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Zweitägiger Besuch : Gratwanderung am Nil – Papst Franziskus in Ägypten

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Der erste Papst-Besuch in dem arabischen Land seit knapp 20 Jahren ist eine heikle Mission. Es gilt die höchste Sicherheitsstufe.

shz.de von
erstellt am 28.Apr.2017 | 13:58 Uhr

Rom/Kairo | Es ist eine ungewöhnliche Szene für Kairo: Keine dicht gedrängten Autos, kein nervtötendes Hupkonzert. Dafür Hunderte Polizisten, die jeden argwöhnisch beäugen, der im Schatten der Bäume den brüchigen Asphalt der Straße Mohammed Mazhar entlang geht. Auf der wohlhabenden Nilinsel Samalek könnte jeder eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellen. Wenn Papst Franziskus hier in der Botschaft des Heiligen Stuhls übernachtet, gilt die höchste Sicherheitsstufe.

Dass der Papst die Reise nach den Anschlägen mit mehr als 40 Toten nicht abgesagt hat, wurde in Ägypten mit großer Erleichterung und Dankbarkeit aufgenommen. Auch Präsident Abdel Fattah Al-Sisi dürfte hoffen, dass das als Zeichen verstanden wird. Vor allem von verunsicherten Urlauber, von denen das Land wirtschaftlich abhängig ist.

Amr al-Schafie leitet einen Antiquitätenladen nur wenige Meter entfernt davon. Er muss das Geschäft am Freitag schließen, so wie alle anderen Ladenbesitzer auch. „Sie haben jede Person in dieser Straße kontrolliert“, erzählt er. Nach den Anschlägen auf Christen am Palmsonntag vor Ostern haben die Behörden Angst vor Bomben. Über mehr als hundert Meter wurden alle Autos abgeräumt.

Der Besuch des Papstes im bevölkerungsreichsten Land der arabischen Welt wird schon vorab als historisch eingestuft - die Beziehungen zwischen dem Vatikan und Ägypten sind äußerst wechselhaft. Der letzte Papstbesuch in Ägypten liegt fast 20 Jahre zurück. Im Jahr 2000 kniete Papst Johannes Paul II. als erstes Katholikenoberhaupt der Neuzeit am Berg Sinai und rief die Religionen zum Frieden auf.

Jetzt liegen Revolutionen und Regierungsstürze hinter dem größtenteils muslimischen Land - einem Schwergewicht im Nahen Osten, das seit Jahren nicht zur Ruhe kommt und vor allem mit Terroranschlägen und Menschenrechtsverletzungen Schlagzeilen macht.

Der Besuch in Kairo steht unter dem Motto „Papst des Friedens im Ägypten des Friedens“. „Ich möchte, dass dieser Besuch eine persönliche Geste des Trostes und der Ermutigung für alle Christen im Nahen Osten sei, eine Botschaft der Freundschaft und Wertschätzung an alle Einwohner Ägyptens und der gesamten Region“, sagte der 80-jährige Pontifex vorab.

Der Vatikan mache sich keine Sorgen um die Sicherheit, sagte der Papst-Sprecher Greg Burke. Der Papst werde auf eigenen Wunsch nicht mit einem gepanzerten Wagen unterwegs sein, sondern mit einem normalen Auto. „Er will eben auch ein positives Signal setzen“, so Burke.

Etwa zehn Prozent der Bevölkerung in Ägypten sind Christen, die meisten Kopten. Von den etwa 94 Millionen Einwohnern sind nach Angaben des Vatikans gerade mal 272.000 Katholiken. „Für unsere Christen wird mit dem Papst-Besuch ein Traum war“, sagte der katholische Bischof von Luxor und Vorsitzende des Organisationskomitees, Emmanuel Bischai, der italienischen Agentur SIR.

Der Besuch sei nach den Anschlägen ein „Zeichen der Nähe“, sagte Burke. Der argentinische Pontifex wird bei dem Besuch auch Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi und den einflussreichen Großimam der Al-Azhar-Universität, Ahmed Mohammed al-Tajjib, treffen. Dieser sieht sich in Ägypten seit einigen Wochen einer Kampagne regierungsnaher Medien ausgesetzt. Sie kritisieren, Al-Azhar als wichtigste Stätte für die Gelehrten des sunnitischen Islams habe es versäumt, die Lehre zu modernisieren und tue damit nicht genug gegen den Extremismus.

Höhepunkt soll eine Rede des Papstes und des Großimams bei einer Friedenskonferenz werden. Zudem ist eine Begegnung mit dem koptischen Papst Tawadros II. vorgesehen. Franziskus treibt seit Beginn seiner Amtszeit den Dialog der Religionen voran. Es sei falsch, den Islam mit Terrorismus gleichzusetzen, auch Katholiken begingen Verbrechen, betonte er immer wieder. Fundamentalisten seien „gottlos“.

Schwierig war das Verhältnis des Vatikans zur muslimischen Welt vor allem unter dem deutschen Papst Benedikt XVI. Der war mehrfach mit kritischen Äußerungen über den Islam bei muslimischen Geistlichen angeeckt - den Beginn markierte seine Regensburger Rede im Jahr 2006.

Die Beziehungen zwischen der Al-Azhar-Universität und Rom haben sich allerdings in den letzten Jahren wieder entspannt. Dafür brachte Franziskus im Vorfeld Kritiker auf, die monierten, dass der Papst bei einem Treffen mit dem autoritären Präsidenten Al-Sisi einer Unterdrückerregierung eine Legitimation erteile.

Amr al-Schafie in seinem Antiquitätenladen auf der Nilinsel Samalek hat andere Sorgen. „Ich hoffe nur, dass es keine Explosion geben wird“, sagt er. Er habe viele christliche Bekannte. Bei den letzten Anschlägen habe er sie alle nacheinander angerufen, um sich zu versichern, dass es ihnen gut gehe.

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