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Normalzeit und Sommerzeit : Gutachten zur Zeitumstellung: Schadet sie oder nicht?

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Am Sonntag, 27. März, wird wieder an der Uhr gedreht. Die Sommerzeit beginnt. Vielen missfällt die Zeitumstellung. Ein neuer Bericht macht Hoffnung.

Berlin | Es sind 200 Seiten, die den Gegnern der Zeitumstellung Hoffnung machen. Ein neuer Bericht für den Bundestag hat sich mit der aktuellen Forschung auseinandergesetzt. Das Fazit fasst Autor Mathias Zahn auf tagesschau.de so zusammen: „Keiner braucht die Zeitumstellung, keiner will sie. Aber weil sie da ist, ist sie da.“

Das Relikt aus alten Zeiten ist heute ein heißdiskutiertes Thema. Früher ging es um die Wirtschaft und die Einsparung von Energie. Häufiger Streitpunkt ist seit einigen Jahren die Auswirkung der Zeitumstellung auf die Gesundheit. Studien lassen hier keine eindeutigen Rückschlüsse zu.

Seit 1980 gibt es die Sommerzeit in Deutschland, davor war sie in den Weltkriegen bereits zeitweise eingeführt worden. Nach der Ölkrise von 1973 waren energiepolitische Gründe für die Einführung verantwortlich. Das Tageslicht sollte besser genutzt werden, um Energie zu sparen. Für alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft gilt heute die Zeitumstellung. 2007 fasste die EU-Kommission letztmalig zusammen, dass es kaum Auswirkungen der Sommerzeit gebe, weshalb sie nach wie vor angemessen sei.

Der neue Bericht zeichnet da kein sonderlich anderes Bild: Er bestätigt, dass die Sommerzeit keine Energieersparnis bringt, der Wirtschaft keine besonderen Kosten durch die Zeitumstellung hat. Die Wissenschaftler stellen jedoch fest, dass die gesundheitlichen Beeinträchtigungen nicht nur gefühlt sind. Vielmehr gibt es Anhaltspunkte dafür, dass die Zeitumstellung den Bio-Rhythmus ganz gehörig ins Wanken bringen kann. Besonders aus dem Tritt gerät der im Frühjahr, wenn eine Stunde verloren geht. Dass der menschliche Körper sich jeweils an die veränderten Uhrzeiten gewöhnen muss, ist seit den 70er Jahren bekannt. Bislang wurden die Auswirkungen der Zeitumstellung als unbedenklich bewertet.

Neuere Studien weisen laut Bericht jedoch darauf hin, dass die Anpassung des circadianen Systems des Menschen vor allem im Frühjahr nicht so zügig vonstatten geht, wie bislang angenommen.

„Neue empirische Studien zu den Auswirkungen der Zeitumstellung auf den Schlaf-Wach-Rhythmus bzw. den Ruhe-Aktivitäts-Rhythmus deuten abträgliche Wirkungen auf die Schlafdauer und/oder -qualität in der Woche nach der Zeitumstellung an oder liefern Hinweise darauf, dass der Anpassungsprozess selbst binnen vier Wochen nach der Zeitumstellung möglicherweise nur unvollständig (bzw. je nach individuellen Merkmalen, wie dem Chronotyp, gar nicht) gelingt.“

Da nach wie vor nicht ausreichend erforscht, bleibt also offen, welche tatsächlichen bzw. relevanten Folgen die Zeitumstellung auf den Organismus und die menschliche Gesundheit hat. Es sei jedoch davon auszugehen, dass nicht mit ernsthaften oder länger andauernden gesundheitlichen Beeinträchtigungen gerechnet werden muss, heißt es in dem Bericht weiter.

„So lassen die widersprüchlichen Ergebnisse verschiedener empirischer Studien kein klares Muster erkennen, wie sich die Zeitumstellungen im Frühjahr bzw. Herbst auf die Inzidenz von Herzinfarkten auswirkt. Es könnte auch sein, dass die Zeitumstellungen keinen relevanten Einfluss auf die Gesamtzahl an Herzinfarkten, sondern lediglich auf den Zeitpunkt ihres Auftretens haben: Die im Verlauf der ersten Woche nach einer Zeitumstellung ohnehin zu erwartenden Herzinfarkte ereigneten sich demnach im Frühjahr gehäuft in der ersten Wochenhälfte und dafür seltener als im Mittel in der zweiten Wochenhälfte, im Herbst gehäuft nur gegen Ende der Woche.“

Es gibt ebenfalls keine eindeutigen Zusammenhänge zwischen der Zeitumstellung und einem verringerten Leistungsvermögen sowie verschlechterter Befindlichkeit und Lebenszufriedenheit.

„Aktuelle empirische Untersuchungen können diesbezüglich allerdings mehrheitlich keinen statistisch signifikanten Zusammenhang nachweisen. Und auch im Hinblick auf die (zumeist subjektiv wahrgenommene) Befindlichkeit und Lebenszufriedenheit (bei bestimmten Personengruppen) gibt es soweit ersichtlich keine wissenschaftlichen Evidenzen dafür, dass die Zeitumstellungen ernsthafte Auswirkungen auf die Psyche bzw. die mentale Gesundheit haben.“

Eindeutige Schlussfolgerungen gibt es auch zu den Auswirkungen der Zeitumstellung auf die Verkehrssicherheit nicht. Die Vermutung, dass sich die Zeitumstellung in der Folge von Schlafstörungen auf die Verkehrssicherheit in den Tagen nach der Umstellung auswirke, lässt sich nicht eindeutig bestätigen.

Der Bericht macht deutlich, dass es zwar Studien zum Einfluss der Uhrenumstellung auf den Menschen gibt, jedoch sind die Ergebnisse umstritten oder die Studien unzureichend vergleichbar. Gegenüber der Tagesschau äußerte Ralph Lenkert von der Linkspartei sich besorgt: „Wir wissen viel zu wenig über die Auswirkungen von Zeitumstellung.“ Vielleicht könne man das Ganze auch in Verbindung bringen mit Jet-Lag, Reisekrankheiten, Dienstreisen und so weiter, wo es ja ähnliche Effekte gibt, und kann in diesem Zusammenhang auch die Forschung ausweiten, wie sich veränderte Tagesrhythmen auf die Gesundheit auswirken. Das alles seien Fragen, bei denen der Bericht zeigt, dass man nichts weiß.

Ob eine Abschaffung der Sommerzeit möglich ist, bleibt offen. Der Bundestag müsste die Bundesregierung beauftragen, bei der EU anzufragen und mitzuteilen, dass man in Deutschland keine Zeitumstellung mehr haben möchte, sagt Lenkert. In den anderen 27 Mitgliedsstaaten müsste dann angefragt werden, wie sie dazu stehen. Dann bliebe noch immer offen, ob eher die Sommerzeit oder die Winterzeit (Normalzeit) beibehalten werden sollte. Und Lenkert hat Hoffnung: „Es gibt da auch ein ganz persönliches, menschliches Interesse, da vielleicht doch mal eine Änderung hinzukriegen.“

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erstellt am 18.Mär.2016 | 14:20 Uhr

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