Gesundheitssystem : Hohe Rechnung ohne Gesundheitskarte

Ohne Gesundheitskarte muss der Doktor den Patienten nur behandeln, wenn die Behandlung „nicht verschiebbar ist“.
Foto:
Ohne Gesundheitskarte muss der Doktor den Patienten nur behandeln, wenn die Behandlung „nicht verschiebbar ist“.

Wer ohne elektronischen Versichertennachweis zum Arzt geht, wird jetzt als Privatpatient behandelt.

shz.de von
04. Januar 2015, 17:36 Uhr

Wer heute mit Rückenschmerzen oder Grippe seinen Hausarzt aufsucht, braucht die neue Gesundheitskarte (eGK) und zwar ohne Wenn und Aber. Die Schonfristen und Übergangsregelungen sind vorbei, mit Kulanz des Arztes können Bummelanten nicht mehr rechnen. Schließlich ist die Karte mit Lichtbild eigentlich schon sei einem Jahr Pflicht. „2015 gilt definitiv nur noch die neue Karte“, so Johann Brunkhorst, Leiter der TK-Landesvertretung Schleswig-Holstein. Die alten Karten haben ihre Gültigkeit verloren auch wenn auf ihnen ein späteres Ablaufdatum vermerkt ist. Patienten, die keine neue eGK vorlegen können, müssen damit rechnen, dass niedergelassene Ärzte und Zahnärzte Behandlungskosten privat in Rechnung stellen.

Der Anteil der zwei Millionen gesetzlich Versicherten im Norden, die noch keine neue Karte haben, ist nach Angaben der Krankenkassen erfreulich gering. „Nahezu alle unserer 700  000 Versicherten in Schleswig-Holstein haben bereits ihre elektronische Gesundheitskarte mit Foto erhalten“, sagte AOK-Sprecher Jens Kuschel . Experten gehen davon aus das zwischen ein und drei Prozent noch ohne neue Karte sind. Bei diesem Personenkreis handelt es sich – wie aus Kassenkreisen zu hören ist – vorwiegend um alte Menschen, die die Umstellung nicht mitbekommen haben, um junge Gesunde, die seit Jahren nicht zum Arzt waren und um solche Personen, die gerade ihre Kasse wechseln und vom neuen Versicherer noch keine Karte zugeschickt bekommen haben.

Gibt es noch eine Hintertür?

Ja, innerhalb von zehn Tagen kann man eine gültige Karte nachreichen, dann bekommt man keine Rechnung vom Arzt. Notfalls tut es auch eine Einzelfallbestätigung der Krankenkassen, die darin ihre Versicherung bestätigen. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung muss der Doktor Patienten, die keine eGK vorlegen, allerdings nur dann behandeln, wenn die Behandlung „nicht verschiebbar ist“.

Werden Rezepte erstattet?

Für Patienten ohne gültige Gesundheitskarte gibt es nur noch Privatrezepte vom Arzt. In der Apotheke ist dann der volle Preis ohne Zuzahlung fällig. Die Rückerstattung wird kompliziert, weil viele Medikamente seitens der Kassen mit Herstellerrabatten belegt sind und auf das Privatrezept möglicherweise nicht erstattungsfähige Pillen verkauft werden.

Wie erkenne ich, ob ich die richtige Karte habe?

Vor allem am Foto, das ist jetzt zwingend um Missbrauch zu verhindern. Außerdem steht auf der Karte „Gesundheitskarte“.

Was kann die neue Karte?

Nicht viel. Bislang ist die elektronische Gesundheitskarte nichts anderes als die alte Versicherungskarte mit Bild. Auf ihr sind derzeit nur die Stammdaten erfasst – also Name, Anschrift, Geburtsdatum und Versichertenstatus. Später sollen auf ihr auch Arztbriefe und Rezepte, Röntgenbilder und Notfalldaten (zum Beispiel über Allergien und Wechselwirkungen von Medikamenten) gespeichert werden.

Was hat die Karte bislang gekostet?

Rund eine Milliarde Euro wurden in die Entwicklung gesteckt. Dafür wurde eigens die Gesellschaft „Gematik“ gegründet. Die Einführung der neuen Karte – geplant war eigentlich das Jahr 2006 – hat sich immer wieder verzögert, weil Ärzte und Datenschützer Bedenken erhoben. So wird befürchtet, dass die mit der eGK aufgebaute Telematikinfrastruktur den Krankenkassen Einblicke in die Daten der Arztpraxen ermöglicht. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) macht jetzt Druck und will mit einem E-Health-Gesetz die Blockaden bei der Einführung telematischer Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) lösen.

Ist die Karte verfassungswidrig?

Nein. Die elektronische Gesundheitskarte verstößt nach einem Gerichtsurteil nicht gegen das Recht der Bürger auf den Schutz persönlicher Daten. Der Kläger hatte angeführt, er könne nicht nachverfolgen, wer die hochsensiblen Daten, die auf seiner Karte gespeichert werden, abrufen und verarbeiten. Die Richter sahen dagegen einen Einklang der Gesundheitskarte mit den Verfassungsgrundsätzen. Die gegenwärtige Form sei „durch überwiegende Allgemeininteressen gerechtfertigt“.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen