Schweden protestiert : Hongkonger Buchhändler wieder «entführt»

Wie im Thriller: Männer in Zivil holen den kranken Buchhändler aus dem Zug. Zwei schwedische Diplomaten müssen hilflos zuschauen. Gui Minhai ist Schwede, wird aber wie ein Chinese behandelt. Wo ist er jetzt? Wie geht es in der Krise zwischen Stockholm und Peking weiter?

shz.de von
23. Januar 2018, 13:23 Uhr

Der Fall des in China festgehaltenen Hongkonger Buchhändlers Gui Minhai hat eine überraschende Wende genommen. Sein erneutes Verschwinden sorgt für politische Verstimmung zwischen China und Schweden, dessen Staatsbürgerschaft er hält.

Unter den Augen von zwei schwedischen Diplomaten sei der 53-Jährige im Zug von Ningbo nach Peking von Sicherheitsbeamten in Zivil abgefangen und abgeführt worden, berichtete seine in England lebende Tochter Angela Gui der «South China Morning Post» und dem schwedischen Radio.

Der Buchhändler, der unter einer neurologischen Erkrankung leide, habe am Samstag zu einer medizinischen Untersuchung in Schwedens Botschaft nach Peking fahren wollen. «Ich denke, es ist ziemlich offensichtlich, dass er wieder entführt wurde und irgendwo an einem geheimen Ort festgehalten wird», sagte die Tochter im Radio. «Angesichts seines Gesundheitszustandes ist das sehr beunruhigend.»

Aus Protest bestellte die schwedische Regierung in Stockholm den chinesischen Botschafter ein. «Die Lage hat sich seit Samstagmorgen verschlechtert, und wir arbeiten rund um die Uhr an dieser Sache», sagte Außenministerin Margot Wallstrom dem schwedischen Radio. Das Außenministerium in Peking hüllte sich am Dienstag in Schweigen über das Schicksal von Gui Minhai. Die Sprecherin betonte nur, dass sich Ausländer wie auch Diplomaten an chinesische Gesetze halten müssten.

Nach Absitzen einer Haftstrafe in China wird Gui Minhai nach Angaben seiner Familie an der Ausreise gehindert. Er wurde im Oktober entlassen und lebte seither in Ningbo in einer Art Hausarrest. Gui Minhai ist einer von fünf Buchhändlern, die in Hongkong politisch heikle Bücher über China herausgegeben hatten und 2015 verschwunden waren. Alle fünf tauchten in China auf. Bis auf Gui Minhai sind alle wieder auf freiem Fuß. Drei von ihnen schweigen über die Vorfälle.

Gui Minhai war im Oktober 2015 im Urlaub in Thailand verschwunden. Seine Familie vermutet, dass er von chinesischen Agenten verschleppt wurde. In Chinas Staatsfernsehen tauchte Gui Minhai schließlich mit einem Geständnis auf: Er habe vor mehr als zehn Jahren in China Fahrerflucht mit Todesfolge begangen und wolle seine Strafe antreten.

Das Verschwinden der Buchhändler hatte unter den sieben Millionen Hongkongern große Sorgen über ihre Meinungsfreiheit und Rechtssicherheit ausgelöst. Seit der Rückgabe der ehemals britischen Kronkolonie 1997 an China wird Hongkong nach dem Grundsatz «ein Land, zwei Systeme» autonom regiert.

Gui Minhais Gesundheitszustand sei beunruhigend, schilderte John Kamm von der US-Menschenrechtsorganisation Duihua, der in die Bemühungen um seine Ausreise verwickelt ist. «Gui Minhai zeigt Symptome einer ernsten neurologischen Erkrankung, die vor seiner Inhaftierung im Oktober 2015 nicht existierte.» Deswegen habe er sich untersuchen lassen wollen. «Ich bete, dass wir nicht wieder den Tod einer Person im Gefängnis erleben, die politischer Verbrechen beschuldigt wird», sagte Kamm unter Hinweis auf den im Juli an Leberkrebs gestorbenen inhaftierten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo.

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