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Verbrechen in Korfu und Mord in Freiburg : Hussein K. reist ungehindert durch Europa - eine Chronologie

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In Griechenland verschwand er, in Freiburg mordete Hussein K. möglicherweise. shz.de rekonstruiert den Fall.

Korfu/Freiburg | Der Fall des mutmaßlichen Mörders von Freiburg führt zu Irritationen zwischen Deutschland und Griechenland. Nach Angaben der griechischen Behörden waren die Fingerabdrücke und Personalien des Verdächtigen Hussein K. seit seiner Ankunft als Flüchtling in Griechenland 2013 im europäischen Eurodac-System gespeichert.

Durch den Fall Hussein K. ist eine neue Diskussion über den Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland und Europa entbrannt.

„Diese Daten waren allen europäischen Sicherheitsbehörden zugänglich“, hieß es am späten Donnerstagabend aus der griechischen Regierung. Zuvor hatte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) den griechischen Behörden schwere Vorwürfe gemacht. Der Mann wurde nach Verstößen gegen Bewährungsauflagen in Griechenland nicht international zur Fahndung ausgeschrieben. Über das Thema sprechen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und der griechische Ministerpräsident Alexis Tsirpas am Freitag in Berlin. shz.de rekonstruiert den Fall.

Januar 2013

Hussein K. reist im Schatten tausender Flüchtlinge nach Europa. In einer Zeit also, in der die Datenbank Eurodac zur Registrierung aller Fingerabdrücke noch im Aufbau war.

26. Mai 2013

Auf der griechischen Insel Korfu wird eine 20-jährige Studentin eine hohe Klippe hinabgeworfen. Das Opfer überlebt schwer verletzt. Der Täter ist Hussein K..

Februar 2014

Hussein K. wird in Griechenland wegen Raubes und versuchten Mordes an der Studentin zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Oktober 2015

Etwas mehr als nur anderthalb Jahre nach dem Urteil wird Hussein K. auf Bewährung schon wieder aus der Haft entlassen. Für ihn gelten bestimmte Auflagen. Er soll sich zum Beispiel regelmäßig bei der örtlichen Polizei melden. Nach kurzer Zeit aber taucht er unter.

Grund für die Freilassung soll ein Amnestiegesetz des damaligen Justizministers Nikos Paraskevopoulos gewesen sein. Dieser hatte im April 2015, unter Ministerpräsident Alexis Tsipras, verfügt, dass Gefangene freikommen sollen, um die chronisch überfüllten griechischen Gefängnisse zu entlasten.

Voraussetzung dafür soll angeblich gewesen sein, dass Gefangene bereits einige Zeit in Haft waren und bis zu maximal zehn Jahren Haft verurteilt wurden.

„Die Freilassung war legitim und völlig gesetzeskonform“, sagt der Generalsekretär des griechischen Justizministeriums, Eftyxis Fytrakis, der „Bild“-Zeitung: „Sein Betragen war exzellent. Er besuchte die Schule in der 6. und 7. Klasse, leistete 581 Tage freiwillige Arbeit ab.“

November 2015

Im November 2015 kommt Hussein K. nach Deutschland, beantragt Asyl und wird in Freiburg in einer Pflegefamilie untergebracht. Dort lebt er bis zu seiner Festnahme.

Bei seiner Einreise gibt Hussein K. an, er stamme aus Afghanistan und sei 1999 geboren. Verlässliche Dokumente legte er nach Angaben der Freiburger Staatsanwaltschaft nicht vor.

6. Oktober 2016

Eine 19 Jahre alte Medizinstudentin wird am Fluss Dreisam in Freiburg vergewaltigt, sie stirbt am Tatort durch Ertrinken. Sie war nachts mit dem Fahrrad alleine auf dem Weg von einer Studenten-Party nach Hause, als sie Opfer des Verbrechens wurde.

Dezember 2016

Sieben Wochen nach der Tat in Freiburg wird Hussein K. festgenommen. Am Tatort finden Ermittler seine DNA-Spuren. Hussein K. äußert sich nicht. Er hat einen Anwalt und sitzt in einem Gefängniskrankenhaus bei Ludwigsburg. Hintergrund ist eine mögliche Suizidgefahr.

Wie können solche Fälle verhindert werden?

Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) forderte außer einem europäischen Fahndungs- auch ein europäisches Strafregister. „Ein Standard muss auch sein, dass jeder unbegleitete minderjährige Ausländer zwingend erkennungsdienstlich behandelt wird“, sagte er. Auch Strobl reagierte mit Unverständnis auf das Verhalten Griechenlands. „Man kann es niemandem vermitteln, dass ein angeblich minderjähriger Flüchtling, der eine solche Straftat begangen hat und dann seinen Meldeauflagen nicht nachkommt, nicht zur internationalen Fahndung ausgeschrieben wird. Wäre das geschehen, wäre der mutmaßliche Täter aufgefallen.“

Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), André Schulz, sieht die Schuld nicht nur bei Griechenland. „Ich halte nichts davon, jetzt nach dem Fall Freiburg mit dem Finger auf Griechenland zu zeigen“, sagte er der „Welt“, nachdem er den griechischen Behörden zuvor selbst „eklatantes Versagen“ vorgeworfen hatte. Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, geht davon aus, dass neben dem mutmaßlichen Mörder von Freiburg weitere bereits verurteilte Straftäter aus anderen EU-Ländern nach Deutschland eingereist sind. „Die Wahrscheinlichkeit ist sogar sehr hoch“, sagte der Gewerkschafter am Freitagmorgen im Inforadio des Rundfunks Berlin-Brandenburg.

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erstellt am 16.Dez.2016 | 13:49 Uhr

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