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„Gute Nacht, Freunde, es ist Zeit für mich zu gehn“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Freund der Insel Sylt, Reinhard Mey, hat einmal den inkorrekten Klassiker geschrieben und gesungen: „Gute Nacht, Freunde, es ist Zeit für mich zu gehn. Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette, und ein letztes Glas im Stehn.“

Die Zigarette und das letzte Glas sind drogenpolitisch nicht zu verantworten. Ein solches Lied trifft aber ziemlich genau die Entscheidung des Bundespräsidenten. Nicht, weil er gelegentlich mal eine Zigarette rauchte (was der Fall ist), sondern weil er vor der Frage stand: Ist es nun Zeit zu gehen?

Nehmen wir einen Vergleich aus dem Sport: Hätte Joachim Löw als Trainer des Weltmeisters nicht besser abtreten sollen? Wer weiß, wie die anstehende EM verläuft – und welchen Schaden sein Ruf dadurch nehmen könnte. Oder nehmen wir den VW-Chef Martin Winterkorn, ein über Jahrzehnte untadeliger und akribischer Manager und Ingenieur, dessen Ruf auf den letzten Metern seiner Karriere Schrammen bekam, die bleiben werden.

Nun also hat Gauck gesagt: „Es ist Zeit für mich zu gehn.“ Er zierte sich lange mit der Entscheidung, hat aber zuvor diverse Male angedeutet, wie seine Partnerin die Sache sieht: Aufhören. Und sie hat Recht mit ihrem Rat.

Gerade weil die Amtszeit Gaucks nach den unglücklichen Abgängen von Horst Köhler und Christian Wulff überraschend gelang, tut er sich und der Republik einen Gefallen, wenn nun nicht Schatten auf seine Reden, seine Gesten und seine Person fallen sollen. Der Rostocker Pastor, ein Beutekind der Bundesrepublik, ist ihr Musterdemokrat geworden. Und er wollte einer Kanzlerin, mit der ihn gar nicht herzliches Einvernehmen verband, eigentlich noch einen Gefallen tun: Nämlich weiterzumachen.

Angela Merkel ist über Gaucks Entscheidung informiert. Aber was soll sie tun? Eine Umfrage unter den Deutschen würde ihr Namen wie Frank-Walter Steinmeier, Norbert Lammert, Wolfgang Schäuble auf den Schreibtisch im Kanzleramt spülen. Alles veritable Kandidaten für das Amt! Bei Steinmeier würde die CDU meutern, denn irgendwann ist es auch einmal zu viel mit der Großen Koalition, Lammert und Schäuble arbeiten mit wahrnehmbarer Lust und mit Geschick in ihren derzeitigen Ämtern. Zudem ist fraglich, ob die Union in der anstehenden Bundesversammlung sich überhaupt durchsetzen kann. Merkel hat ein Problem mehr auf dem Tisch.

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erstellt am 03.Jun.2016 | 23:37 Uhr

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