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Peer Steinbrück im Wahlkampf : Hätte, hätte, Fahrradkette

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Die SPD hat fleißig Schlagzeilen produziert in diesem Wahlkampf. Angefangen vom verkorksten Start Peer Steinbrücks über die kleinen und großen Dramen der „Troika“ bis hin zum „Stinkefinger“. Aber im Schlussspurt gibt es Auftrieb. Doch Rot-Grün scheint bisher fern.

Peer Steinbrück wackelt mit dem Kopf hin und her und sagt etwas patzig: „Hätte, hätte Fahrradkette“. Am 12. April ist der SPD-Kanzlerkandidat dem ARD-„Morgenmagazin“ zugeschaltet und wird gefragt, ob die Partei beim Wahlkampfslogan „Das Wir entscheidet" nicht besser hätte recherchieren müssen. Denn ausgerechnet eine Leiharbeitsfirma nutzt ihn seit 2007. Steinbrücks damalige Replik taugt zur Universalantwort auf all die Bürden des SPD-Wahlkampfes. Im Nachhinein hätten Steinbrück und die SPD wohl einiges anders gemacht.

Am Anfang stand die Verheißung. In Umfragen liegt die SPD im Sommer 2012 mit 30 bis 31 Prozent teils nur noch drei Punkte hinter der Union. Ein Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (66) soll in der Mitte viele Stimmen abgreifen. Die Grünen kommen damals in Umfragen auf bis zu 17 Prozent, das reicht für eine rot-grüne Koalition.

Doch dann geht vieles schief: Die Männer-Troika aus Steinbrück, Parteichef Sigmar Gabriel und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier verpatzt die Kandidatenkür. Steinmeier wollte sich nicht mehr verbiegen bei Medienfragen - denn mit seinem intern kommunizierten Verzicht war das Rennen entschieden. Ein wenig amüsierter Gabriel muss einen Besuch in Bayern abbrechen, nach dem Steinmeiers Verzicht öffentlich durchsickert. Er fliegt sofort nach Berlin zurück und am Nachmittag des 28. September verkündet Gabriel: „In der SPD ist alles wie früher: Am Ende behält Helmut Schmidt immer recht.“ Der Altkanzler hatte Steinbrück frühzeitig für kanzlerfähig gehalten, weil er von Ökonomie und Finanzen mehr als die Kanzlerin verstehe.

2010 hatte Steinbrück gesagt, ins Kanzleramt gehe er höchstens nochmal als Besucher, seine Frau erfährt aus den Nachrichten von der Kanzlerkandidatur. Als einfacher Bundestagsabgeordneter hat er keinen Apparat, keine Sprecher - und dann sind da noch die Nebenverdienste in Millionenhöhe. Seine Werte stürzen schnell ab - und mit ihnen die der SPD. Man ist im Abwehrkampf, unangenehme Details wie ein Honorar von 25.000 Euro bei den Stadtwerken Bochum kommen zum Vorschein. Ende Dezember füllt er die nachrichtenarme Zeit mit der Interviewaussage: „Ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin verdient in Deutschland zu wenig - gemessen an der Leistung, die sie oder er erbringen muss.“ 

Fortan wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt - Weinpreise (keine Flasche Pinot Grigio unter 5 Euro) werden zum Politikum, auch Äußerungen zum Wahlausgang in Italien („Bis zu einem gewissen Grad bin ich entsetzt, dass zwei Clowns gewonnen haben“). Medien schreiben vom „Pannen-Peer“ - was dieser jüngst im „SZ-Magazin“ auf seine Art mit einer ironisch gemeinten „Stinkefinger“-Geste beantwortete.

Mit Ironie, Satire und Humor ist es so eine Sache - nicht jeder versteht es. Als Steinbrück scherzhaft ankündigt, sich in der heißen Wahlkampfphase nochmal eine Woche in Gran Canaria auf die faule Haut zu legen, gibt es gleich eine Internet-Umfrage, ob sich das gezieme.

