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Erste TV-Debatte der US-Demokraten : Hillary Clinton, Bernie Sanders und die Liebe zu Dänemark

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Das Königreich Dänemark ist für einige US-Demokraten im Wahlkampf ein Vorbild. Die TV-Debatte der Präsidentschaftskandidaten kommentiert Donald Trump auf Twitter – und erreicht damit viele.

Washington | Irgendwann nach gut einer Stunde, nach etwas Geplänkel um Kapitalismus und Waffenreform, streckt Hillary Clinton die Hand aus. Links neben ihr steht Bernie Sanders, der selbst erklärte „demokratische Sozialist“ aus Vermont, der Clinton im US-Vorwahlkampf eigentlich das Wasser abgraben wollte. Doch soeben hat der schroffe Senator für seine Konkurrentin eine Lanze gebrochen, hat ihre seit fünf Monaten flackernde Email-Affäre mit einem Satz von der Bildfläche gewischt.

Die 58. Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ist auf den 8. November 2016 terminiert. Die eigentliche Präsidentenwahl, bei der die Wahlmänner ihre Stimmen abgeben, findet am 18. Dezember 2016 statt. Während im Lager der Republikaner im Augenblick Donald Trump in der Wählergunst als Präsidentschaftskandidat vorne liegt, ist bei den Demokraten noch kein deutlicher Favorit erkennbar. Hillary Clinton und Bernie Sanders gelten als aussichtsreichste Kandidaten.

„Das amerikanische Volk hat die Diskussion über Ihre verdammten Emails satt“, ruft Sanders. „Genug von den Emails!“ Der ehemaligen Außenministerin spricht er aus der Seele. „Danke, Bernie, danke.“ Auf dem lauten Applaus im Saal will auch Martin O'Malley mitsurfen, und so fügt der Ex-Gouverneur von Maryland schnell hinzu: „Wir müssen uns nicht durch den Email-Skandal definieren lassen.“ Eine zaghafte, fast höfliche Attacke vom irgendwie verängstigt wirkenden Ex-Senator Lincoln Chafee beantwortet Clinton gar nicht erst - und grinst.

Hatte der milliardenschwere Reality-Star Donald Trump die teils völlig verdatterten Republikaner bei deren TV-Debatte aus der Bahn geworfen, ist bei den Demokraten Gruppenkuscheln angesagt. Bildung, Familie, Klima, Einkommen - immer wieder reichen sich die Bewerber rhetorisch die Klinke in die Hand. Der Umgang mit Russlands Präsident Wladimir Putin, der geflüchtete Whistleblower Edward Snowden, die Reform der NSA-Spionage: An diesem Abend hören die Amerikaner vor allem Positionen, in denen die fünf Kandidaten sich einig sind.

Selbst die abweichenden Meinungen zur von Clinton geforderten Flugverbotszone über Syrien erinnern nach dem Trump-Feuerwerk eher an eine Podiumsdiskussion. Sanders wird in seinen Wutreden über die Wall Street, „Der Kongress kontrolliert nicht mehr die Wall Street, die Wall Street kontrolliert den Kongress“, über den „Casino-Kapitalismus“ und die Reichsten der Reichen hier und da etwas lauter. Ernste Frontalattacken gegen die 67-Jährige Top-Favoritin vermeidet er - trotz der Steilvorlagen von Moderator Anderson Cooper. Statt den Anti-Clinton zu spielen, will er seine linksgerichtete Botschaft auch zur demokratischer Mitte tragen.

Und Clinton glänzt. Souverän und bestens vorbereitet pariert sie auch indirekte Angriffe der vier Männer im dunklen Zwirn. Die Anwältin und die zwei Dutzend Debatten des Vorwahl-Marathons von 2008 glühen auf durch die kühle Fassade der gern als abgehoben kritisierten Ex-Chefdiplomatin. Selbst politische 180-Grad-Wendungen zu Themen wie Einwanderung, Homo-Ehe, Irak-Invasion oder dem Handelsabkommen TPP verkauft sie dem Publikum irgendwie als „Beständigkeit“. Denn letztlich, erklärt Clinton, hätten sich über den Zeitraum dieser Debatten ja auch die Fakten geändert.

Auch der Terroranschlag auf das Konsulat im libyschen Bengasi, der die damalige Außenministerin sonst verfolgt wie ein böser Traum, kann ihr an diesem Abend nichts anhaben. „Wir hatten nicht die nötigen Werkzeuge“, nimmt O'Malley sie in Schutz. „Wir als Land haben versagt.“ Virginias Ex-Senator Jim Webb schließt sich an: „Es geht nicht um Bengasi an sich.“ Ein Republikaner hätte hier knallhart mit Clinton abgerechnet und ihr sämtliche Verantwortung für den Tod der vier Diplomaten zugeschoben - in Las Vegas regiert Harmonie.

