zur Navigation springen

Widersprüchliche Studien zum Unkrautvernichter : Glyphosat-Zulassung: Darum streiten die Ministerien

vom

Das Umwelt- und das Landwirtschaftsministerium liegen vor der EU-Abstimmung im Clinch. Eine neue Studie gibt Entwarnung - oder doch nicht?

shz.de von
erstellt am 17.Mai.2016 | 11:54 Uhr

Berlin | Glyphosat ist das weltweit am häufigsten eingesetzte Herbizid und steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Eine jüngste Studie zweier UN-Organisationen sieht dafür jetzt aber keine Belege mehr. Die EU-Zulassung für den Wirkstoff endet am 30. Juni. Der EU-Ausschuss für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit will voraussichtlich am Donnerstag entscheiden, ob die Zulassung verlängert werden soll oder nicht. 28 Mitgliedstaaten müssen abstimmen. Deutschlands Haltung könnte entscheidend sein, doch ausgerechnet das Umwelt- und das Landwirtschaftsministerium streiten sich über das „Ja“ oder „Nein“ zur Glyphosat-Verlängerung. Sollte es zur Abstimmung kommen, dürfte sich Deutschland enthalten, wenn es innerhalb der Regierung zu keiner Einigung kommt.

Der Unkrautvernichter Glyphosat sorgt immer wieder für Schlagzeilen: zuletzt, als Spuren davon in Bier nachgewiesen worden waren. Die Verbraucher sind angesichts verschiedener Studien verunsichert und auch in der Politik ist das Thema umstritten.

In der jüngsten Beschlussvorlage der EU-Kommission zum Glyphosat ist von einer Verlängerung der Zulassung um neun Jahre die Rede. Einstimmigkeit ist für die Entscheidung des Fachausschusses nicht notwendig. Eine Mehrheit für die Ablehnung bleibt trotz des deutschen Sinnenwandels unwahrscheinlich. Zudem könnte die EU-Kommission sich über das Votum hinwegsetzen. Das EU-Parlament hatte im April zahlreiche Auflagen und eine Zulassung für nur sieben Jahre verlangt.

Was ist Glyphosat, und wo wird es eingesetzt?

Glyphosat wird seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre weltweit zur Unkrautbekämpfung eingesetzt – in der Landwirtschaft, der Industrie und auch in privaten Haushalten – in Deutschland auf rund 40 Prozent der Felder. Bundesweit wurden laut Umweltbundesamt im Jahr 2012 knapp 6000 Tonnen reine Wirkstoffmenge aufgebracht.

Das Breitbandherbizid hemmt ein für das Wachstum der Pflanze wichtiges Enzym. Nutzpflanzen können mittels Gentechnik eine Resistenz gegen Glyphosat erhalten. In Deutschland spielen diese Pflanzen allerdings keine Rolle. Die deutsche Landwirtschaft setzt das Pestizid um die Aussaat herum, zwischen Ernte der Winterfrucht und Aussaat der Sommerfrucht ein. Stark eingeschränkt auch vor der Ernte.

2015 wurde Glyphosat von mindestens 91 Chemieunternehmen in 20 Ländern hergestellt und in über 130 Ländern verkauft. Bekannte Unkrauftvernichter mit Glyphosat heißen „Round Up“ (Monsanto), „Glyfos“ (Cheminova) oder „Touchdown“ (Syngenta). Dabei werden Glyphosat oft noch Beistoffe zugemischt. Diese Stoffe sind nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zum Teil giftiger als das Glyphosat selbst.

Der Stoff steht im Verdacht, krebserregend zu sein, allerdings sind die Forschungsergebnisse unter Experten umstritten. Zuletzt fanden sich in einer Studie zweier UN-Organisationen keine Hinweise darauf, dass Glyphosat bei der Nahrungsaufnahme zu genetischen Zellveränderungen führt. Rückstände des Giftes lassen sich in Tierfutter, Brot, Bier, Wein, Saft und auch im Urin von Menschen nachweisen. Auch in Muttermilch fanden Toxikologen Spuren von Glyphosat.

Worum geht es in dem Streit genau? Wer sagt was?

Die SPD-geführten Bundesministerien sind dagegen, den umstrittenen Unkrautvernichter in der EU erneut zuzulassen. Das teilte Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) am vergangenen Donnerstag in einer Videonachricht auf Twitter mit.

