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Serie über Minderheiten in Europa : Großbritannien ist nicht England

vom
Aus der Onlineredaktion

Kaum ein Staat in Europa ist so mit regionalen Identitäten gespickt wie Großbritannien. Der Londoner Zentralstaat ist nach dem Schotten-Referendum endgültig im Wandel. David Cameron verspricht „maximal Devolution“.

shz.de von
erstellt am 29.Sep.2015 | 13:25 Uhr

Jan Diedrichsen hat sich in einer 20-teiligen Serie für den „Nordschleswiger“ in kritischer Perspektive der Situation der Minderheiten in den Staaten Europas gewidmet. Minderheitenpolitik ist ein ur-schleswig-holsteinisches Thema. Daher freuen wir uns, die Texte aus der Zeitung der deutschen Minderheit in Dänemark auch auf shz.de veröffentlichen zu dürfen.


David Cameron gelang am 7. Mai 2015 bei den Parlamentswahlen im Vereinigten Königreich von Großbritannien ein überwältigender und überraschender Sieg. Der große Gewinner – neben den Konservativen Tories von David Cameron – war die Schottische Nationalpartei (SNP), die 56 von 59 Wahlkreisen gewinnen konnte. Bei der Wahl vor vier Jahren waren es noch ganze sechs Wahlkreise gewesen. Das Ergebnis hat die Diskussion über die Unabhängigkeit Schottlands erneut beflügelt. Ein entsprechendes Referendum war im vergangenen Jahr knapp gescheitert.

Bei dem Fokus auf Schottland und die Unabhängigkeitsbestrebungen wird oft vergessen, dass es mehr gibt als „nur“ die Engländer in Großbritannien. Es kommt nicht selten vor, dass in Artikel und TV-Berichten über Großbritannien synonym von England gesprochen wird. Sollte einem einfallen, im „wahren Leben“, einen Schotten oder Waliser als Engländer zu betiteln, wäre Ärger vorprogrammiert.

Das Vereinigte Königreich, der größte Inselstaat Europas, ist eine Union aus den ehemals unabhängigen Ländern England, Wales und Schottland sowie dem Gebiet Nordirland; der historische Hintergrund ist ziemlich verzwickt. Wichtig ist im Hinterkopf zu behalten, dass diese Länder ein starkes Regionalbewusstsein haben, eine eigene Kultur pflegen und (teilweise) eine eigene Sprache sprechen - und ganz nebenbei auch eigene Fußballnationalmannschaften haben. Nicht alle wollen eine Unabhängigkeit - aber Engländer sind die Schotten, Waliser, Iren und Cornwaliser zumindest ganz sicher nicht.


Während das Wahlergebnis in Schottland mit Recht als dramatisch bezeichnet wurde, waren die Ergebnisse in Wales, Nordirland und Cornwall eher im Rahmen des zu Erwartenden: Plaid Cymru gewann in Wales erneut drei Sitze für das Londoner Unterhaus. Plaid Cymru setzt sich für eine Unabhängigkeit von Wales ein. Insgesamt erzielten Plaid Cymru 12,1% der Stimmen (+0,8%). Die Walisische Partei ist auch im Europäischen Parlament vertreten und arbeitet dort in der Fraktion der European Free Alliance (EFA) gemeinsam mit der Schottischen Nationalpartei (SNP) und anderen Regionalparteien aus Europa zusammen. In der EFA sind auch die Schleswigsche Partei (SP) und der Südschleswigsche Wählerverband (SSW) Mitglieder.

In Cornwall trat Mebyon Kernow (MK) an und konnte die Stimmenanzahl von vor fünf Jahren verteidigen. Mebyon Kernow setzt sich für eine weitgehende Autonomie Cornwalls ein, ist aber weit von einem der Abgeordnetenmandate entfernt. Mebyon Kernow erzielte in St Austrell & Newquay mit 4,1% ihr bestes Ergebnis.

In Nordirland gewannen die Vertreter der Unionistischen Parteien, die für den Verbleib im Vereinigten Königreich eintreten, mit elf von 18 Sitzen. Sinn Féin tritt für die Unabhängigkeit Nordirlands ein und erreichte vier Sitze. Die Sozialdemokratische Partei Nordirlands erzielte drei Mandate und tritt ebenfalls für eine Unabhängigkeit Nordirlands ein.

David Cameron steht nach seinem Wahlsieg unter Druck. Interessant wird sein, wie schnell er seinen groß angekündigten Plan zur „Maximalen Devolution“ in Großbritannien umsetzen wird. Cameron hatte nach dem schottischen Referendum 2014 versprochen, noch mehr Kompetenzen in die Länder zu verlagern. Konkrete Ergebnisse stehen noch aus.

Eines ist sicher – in Schottland hat man den Glauben an eine Unabhängigkeit nicht aufgegeben. Die vor Selbstvertrauen strotzende SNP hat bereits angekündigt, sollte sich Großbritannien mit einem „Brexit“ aus der EU verabschieden, werde man postwendend Großbritannien den Rücken kehren und der EU beitreten. Es bleibt spannend auf der Insel.

Der Autor wurde in Sonderburg geboren und war bis 2014 Leiter des Sekretariats der Deutschen Volksgruppe in Kopenhagen und Direktor der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen. Er ist ein ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der Minderheiten.

Lesen Sie alle bisherigen Teile der Serie. Sie finden die Artikel in den aufgeführten Links in der Sortierung neu nach alt.

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