Skandinavien ist ein Vorbild für die USA

Und dann war da noch der kurze Moment, in dem man denken könnte, Clinton und Sanders würden sich als Präsidenten von Dänemark bewerben. Als Moderator Anderson Cooper Sanders fragte, wie denn die Sozialisten die Wahl in Amerika gewinnen könnten, holte Sanders aus. In den meisten Industrienationen werde allen Menschen vom Staat ein öffentliches Gesundheitssystem angeboten, nur in den USA nicht. Mütter und deren Neugeborene werden in fast jedem großen Land medizinisch und finanziell unterstützt. „Das sind einige der Prinzipien an die ich glaube und ich denke, wir sollten uns Länder wie Dänemark, Schweden oder Norwegen zum Vorbild nehmen und uns ansehen was die für ihr arbeitendes Volk tun“, sagte Sanders. 

Clinton sprang auf den Zug auf und stellte klar, dass die Vereinigten Staaten nicht Dänemark seien, sie aber Dänemark lieben würde. „Es ist unser Job, Amerika von den Ausuferungen des Kapitalismus zu säubern“. Die Demokraten scheinen jedoch länger keinen Blick mehr auf Dänemark geworfen zu haben, wo seit der letzten Wahl ein Mitte-Rechts-Bündnis regiert, das eine rigide Anti-Einwanderungskampagne fährt und unter anderem die Zuschüsse für Asylsuchende gekürzt hat. Zusätzlich werden Anzeigen vertrieben, die Flüchtlinge davon abhalten sollen, nach Dänemark zu kommen.

Und die anderen Kandidaten? Während Vietnam-Veteran Webb über seine zu kurze Redezeit maulte, wirkt Chafee rechts außen nur noch verloren. Seine heute aus seiner Sicht bedauerliche Abstimmung im Senat zu einem Bankengesetz begründet er mit dem Tod seines Vaters, und dass er gerade erst neu in der Parlamentskammer gewesen sei. Auf die Nachfrage Coopers sagt Chafee: „Ich finde, Sie sind etwas hart.“ O'Malley macht eine gute Figur, aber ein wirklich zündender Funke springt nicht über.

Und dann steht da noch ein sechstes, leeres Rednerpult, irgendwo abseits der Bühne. Das Pult von Joe Biden. Bis kurz vor knapp orakeln Insider über die seit zehn Wochen im Raum stehende Kandidatur des Vizepräsidenten, und auch CNN will für den Fall einer kurzfristigen Teilnahme Bidens gewappnet sein. Die „Washington Post“ rechnet aus, wann der 72-Jährige die Hauptstadt verlassen müsste, um den politischen Schlagabtausch in Nevada noch zu erreichen. Doch in Las Vegas, dem Show-Himmel und der Spiel-Hölle, sucht man ihn vergebens. Biden ist der wichtigste Zuschauer an diesem Abend.

Auf der anderen Seite des Landes, im mehr als 3300 Kilometer entfernten Wohn- und Regierungssitz des Präsidenten, dürfte der sanfte Zwist auch den Amtsinhaber erreicht haben. Teile der Debatte werde Barack Obama vermutlich verfolgen, hatte sein Sprecher Josh Earnest verraten. Die vollen zwei Stunden sei Obama das Gezerre um seine Nachfolge dann aber wohl doch nicht wert, sagt Earnest. „Heute Abend steht ziemlich guter Playoff-Baseball auf dem Programm.“

Donald Trump kommentiert Geschehen auf Twitter

Ein bisschen muss es auch Donald Trump gejuckt haben, im Luxus-Hotel in Las Vegas nicht mit auf der Bühne zu stehen. Und so entschied sich das Enfant terrible des US-Vorwahlkampfs der Republikaner, die TV-Debatte der Demokraten live auf Twitter zu begleiten - „auf Bitten vieler“, wie er klarstellte. „Kann irgendwer sich (Lincoln) Chafee als Präsident vorstellen? Auf keinen Fall“, schrieb der milliardenschwere Unternehmer über den etwas verloren wirkenden Ex-Senator und -Gouverneur von Rhode Island.

Kurz darauf nahm er auch Marylands Ex-Gouverneur Martin O'Malley auf's Korn und stellte fest, dass Virginias Ex-Senator Jim Webb „seine Sache nicht gut“ mache.

Fast überraschend kam, dass Trump eine Bemerkung von Vermonts Senator Bernie Sanders als „guten Zug“ lobte.

Letztlich war für Trump dann aber schnell klar: „Sorry, heute Abend steht kein Star auf der Bühne!“ Für gelangweilte Zuschauer hatte der Baulöwe dann auch gleich einen Tipp parat und empfahl, von CNN zum Sender One America News (OAN) umzuschalten. „Wow, ich halte eine Rede auf OAN“, twitterte Trump. „Viel aufregender als die Debatte!“

Am Ende schreibt Trump, er sei nicht beeindruckt gewesen. Und macht gleich ein wenig Werbung für sich.

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erstellt am 14.Okt.2015 | 10:46 Uhr

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