Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 : Historiker Michael Wolffsohn warnt Soldaten vor „Kadavergehorsam“

Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und der Chef der „Kanzlei des Führers“, Martin Bormann (l.), begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg, wo Oberst Stauffenberg am 20. Juli 1944 eine Sprengladung zündete, mit der Absicht Hitler zu töten (Archivfoto vom 20.07.1944). Als am 20. Juli 1944 gegen 12.50 Uhr der Sprengsatz in der „Wolfsschanze“ detoniert, ging Claus Schenk Graf von Stauffenberg vom Tod des Diktators aus. Für den Attentäter schien das größte Hindernis für den Sturz der Nazis beseitigt. Doch vor Tagesende war „Operation Walküre“ gescheitert. Hitler überlebte den Anschlag, Stauffenberg wurde hingerichtet.

Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und der Chef der „Kanzlei des Führers“, Martin Bormann (l.), begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg, wo Oberst Stauffenberg am 20. Juli 1944 eine Sprengladung zündete, mit der Absicht Hitler zu töten (Archivfoto vom 20.07.1944).

Claus Schenk Graf von Stauffenberg kämpfte gegen die Diktatur. Für Soldaten sei auch heute Widerspruch unverzichtbar.

shz.de von
20. Juli 2017, 20:00 Uhr

Am 73. Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 haben Vertreter von Bund und Ländern an den Widerstand gegen die Nazidiktatur erinnert. An der Berliner Gedenkstätte Plötzensee gedachten sie der ermordeten Verschwörer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg und legten Kränze nieder. An der Gedenkstunde nahmen etwa Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), der auch Vizepräsident des Bundesrates ist, Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und der frühere Bundespräsident Christian Wulff teil.

Am 20. Juli 1944 hatten Wehrmachtsoffiziere um Stauffenberg vergeblich versucht, Hitler mit einer Bombe zu töten und den Krieg zu beenden. Stauffenberg und drei Mitverschwörer wurden noch am Abend des Attentats im Innenhof des Bendlerblocks erschossen. Im Gefängnis Plötzensee hatten die Nazis in den folgenden Wochen und Monaten 89 weitere Beteiligte und Unterstützer des Umsturzversuchs hingerichtet.

Vorgehen gegen rechtsextreme Tendenzen wichtig

Müller hatte aus Anlass des Jahrestages schon am Mittwoch erklärt:  Angesichts der zunehmenden autoritären und rechtspopulistischen Tendenzen überall in Europa ist das Gedächtnis an den Widerstand und an den 20. Juli 1944 von drängender Aktualität.“ Die Lehre aus dem 20. Juli und dem unterschiedlich motivierten Widerstand gegen die Nazidiktatur sei, dass Zivilgesellschaft und demokratischer Staat rechtzeitig gegen rechtsextreme Tendenzen vorgehen müssten: „Denn diese enden immer wieder in Unterdrückung, Verfolgung und Mord.“

Am Abend sollten 400 Bundeswehr-Rekruten auf dem Paradeplatz am Bendlerblock im Beisein von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ihr feierliches Gelöbnis ablegen. Ein Teil des Bendlerblocks ist heute Berliner Dienstsitz des Verteidigungsministeriums.

Historiker warnt junge Soldaten

Der Historiker Michael Wolffsohn hat junge Soldaten vor dem Hintergrund von Skandalen in der Truppe vor Kadavergehorsam gewarnt. „Natürlich gelten in der Bundeswehr Gehorsam und Befehl. Aber weder Kadavergehorsam noch Duckmäusertum“, sagte er am Donnerstag bei einem feierlichen Gelöbnis von mehr als 300 Soldaten anlässlich des 73. Jahrestags des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944. Skandale um terrorverdächtige rechtsextreme Soldaten und Missstände in der Truppe hatten die Bundeswehr zuletzt in Verruf gebracht.

Der Widerstand um Claus Schenk Graf von Stauffenberg habe gegen eine Diktatur gekämpft, sagte Wolffsohn. In einer Demokratie müsse keiner mehr Widerstand leisten, aber Widerspruch sei unverzichtbar. „Kameradschaft ist etwas anderes als Kameraderie, die menschliche Werte unter den Teppich fegt.“

Auch die Bundeswehr sei nicht perfekt. „Auch hier menschelt es.“ Es gebe „Fehlverhalten von Vorgesetzten, rassistische Deutschtümelei oder Männer-Chauvinismus“ in der Truppe. Die Soldaten dürften sich nicht vom Zerrbild über die Bundeswehr in die Irre führen lassen.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagte: „Graf Stauffenberg und seine Mitstreiter legten mit ihrem Widerstand Zeugnis ab, dass Befehl und Gehorsam für Soldatinnen und Soldaten dort ihre Grenze haben, wo Unrecht und Verbrechen regieren und die Menschenwürde vernichtet wird.“ Das sei das Fundament der Bundeswehr seit ihrer Gründung 1955. Mehr als 15 Millionen Soldaten hätten zum Erfolg der Bundeswehr bislang beigetragen.

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