Wohnungen in England gestürmt : IS bekennt sich zu Terroranschlag in London – Deutscher verletzt

<p>Polizisten am Anschlagsort: Die Westminster Bridge blieb am Donnerstag gesperrt.</p>
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Polizisten am Anschlagsort: Die Westminster Bridge blieb am Donnerstag gesperrt.

Die Ermittlungen werden auf das Umfeld des Täters ausgeweitet. Experten gehen von einem islamistischen Motiv aus.

shz.de von
23. März 2017, 12:45 Uhr

London | Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat den Terroranschlag in London für sich beansprucht. Ein „Soldat“ des IS habe die Operation ausgeführt, meldete das als Nachrichtenagentur getarnte IS-Sprachrohr Amak am Donnerstag über das Internet unter Berufung auf nicht näher genannte Kreise der Extremisten. Der Angreifer sei damit Aufrufen gefolgt, Bewohner von Staaten der internationalen Koalition anzugreifen. Die Echtheit der Nachricht ließ sich zunächst nicht überprüfen. Sie wurde aber über die üblichen IS-Kanäle verbreitet. Auf diesem Weg hatten sich die Extremisten auch zu anderen Attentaten in Europa bekannt.

Nach dem Terroranschlag in London hat die Polizei bei mehreren Razzien im Land acht Personen festgenommen. In London, Birmingham und anderen Orten seien Wohnungen durchsucht worden, teilte ein Sprecher von Scotland Yard am Donnerstag mit. In welcher Beziehung die Festgenommenen zu dem Täter stehen, sagte er nicht. „Wir gehen immer noch davon aus, dass der Angreifer ein Einzeltäter war“, sagte ein Polizeisprecher. Der Mann sei durch den internationalen Terrorismus zu der Tat angeregt worden. Eine Gefährdung der Bevölkerung bestehe derzeit nicht. Laut der britischen Premierministerin Theresa May stammt der Attentäter aus Großbritannien und war der Polizei bekannt.

Der Anschlag in London ereignete sich am Jahrestag der Anschläge von Brüssel. Dort hatten am Mittwoch Menschen der Terroranschläge vor genau einem Jahr gedacht. Drei islamistische Selbstmordattentäter rissen am 22. März 2016 am Flughafen und in der U-Bahn 32 Menschen mit in den Tod und verletzten mehr als 300 weitere. Beim letzten Terroranschlag in London hatten im Juli 2005 vier Muslime mit britischem Pass in der Londoner U-Bahn und einem Bus Sprengsätze gezündet. 56 Menschen starben, etwa 700 wurden verletzt.

Auch die Pariser Anti-Terrorstaatsanwaltschaft ermittelt, da drei französische Schüler verletzt wurden. Es gehe um den Vorwurf eines Mordversuchs in Verbindung mit einem terroristischen Vorhaben, bestätigten Justizkreise am Donnerstag. Die Untersuchung wurde an die Anti-Terroreinheit der Kriminalpolizei und den Inlandsgeheimdienst DGSI übergeben.

Die Polizei korrigierte die Zahl der Toten von fünf auf vier. 29 Menschen wurden am Donnerstag noch in Krankenhäusern behandelt. Unter ihnen ist auch ein Deutscher. Das sagte die britische Premierministerin Theresa May am Donnerstag im Parlament. Sieben der Verletzten sind laut Scotland Yard in einem kritischen Zustand. Zu den Verletzten zählen außer dem Deutschen zwölf Briten, drei Franzosen, zwei Rumänen, vier Südkoreaner, ein Pole, ein Ire, ein Chinese, ein Italiener, ein Amerikaner und zwei Griechen. „Wir stehen im engen Kontakt mit den Regierungen der betroffenen Länder.“ Auch drei Polizisten seien verletzt worden, sagte May weiter.

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Der Attentäter war am Mittwoch zunächst auf der Westminster-Brücke neben dem Parlament mit einem Auto in Passanten gerast. Dabei starben ein Mann, etwa 50 Jahre alt, und eine Frau in den 40ern. Anschließend erstach der Mann auf dem Parlamentsgelände einen Polizisten. Die Polizei erschoss den Angreifer.

Der britische Verteidigungsminister Michael Fallon geht davon aus, dass der Anschlag „in Verbindung zum islamistischen Terrorismus“ steht. Die Sicherheitsmaßnahmen um das Parlament würden überprüft.

„Dieser Anschlag passt genau in das Muster der Anschläge, die wir gesehen haben von Nizza und Berlin. Das ist genau die Art von Anschlag, die der IS promoted und anstiften will“, sagte der deutsche Terrorismusforscher Peter Neumann. Neumann leitet das internationale Zentrum zur Erforschung von Radikalisierung (ICSR) am King's College in London und berät auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Sachen Deradikalisierung von Islamisten.

Bei den Anschlägen in Nizza und Berlin waren die Täter mit Lastwagen in Menschenmengen gerast. „Wir dürfen uns nicht beugen; wir dürfen nicht zulassen, dass die Terroristen Erfolg haben und unseren Lebensstil zerstören oder Gemeinden spalten“, sagte der Londoner Bürgermeister Sadiq Kahn.

Der französische Außenminister Jean-Marc Ayrault wollte in der britischen Hauptstadt mit Behördenvertretern sprechen und die Familien der französischen Opfer treffen.

Das Berliner Abgeordnetenhaus gedachte mit einer Schweigeminute der Terroropfer in der Partnerstadt London. „Berlin fühlt mit den Opfern und den Angehörigen“, schrieb Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller seinem britischen Kollegen Khan. Nur wenige Monate nach dem schrecklichen Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt mit zwölf Toten seien jetzt in London wegen eines feigen Anschlags wieder Menschen gestorben und verletzt worden.

Die Tat löste international Bestürzung und Anteilnahme aus. Das britische Parlament und Scotland Yard gedachten ebenso wie Abgeordnete in Deutschland der Opfer. Paris schaltete die Beleuchtung des Eiffelturms ab, das Brandenburger Tor in Berlin sollte in den Farben der britischen Flagge angestrahlt werden. Für 19 Uhr ist eine Gedenkveranstaltung auf dem Trafalgar Square in London geplant.

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