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Russischer UN-Botschafter : Herzprobleme: Witali Tschurkin überraschend gestorben

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Tschurkin stirbt einen Tag vor seinem 65. Geburtstag. Russland und die Vereinten Nationen trauern um den Diplomaten.

Moskau/New York | Russlands UN-Botschafter Witali Tschurkin ist überraschend gestorben. Der Top-Diplomat und frühere Vizeaußenminister sei am Montag (Ortszeit) bei der Arbeit in New York gestorben, teilte das russische Außenministerium in Moskau mit. US-Berichten zufolge hatte Tschurkin in seinem Büro in Manhattan plötzlich Herzprobleme. Eine Bestätigung der Behörden zur Todesursache lag zunächst nicht vor.

Präsident Wladimir Putin habe die Nachricht mit großer Trauer aufgenommen, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der russischen Agentur Interfax. Putin habe das diplomatische Talent Tschurkins sehr geschätzt.

Hintergrund: Wer war Witali Tschurkin

Der frühere Vizeaußenminister Witali Tschurkin galt als einer der profiliertesten Diplomaten Russlands. Mehr als ein Jahrzehnt war er die Stimme Moskaus bei den Vereinten Nationen in New York. In seine Dienstzeit bei den UN seit 2006 fallen zahlreiche große Krisen: der Krieg zwischen Russland und Georgien im Sommer 2008; Russlands Annexion der ukrainischen Schwarzmeerhalbinsel Krim 2014; das jahrelange Ringen im Atomstreit der internationalen Gemeinschaft mit dem Iran.

„Die Arbeit eines Diplomaten ist so ähnlich wie die eines Stahlarbeiters“, sagte Tschurkin dem russischen Staatsfernsehen 2009 über seine Arbeit. Man könne nicht einfach weggehen, wenn ein Prozess noch nicht abgeschlossen sei. Dennoch verließ er 2016 in einem hitzigen Wortgefecht zum Syrien-Konflikt mit der damaligen US-Botschafterin Samantha Power aus Protest demonstrativ den Sitzungssaal des UN-Sicherheitsrates. „Es hat keinen Sinn, Botschafterin Power zuzuhören“, rief er nach deren Anschuldigungen, Russland würde Sitzungen des Rates als „Effekthascherei“ nutzen. In den vergangenen Jahren war er mehrfach in der Öffentlichkeit aufgefallen, weil er Russlands Blockade von UN-Resolutionen zu Syrien im Sicherheitsrat vertreten hatte.

Auch Power hatte ihrerseits nicht mit Kritik an Tschurkin gespart. Bei einer Debatte zur Krim-Annexion sagte sie im März 2014: „Wenn man Ihnen so zuhört, könnte man die russische Armee für den verlängerten Arm des UN-Kommissars für Menschenrechte halten.“

Tschurkin wurde am 21. Februar 1952 geboren. An diesem Dienstag hätte er seinen 65. Geburtstag gefeiert. Er war verheiratet und hinterlässt eine Tochter und einen Sohn.

Der Karrierediplomat studierte - ebenso wie Außenminister Sergej Lawrow - an einer sowjetischen Kaderschmiede in Moskau und trat nach seinem Abschluss 1974 in den auswärtigen Dienst ein. Zunächst arbeitete er als Übersetzer im Ministerium in Moskau, seine erste Auslandsstelle führte ihn 1982 in die USA.

In seiner Jugend schwebte ihm auch eine andere Karriere vor: Als Junge spielte er in Filmen über Revolutionsführer Lenin mit. Doch seine Eltern drängten ihn, die Schauspielerei aufzugeben und Englisch zu lernen. „Ich habe nie bereut, eine Diplomatenkarriere gewählt zu haben“, sagte Tschurkin der Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ 2014.

 

Bei den Vereinten Nationen in New York war die Trauer ebenfalls groß. „Der Tod des Botschafters hat uns geschockt und tief traurig gemacht“, sagte Peter Thomson, der derzeitige Präsident der UN-Vollversammlung. „Wir haben eines der respektiertesten und einflussreichsten Mitglieder der UN-Familie verloren.“ Auch die 15 Mitglieder des Sicherheitsrats teilten mit, sie seien „zutiefst traurig“.

Tschurkin sei in der kurzen Zeit seit seinem Amtsantritt immer ein „freundlicher Kollege“ gewesen, sagte die US-Botschafterin bei den UN, Nikki Haley. „Wir haben nicht immer die gleiche Meinung gehabt, aber er hat die Positionen seines Landes ohne Frage außerordentlich gut vertreten.“ Haleys Vorgängerin Samantha Power schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter, sie sei „am Boden zerstört“. Tschurkin sei ein „diplomatischer Meister“ gewesen und ein „sehr mitfühlender Mann, der alles getan hat, was er konnte, um die Differenzen zwischen den USA und Russland zu überbrücken“.

 

Auch Dutzende weiterer UN-Kollegen sprachen ihr Beileid aus.

Seit 2006 war Tschurkin Gesicht und Stimme Russlands bei den Vereinten Nationen. Auf dem diplomatischen Parkett war er als harter Verhandlungspartner und schlagfertiger Redner bekannt, der etwa Russlands im Westen kritisierte Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim von 2014 mit scharfen Worten verteidigte.

Im Laufe seiner mehr als 40-jährigen Karriere hatte Tschurkin zahlreiche strategische Posten im Ministerium in Moskau inne. Von 1992 bis 1994 war er stellvertretender Außenminister, anschließend diente er vier Jahre als Botschafter bei der Nato und in Belgien. „Er war ein großer Diplomat, eine außergewöhnliche Persönlichkeit“, schrieb die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa bei Facebook. „Wir haben einen lieben Menschen verloren.“ Vizeaußenminister Sergej Rjabkow meinte, es werde schwer, Tschurkin zu ersetzen. Auch die russische Botschaft in den USA sprach von einem großen Verlust. Der Verteidigungspolitiker Viktor Oserow sagte, er hoffe, Tschurkin werde ein Vorbild für jüngere Diplomaten sein.

Die russische Regierungszeitung „Rossijskaja Gaseta“ schrieb am Dienstag:  „Ein legendärer Diplomat ist von uns gegangen. Witali Iwanowitsch Tschurkin ist unerwartet an seinem Arbeitsplatz gestorben. Dies ist ohne jeden Zweifel ein unersetzlicher und tragischer Verlust für die russische Diplomatie.“

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erstellt am 21.Feb.2017 | 08:58 Uhr

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