Es ist auch die Frage: Was für ein Typus Politiker hat noch eine Chance in Deutschland? Der frühere Bundesfinanzminister ist von sich selbst überzeugt, aber viele Bürger nicht von ihm, sie fremdeln mit seiner Art. Hinzu kommen interne Probleme: Die Präsentation der letzten Mitglieder seines Kompetenzteams gerät zur Nebensache, weil er dabei den Rauswurf seines Sprechers Michael Donnermeyer verkündet.

Und dann kommt der 16. Juni. „Das war eine Stimmung wie auf einer Beerdigung“, berichtet ein SPD-Politiker über die Vorstandssitzung an diesem Tag im Willy-Brandt-Haus. Steinbrück hatte zuvor von Gabriel öffentlich Loyalität eingefordert. Die Partei steht haarscharf vor einem Schwielowsee II - 2008 dankte dort Kurt Beck Hals über Kopf ab - auch damals gab es Verwerfungen wegen der Kanzlerkandidatenfrage.

Einige Stunden später legt die SPD-Spitze ein Schauspiel für Delegierte und Öffentlichkeit hin, sie lächelt die Spannungen beim Konvent im Berliner Tempodrom einfach weg. Nur einer lässt die Maske fallen: Steinbrück, als seine Frau Gertrud die Wahlkampfbelastungen („Dann wird er nur noch verhauen“) sehr prägnant zusammenfasst.

Nach Steinbrücks „Weckruf“ läuft es runder, Gabriels Solo-Vorstöße (etwa das Begrüßen eines Tempolimits auf Autobahnen) nehmen ab. Aber es werden auch missverständliche Akzente gesetzt, etwa die vage Aussicht auf Steuersenkungen, wenn Steuerbetrug und Steuerdumping besser bekämpft und so Mehreinnahmen erzielt werden. Steinbrück führt einen Gerechtigkeitswahlkampf, weil etwas aus dem Lot geraten sei. Seine „Klartext“-Veranstaltungen haben bundesweit starken Zulauf.

Unter Druck hat Steinbrück seine besten Momente: Im April scharrt er mit einer mitreißenden Rede („Ich will Kanzler werden“) die Basis beim Programmparteitag in Augsburg um sich. Im TV-Duell streicht er die Unterschiede zu Kanzlerin Angela Merkel raus - hier kann er sie stellen, etwa bei der Pkw-Maut. Steinbrück wirft ihr vor, das Land einzulullen und sich nicht an Reformen ranzutrauen. Er vertritt ein eher linkes Wahlprogramm mit 8,50 Euro Mindestlohn, höheren Steuern für Reiche und einer Mietenbremse. Für die Mitte hat er eher wenige Angebote im Köcher. Viele Bürger finden ihre Lage besser, als Steinbrück sie zeichnet - und fühlen sich bei Merkel gut aufgehoben.

Aber: Nachdem die SPD zwischenzeitlich zur Depression neigte, zeigt sie im Schlussspurt, wozu sie fähig ist. „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz“, schreibt ihr Altkanzler Gerhard Schröder in Anlehnung an Martin Luther ins Stammbuch. Die Werte verbessern sich. Ohnehin Schröder: In Detmold tritt er mit Steinbrück auf: Er winkt, grinst, macht seine Lieblingsgeste mit den ineinander verschränkten, hochgereckten Händen. Ihm macht Volksnähe weiter Spaß.

Bis zu fünf Millionen Hausbesuche absolviert die SPD bis zum 22. September. 23 Millionen Euro kostet der Wahlkampf. Dazu kommen die bombastischen Feiern zum 150-jährigen Bestehen der Sozialdemokratie in Leipzig und am Brandenburger Tor, wo Steinbrück zu über 200.000 Menschen redete. Und trotzdem könnte es am Ende nicht für Rot-Grün reichen - und die SPD stattdessen in einer großen Koalition landen.

Steinbrück wäre dann weg - was wird aus Gabriel und Steinmeier, die nicht als Freundschaftstandem gelten? Kann eine Frau in die Männer-Phalanx hineinstoßen? Vom modernsten Wahlkampf aller Parteien sprach SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles im Vorfeld. Darüber lässt sich streiten. Er war aber wohl eines: Der Schlagzeilenträchtigste.

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erstellt am 19.Sep.2013 | 09:00 Uhr

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