Altersarmut : Immer mehr Rentner stehen bei Tafeln für Essen an

Nach Verbandsangaben versorgen mehr als 900 Tafeln in Deutschland bis zu 1,5 Millionen Menschen regelmäßig mit Lebensmitteln.

Nach Verbandsangaben versorgen mehr als 900 Tafeln in Deutschland bis zu 1,5 Millionen Menschen regelmäßig mit Lebensmitteln.

Der Sozialverband VdK sieht darin ein deutlich sichtbares Zeichen für die steigende Altersarmut und fordert grundlegende Korrekturen.

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21. Dezember 2017, 13:51 Uhr

Nach Angaben des Bundesverbandes der Tafeln in Deutschland hat sich die Zahl der bedürftigen Senioren binnen zehn Jahren verdoppelt. Der Verbandsvorsitzende Jochen Brühl sagte unserer Redaktion: „Fast jeder vierte Tafelkunde ist mittlerweile Rentner. Das sind in etwa 350.000 Menschen.“ 2007 seien noch gut 12 Prozent der Bedürftigen Senioren gewesen. Nach Angaben des Dachverbandes gibt es hierzulande mehr als 900 Tafeln, die regelmäßig bis zu 1,5 Millionen Menschen mit Lebensmitteln versorgen. 60.000 Helfer engagieren sich ehrenamtlich.

Brühl appellierte an die Politik, Armut ernsthaft zu bekämpfen. „Es nützt doch nichts, wenn Politiker in Wahlkampfzeiten unsere Essensausgaben besuchen. Das lehne ich zunehmend ab.“ Gerne könnten die Volksvertreter außerhalb des Wahlkampfs vorbeischauen und helfen, „aber für schöne Bilder halten wir nicht her“. Er forderte von der Politik: „Macht endlich mal was und redet nicht nur.“ Armut sei der Nährboden für das Gefühl abgehängt zu sein „und damit letztlich auch Wegbereiter des Extremismus“.

Ein Armutszeugnis

Dass es die Tafel überhaupt geben muss, ist nach den Worten von VdK-Präsidentin Ulrike Mascher ein Armutszeugnis für Deutschland. „Wenn 350.000 Senioren regelmäßig darauf angewiesen sind, bei den Tafeln für kostenlose Lebensmittel anzustehen, dann ist das ein deutlich sichtbares Signal dafür, dass die Altersarmut auf dem Vormarsch ist“, sagte Mascher unserer Redaktion.

Insbesondere Erwerbsminderungsrentner leben nach den Worten von Mascher wegen der hohen Abschläge, die sie auf ihre Renten hinnehmen müssen, oft an der Armutsgrenze. Außerdem seien viele Frauen von Altersarmut betroffen. Und: „Für immer mehr Rentner werden auch hohe Mieten ein immer größeres Problem. Wir brauchen eine Kehrtwende in der Wohnungspolitik. Der soziale Wohnungsbau muss oberste Priorität haben“, sagte die VdK-Präsidentin.

Mascher drängte zudem darauf, das Rentenniveau auf 50 Prozent anzuheben und Kürzungsfaktoren in der Rentenformel abzuschaffen, „damit die Renten wieder parallel zu den Löhnen steigen“. Außerdem verlangte die VdK-Präsidentin erneut eine Abschaffung der Abschläge für Erwerbsminderungsrentner. Und sie plädierte für einen Freibetrag von monatlich 200 Euro in der Grundsicherung, „damit Leistungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung, wie etwa die Mütterrente, nicht auf die Grundsicherung angerechnet werden“.

Armutsgefährdungsquote steigt

Am Jahresende 2016 bezogen dem Sozialverband zufolge 522.492 Personen Leistungen der Grundsicherung im Alter. Ende 2006 hatte diese Zahl laut VdK noch bei rund 371.000 gelegen. Rechnet man auch noch diejenigen hinzu, die als Erwerbsgeminderte auf Grundsicherung angewiesen sind, liegt die Zahl der betroffenen Volljährigen demnach bei über einer Million.

Die Deutsche Rentenversicherung nennt eine andere Zahl. Sie teilte auf Anfrage mit: „Von den Beziehern einer Altersrente aus der gesetzlichen Rentenversicherung erhielten nach Erreichen der regulären Altersgrenze (2016: 65 Jahre und 5 Monate) 404.836 Personen zusätzliche Leistungen der Grundsicherung im Alter.“ Insgesamt wurden demnach 15.741.615 Altersrenten an Personen gezahlt, die die reguläre Altersgrenze bereits erreicht hatten. Die 404.836 Personen, die zusätzliche Leistungen der Grundsicherung im Alter erhielten, entsprachen rund 2,6 Prozent.

Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V.
dpa

Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V.

