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Trauer um Altkanzler : Helmut Kohl wird mit europäischem Staatsakt geehrt

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Es ist das erste Mal, dass ein europäischer Staatsakt ausgerichtet wird. Jean-Claude Juncker hatte sich dafür eingesetzt.

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erstellt am 18.Jun.2017 | 09:32 Uhr

Der von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker angeregte europäische Staatsakt für Helmut Kohl soll möglichst binnen zwei Wochen im Europaparlament in Straßburg stattfinden. Der genaue Termin und die Details seien aber noch offen, sagte eine Kommissionssprecherin am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur in Brüssel.

Kohl hat Deutschland von 1982 bis 1998 als Bundeskanzler regiert - 16 Jahre, so lange wie bisher niemand vor und nach ihm. Er war Wegbereiter der Europäischen Union und einer gemeinsamen Währung. Er war am Freitagmorgen im Alter von 87 Jahren in seiner Heimatstadt Luwdwigshafen gestorben.

„Schon zu Lebzeiten wurde Helmut Kohl mit der Ehrenbürgerschaft Europas ausgezeichnet, um seine außerordentlichen Verdienste zu würdigen“, sagte Juncker. „Deshalb gebührt Helmut Kohl nun auch ein europäischer Staatsakt, für den ich mich persönlich einsetzen werde.“ Es ist das erste Mal, dass ein europäischer Staatsakt ausgerichtet wird.

Gedacht ist an eine Trauerfeier und Würdigung mit allen Spitzen der Europäischen Union sowie mit Weggefährten des am Freitag gestorbenen Altkanzlers. Die Ehrung ist beispiellos. Die Details dieses ersten Staatsakts auf europäischer Ebene würden nun ausgearbeitet und ein Termin gesucht, sagte eine Sprecherin.

Informationen der „Bild am Sonntag“, wonach Kohls Leichnam nach dem Staatsakt mit dem Schiff über den Rhein zur Totenmesse nach Speyer gebracht werden soll, bestätigte sie nicht. Die Organisation beginne erst, sagte sie. Bis zum geplanten Staatsakt soll Kohl in seinem Haus in Ludwigshafen-Oggersheim aufgebahrt bleiben.

Der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger stellte sich hinter die Idee eines europäischen Staatsakts. Kohl sei nicht nur deutscher Bundeskanzler, sondern auch der wichtigste Mann im Europäischen Rat gewesen, erklärte Oettinger am Sonntag in Brüssel.

Der CDU-Politiker habe „die Erweiterung und die Einführung des Euro entscheidend mitgeprägt“, fügte Oettinger hinzu. „Daher ist die Idee eines Unionsaktes als Zeichen einer demokratischen Kultur eine sehr gute.“

Auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz stellte sich hinter Junckers Vorstoß. „Ich kann das nachvollziehen, dass Jean-Claude Juncker über die Idee nachdenkt, diesen großen Europäer in dieser Form zu ehren“, sagte Schulz am Sonntag am Rande der Vorstellung seines Buchs „Was mir wichtig ist“ in Berlin.

In einem Gespräch über sein Buch würdigte Schulz den Altkanzler als „Jahrhundertgestalt“ mit „großen historischen Verdiensten“ um die europäische Einigung. Zwar habe er Kohl als junger Politiker noch abgelehnt. Doch: „Je länger ich in der Europapolitik tätig war, desto mehr wurde mir bewusst, was für ein großer Mann das war“, sagte Schulz, der von 2012 bis 2017 Präsident des Europaparlaments war.

Mit Kondolenzbüchern, Trauerbeflaggung und Gedenkwachen wird in ganz Deutschland an Kohl erinnert. Die CDU legte in ihrer Zentrale in Berlin ein Kondolenzbuch aus und richtete ein weiteres im Internet ein. Von Sonntag an liegt auch im Bundeskanzleramt ein Kondolenzbuch aus, ebenso wie in der Mainzer Staatskanzlei.

Der frühere SPD- Vorsitzende und -Kanzlerkandidat Rudolf Scharping plädierte in der „Welt am Sonntag“ dafür, Straßen und Plätze nach Helmut Kohl zu benennen. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wird am Montag mit Genehmigung der FIFA beim Auftaktspiel zum Confederations Cup gegen Australien mit Trauerflor spielen.

Im Gedenken an Kohl versammelten sich am Samstagabend etwa 150 bis 200 Mitglieder der Jungen Union vor dem Wohnhaus des Altkanzlers in Ludwigshafen. Die aus ganz Deutschland angereisten Vertreter der CDU-Nachwuchsorganisation legten Blumen, Kränze und Kerzen vor dem Bungalow im Stadtteil Oggersheim nieder.

Bei der Verleihung des Point-Alpha-Preises an den Liedermacher und früheren DDR-Dissidenten Wolf Biermann legten die 1000 Gäste und Zuschauer im osthessischen Rasdorf eine Schweigeminute ein. Der Altkanzler war im Jahr 2005 zusammen mit Ex-Kreml-Chef Michail Gorbatschow und dem ehemaligen US-Präsidenten George Bush senior der erste Empfänger des Point-Alpha-Preises gewesen, der Verdienste um die Einheit Deutschlands und Europas würdigt.

Politiker aus dem In- und Ausland ehrten Kohl als großen Staatsmann und würdigten seine Verdienste um die Deutsche Einheit und Europa. Der CDU-Politiker hatte nach der friedlichen Revolution in der DDR 1989 mit den Staats- und Regierungschefs Russlands, der USA, Großbritanniens und Frankreichs die Bedingungen für die Deutsche Einheit ausgehandelt. Er gilt als Kanzler der Einheit und Wegbereiter der Europäischen Union.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte Kohl am Freitag als „großen Europäer“ und als „Glücksfall für uns Deutsche“ bezeichnet. Die Nachricht von Kohls Tod erreichte die Regierungschefin während eines Besuches in Rom. Dort traf sie am Samstag Papst Franziskus. Nach einer Privataudienz im Vatikan sagte Merkel, der Papst habe seine Anteilnahme ausgedrückt und Kohl als „großen Staatsmann“ gewürdigt.

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