Überraschung auf Parteitag in Bielefeld : Gregor Gysi: Linke-Chef verzichtet auf neue Kandidatur

Es sei an der Zeit, den Vorsitz in jüngere Hände zu legen, twitterte der Politiker am Sonntag.

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07. Juni 2015, 13:37 Uhr

Bielefeld | Der Vorsitzende der Linke-Fraktion im Bundestag, Gregor Gysi, verzichtet auf eine neue Kandidatur. Der 67-Jährige kündigte am Sonntag auf dem Linke-Parteitag in Bielefeld an, dass er seinen Posten im Herbst aufgeben wird.

Gysi äußerte sich im Kurznachrichtendienst Twitter zu den Gründen. „Es ist die Zeit gekommen, den Vorsitz in jüngere Hände zu übergeben.“

Er versprach, dass er „nicht heimlich versuchen werde, die Fraktion auf indirekte Art weiter zu leiten“. Noch nie war die Zustimmung zu mir in der Fraktion so groß wie jetzt, sagte Gysi. Mitglied im Bundestag will er bleiben. Gysi steht seit 2005 an der Spitze der Bundestagsfraktion und ist damit dienstältester Fraktionschef im Parlament. Mit 64 Abgeordneten ist die Linke derzeit die größte Oppositionspartei, noch vor den Grünen.

In seiner Rede appellierte er auch an die Parteibasis: „Wenn wir sozialistisch bleiben wollen, müssen wir erklären, was uns und warum am Kapitalismus stört, auch was uns nicht stört, sondern im Gegenteil gut ist und wie man das Störende überwinden und das andere erhalten kann.“ Gegen eine kapitalistische Diktatur sei die Anwendung von Gewalt gerechtfertigt, um sie zu überwinden, brauche man eine Revolution, sagte Gysi. „Wir aber leben in einer politischen Demokratie. Deshalb kommt für uns nur der gewaltfreie Weg der Transformation in Frage. Wir müssen versuchen, eine Mehrheit der Menschen in unserem Land von unserem Weg zu überzeugen. Wenn uns das nicht gelingt, haben wir nicht das Recht, sie zu unserem Weg zu zwingen“, sagte der 67-Jährige.

Die Wahl der neuen Fraktionsspitze ist für den 13. Oktober geplant. Nach Gysis Rückzug wird die Linke-Fraktion künftig vermutlich wieder von einer Doppelspitze geführt. Als mögliche Nachfolger gelten die Wortführerin des linken Flügels, Sahra Wagenknecht (45), und der Reformer Dietmar Bartsch (57), die beide bislang Gysis Stellvertreter sind. Allerdings hatte Wagenknecht erst im März verkündet, dass sie nicht Fraktionsvorsitzende werden will.

Vom Reformerflügel der Partei sprechen sich erste Stimmen für eine Doppelspitze aus Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch aus. Der Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich, einer der prominentesten Reformer, forderte die Parteilinke Wagenknecht am Rande des Parteitags in Bielefeld am Sonntag auf, trotz ihrer kürzlichen Absage für den Spitzenposten zu kandidieren. „Ich wäre sehr froh, wenn sie ihre Entscheidung korrigiert“, sagte Liebich. „Sie ist eine unsere profiliertesten Politikerinnen.“ Zusammen mit Bartsch - ebenfalls ein Reformer - wäre Wagenknecht ein „starkes Team“.

In den Umfragen liegt die Linke bundesweit derzeit bei etwa neun bis zehn Prozent.

Reaktionen auf den Gysi-Rücktritt gibt es auch bei Twitter:

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