Jahrestag der Reichspogromnacht : Interesse an NS-Gedenkstätten wächst – auch in Schleswig-Holstein

Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme im Südosten von Hamburg.

Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme im Südosten von Hamburg.

Es scheint ein Bedürfnis vieler zu sein, sich an Originalschauplätzen ein eigenes Bild von den Verbrechen des NS-Regimes zu machen.

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09. November 2017, 13:59 Uhr

Zum Jahrestag der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 verzeichnen die NS-Gedenkstätten ein deutlich gestiegenes Interesse. Besuchergruppen müssen teilweise mit langen Wartezeiten rechnen. Viele Menschen wollen sich offenbar selbst ein Bild von den Konzentrationslagern der Nazis machen. Das ergab eine Umfrage des Nachrichtenportals RP-Online.

Demnach verdoppelte sich die Zahl der Besucher der KZ-Gedenkstätte Auschwitz in den zurückliegenden zehn Jahren von 989.000 auf über zwei Millionen, darunter stieg die Zahl der Besucher aus Deutschland von 50.200 auf 92.000. Ähnlich sieht es in der KZ-Gedenkstätte im oberbayerischen Dachau aus. Dort stiegen die Besuchszahlen von 800.000 auf eine Million. In Niedersachsen müssten Besuchergruppen laut Landesstiftung Wartezeiten von bis zu einem Jahr in Kauf nehmen. Der Zustrom von Gruppen und Schulklassen sei enorm, hieß es.

Der schmiedeeiserne Schriftzug „Arbeit macht frei“ am Tor des früheren Stammlagers des Konzentrationslagers „Auschwitz-Birkenau“ in Polen.
dpa

Der schmiedeeiserne Schriftzug „Arbeit macht frei“ am Tor des früheren Stammlagers des Konzentrationslagers „Auschwitz-Birkenau“ in Polen.

 

In den 26 Gedenkstätten und Erinnerungsorten in Nordrhein-Westfalen wurde der bisherige Spitzenwert von 278.000 Besuchern im Jahr 2015 ebenfalls geknackt. 330.000 Besucher kommen mittlerweile jährlich. „Die Authentizität an den Erinnerungsorten ermöglicht einen größeren Wahrheitszugriff“, sagt der Leipziger Professor für Geschichtsdidaktik, Alfons Kenkmann.

Die AfD fordert seit längerem eine „erinnerungspolitischen Wende“. Doch die spiegelt sich im Interesse des Publikums offensichtlich nicht wider. Denn auch am Ort der Information innerhalb des Holocaust-Mahnmals in Berlin liegt die Nachfrage an vielen Tagen nahe an der Kapazitätsgrenze von 2500 Besuchern täglich.

Trend auch in Schleswig-Holstein und Hamburg zu beobachten

Harald Schmid von der Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten kann den Trend auch für das nördlichste Bundesland bestätigen. „Grundsätzlich steigen auch hierzulande die Besuchszahlen und es wird fortlaufend modernisiert. Die Bedingungen in Schleswig-Holstein sind allerdings andere“, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter. Demnach habe es in Schleswig-Holstein selbst kein großes Lager gegeben, sondern unter anderem auch einige kleine Außenstellen des Lagers in Hamburg-Neuengamme. Die rund ein Dutzend Gedenkorte im Land sind weniger bekannt, weshalb die Besucherströme eher zu den großen Gedenkstätten wie Auschwitz oder Dachau gehen. Die meisten Gäste verzeichne die Gedenkstätte Lübecker Märtyrer, sagt Schmid. 10.000 Besucher werden dort jährlich gezählt. Die kleineren Gedenkstätten besuchen rund 5000 Interessierte im Jahr.

Drei katholische Kapläne und ein evangelischer Pastor wurden von den Nationalsozialisten wegen offen geäußerter Kritik am Regime im November 1943 hingerichtet.
dpa
Drei katholische Kapläne und ein evangelischer Pastor wurden von den Nationalsozialisten wegen offen geäußerter Kritik am Regime im November 1943 hingerichtet. Daran erinnert die Gedenkstätte Lübecker Märtyrer.

„Das Thema ist bei der Politik mittlerweile angekommen, weshalb auch die Fördermittel von Bund und Land steigen“, sagt der Leiter der KZ-Gedenkstätte in Ladelund (Kreis Nordfriesland), Raimo Alsen. Vom 1. November bis 16. Dezember 1944 bestand in der Gemeinde Ladelund ein Konzentrationslager. Die SS ließ 2000 Häftlinge aus zwölf Nationen zwischen Humptrup und Ladelund Panzerabwehrgräben ausheben. Damit sollte ein befürchteter Einmarsch der alliierten Truppen von Norden aufgehalten werden. Die Dauerausstellung im Dokumentenhaus wird momentan modernisiert. Am 18. und 19. November soll sie eröffnen. Das ehemalige Lagergelände, der Ort der Zwangsarbeit und die Gräber sind jederzeit frei zugänglich.

Der Leiter der KZ-Gedenkstätte Ladelund, Raimo Alsen, an der zentralen Gedenkstätte. In dem Dokumentenbuch sind die Namen der Toten und die Grabstelle verzeichnet.
Gerrit Hencke
Der Leiter der KZ-Gedenkstätte Ladelund, Raimo Alsen, an der zentralen Gedenkstätte. In dem Dokumentenbuch sind die Namen der Toten und die Grabstelle verzeichnet.
 

Iris Groschek, Pressesprecherin der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, sieht ebenfalls steigende Besucherzahlen. Rund 100.000 Besucher und 2000 Gruppen kämen jährlich nach Neuengamme. „Viele Touristen kommen während ihres Aufenthalts in Hamburg zu uns und interessieren sich für das, was hier passiert ist“, sagt Groschek. Bei vielen überwiege die Neugier, da Neuengamme kleiner und unbekannter sei, als die großen Gedenkstätten. „Eine Besucherumfrage im Sommer hat gezeigt, dass die Menschen es wichtig finden, dass es solche Orte gibt“, so die Pressesprecherin.

Bis 1945 war Neuengamme das zentrale Konzentrationslager Nordwestdeutschlands. Zehntausende Menschen aus allen besetzten Ländern Europas kamen als KZ-Häftlinge in die stillgelegte Ziegelei in dem Hamburger Stadtteil. Insgesamt kamen mindestens 42.900 Menschen im Hauptlager Neuengamme, in den Außenlagern oder im Zuge der Lagerräumungen bei Todesmärschen und bei dem Bombardement von KZ-Schiffen ums Leben. Tausende Häftlinge starben an den Folgen der KZ-Haft.

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