-Managern der Firma nach den Pariser Anschlägen dann doch zu kritisch. Am Montag gaben sie via Facebook bekannt, die Marke „Isis“ wegen der unglücklichen Assoziation nicht länger aufrechtzuerhalten.

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