 

Aktuell, so ein Sprecher der Rentenversicherung weiter, „stehen die meisten Rentner im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen relativ gut dar. Mehr als 97 Prozent der Rentner verfügen über mindestens so viel Einkommen, dass sie keine ergänzende Grundsicherung beziehen müssen.“ Wichtig sei, genau hinzusehen bei den Menschen, bei denen das Risiko von Armut im Alter besonders hoch sei: Selbstständige mit oft unstetigen Erwerbsbiografien, Erwerbsgeminderte, Langzeitarbeitslose und Niedrigverdiener. Bei diesen Personenkreisen sei das Armutsrisiko im Alter deutlich höher als bei sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.

Die Armutsgefährdungsquote bei den Rentnern und Rentnerinnen sei innerhalb von zehn Jahren von 10,7 auf 15,9 Prozent gestiegen, teilte der Sozialverband VdK mit. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind hierzulande insgesamt 16 Millionen Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Die Statistiker verwenden dabei einen weiten Armutsbegriff. Als gefährdet gelten danach alle Personen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, wobei die Armutsschwelle bei 1064 Euro für Alleinstehende liegt und bei 2234 Euro monatlich für eine vierköpfige Familie.

Das Interview mit Jochen Brühl im Wortlaut:

Herr Brühl, die Tafeln feiern im kommenden Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum. Was hat sich in dieser Zeit in der Tafelarbeit geändert?

Ein Aspekt ist sicherlich die Kundenstruktur. Zu Beginn haben wir schwerpunktmäßig Obdachlose unterstützt, dann kamen Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion, in jüngerer Zeit kommen viele Alleinerziehende und zuletzt suchten immer mehr Flüchtlinge Hilfe bei den Tafeln. Um 18 Prozent sind 2015 unsere Kundenzahlen im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise nach oben geschnellt. Mittlerweile ist es so: Viele Flüchtlinge sind Helfer bei den Tafeln. Entweder als Ehrenamtliche oder im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes. Tafeln sind ein Seismograf der Gesellschaft und merken schnell, wenn es irgendwo in der Gesellschaft klemmt.

Welchen aktuellen Trend beobachten Sie?

Die Zahl der Rentner, die Tafeln aufsuchen, steigt. Fast jeder vierte Tafelkunde ist mittlerweile Rentner. Das sind in etwa 350.000 Menschen. Im Jahr 2007 betrug der Prozentsatz der Rentner bei den Tafeln knapp 12 Prozent. Heute sind etwa 23 Prozent der Tafel-Kunden Rentner mit ganz unterschiedlichen Biografien. Mir im Gedächtnis ist eine 75-jährige Witwe aus Süddeutschland, die vier Kinder groß gezogen hat, jetzt von kleiner Rente lebt, die sie mit vier Putzjobs aufbessert. Da hat es Überzeugungsarbeit gebraucht, dass sie zur örtlichen Tafel geht. Ihren Kindern will sie nicht zur Last fallen. Das ist eine der alltäglichen Geschichten.

Wie passt das mit den guten wirtschaftlichen Rahmendaten zusammen?

Zu uns kommen erwerbstätige Menschen, die von ihrer Arbeit nicht leben können. Sinkende Arbeitslosenzahlen bedeuten nicht gleichzeitig eine Abnahme der Armut. Arbeit schützt heutzutage nicht vor Armut. Und als logische Konsequenz daraus reicht es dann auch nicht, sein Leben lang gearbeitet und in die Sozialversicherungssysteme eingezahlt zu haben.

Wo müsste die Politik anpacken?

Zunächst einmal müsste die Politik das Thema überhaupt ernsthaft angehen. Es nützt doch nichts, wenn Politiker in Wahlkampfzeiten unsere Essensausgaben besuchen. Das lehne ich zunehmend ab: Gerne außerhalb des Wahlkampfs vorbeischauen und helfen, aber für schöne Bilder halten wir nicht her. Ich sage: Macht endlich mal was und redet nicht nur! Das Problem ist dabei sicherlich, dass arme Menschen keine Lobby haben. Und wer arm ist, der hat auch keine Zeit für seine Anliegen zu demonstrieren. Der muss arbeiten, um über die Runden zu kommen. Wir versuche,n Betroffene nicht nur mit Lebensmitteln zu unterstützen, sondern ihnen auch eine Stimme zu geben, damit sie gehört werden. Armut ist der Nährboden für das Gefühl abgehängt zu sein, eh keine Chance zu haben und damit letztlich auch Wegbereiter des Extremismus.

Nun steht Weihnachten vor der Tür...

Weihnachten ist für Menschen in Armut, für einsame Menschen die schlimmste Zeit. An Weihnachten aber auch in der Adventszeit schlägt nicht nur die materielle Komponente der Armut durch, sondern auch der soziale Aspekt. Was bringt es, ohne Geld auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, wenn sie sich dort keinen Glühwein oder Kakao leisten können? Dann bleiben sie eben zu Hause. Gleiches gilt für die Kinder. Wo alle feiern, wo alle über große Geschenke reden, merkt man deutlich, wie abgehängt manche Menschen sind. Deshalb haben viele Tafeln besondere Weihnachtsaktionen ins Leben gerufen und brauchen dabei die Unterstützung der Öffentlichkeit.

Interview: Dirk Fisser

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