 

Ob gesundheitliche Bedenken zurecht bestünden, sei umstritten. „Solange wir nicht zweifelsfrei wissen, ob Glyphosat für die Gesundheit unbedenklich ist, sollten wir diese Chemikalie auch nicht zulassen.“ In Deutschland und Europa gelte zurecht das Vorsorgeprinzip, heißt es aus dem Bundesumweltministerium.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) reagierte verärgert über die Ablehnung seiner SPD-Kollegen. Zwischen seinem Ministerium und den SPD-geführten Umwelt- und Wirtschaftsressorts habe es längst eine abgestimmte Regierungsposition mit dem Ziel einer Zulassung gegeben, teilte Schmidt in einer ersten Reaktion am vergangenen Donnerstag mit. „Zuverlässiges und belastbares Regierungshandeln sieht anders aus.“

„Ich habe überhaupt kein Verständnis für die ,Rolle rückwärts‘ der Kollegen Gabriel und Hendricks bei der Zulassungsverlängerung von Glyphosat“, sagte Schmidt. Zudem seien alle Forderungen Hendricks' in einen neuen Verordnungsentwurf der EU-Kommission aufgenommen worden. „Hier geht es grundsätzlich um die Frage, dass wir uns gezielt über das gesetzliche Verfahren hinwegsetzen, auf Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu entscheiden.“

Er freue sich sehr, dass Hendricks endlich Farbe bekenne, sagte Harald Ebner, Grünen-Obmann im Agrarausschuss des Bundestags. Für Schmidt sei dies besonders peinlich, „schließlich basiert die ganze Zulassungsempfehlung auf der verharmlosenden Risikobewertung seiner Behörden“.

Deutschland hat im Zulassungsprozess die Rolle des Berichterstatters, der einen Bewertungsbericht erstellt. „Hier geht es grundsätzlich um die Frage, dass wir uns gezielt über das gesetzliche Verfahren hinwegsetzen, auf Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu entscheiden“, sagte Schmidt.

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Freitag in Berlin: „Es ist offenbar, dass es derzeit keine einheitliche Position in der Bundesregierung zu diesem Thema gibt.“ Deshalb würden in den kommenden Tagen Gespräche unter Beteiligung des Bundeskanzleramts geführt - mit dem Ziel, eine gemeinsame Linie zu finden. Der Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Anton Hofreiter, warnte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) davor, „mit ihrer Richtlinienkompetenz die Lobbypolitik der Agroindustrie zu vollenden“.

Prominenter Gegner des Herbizids ist auch SH-Umweltminister Robert Habeck. „Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat gelangen durch den intensiven Einsatz in Flüsse, Seen und Bäche. Die Daten für Schleswig-Holstein deuten auf eine erhebliche ökotoxikologische Beeinträchtigung der Gewässerbiologie hin“, warnt der Grünen-Politiker. Auch im Grundwasser – der Hauptquelle für das Trinkwasser – seien Rückstände der Pflanzenschutzmittel und ihrer Abbauprodukte in relevantem Ausmaß zu finden. „Es besteht also Handlungsbedarf“, sagt der Minister.

Welche Studien gibt es?

Glyphosat steht im Verdacht, krebserregend zu sein, allerdings sind die Forschungsergebnisse unter Experten umstritten. Der am Montag bekanntgewordene Entwurf eines Glyphosat-Berichts zweier UN-Organisationen bestätigt den Krebsverdacht nicht. Tiertests mit für Menschen relevanten Dosen des Mittels hätten gezeigt, dass Glyphosat bei der Nahrungsaufnahme nicht zu genetischen Zellveränderungen führe. In dem Bericht werden Ergebnisse eines Arbeitstreffens von Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zusammengefasst. Allerdings wird auch darauf hingewiesen, dass es bei Tests mit Mäusen bei sehr hohen Dosen Krebsverdacht gab.

Dennoch stufte das Sondergremium der WHO und der Welternährungsorganisation FAO das Krebsrisiko am Pfingstmontag als „unwahrscheinlich“ ein und stützt damit die Einschätzung der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa). Die war zum Schluss gekommen, der Wirkstoff berge vermutlich keine Krebsgefahr für den Menschen. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin kam 2014 zu ähnlichen Ergebnissen. Auch der Agrarkonzern Monsanto betont: „Toxikologische Langzeitstudien an Ratten und Mäusen haben gezeigt, dass auch eine dauerhafte Verabreichung von Glyphosat das Krebsrisiko nicht erhöht.“ Monsanto vertreibt mit „Roundup“ einen Unkrautvernichter auf Basis von Glyphosat

Die jüngsten Aussagen stehen im Gegensatz zu Feststellungen der mit der WHO verbundenen Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) in Lyon, die Glyphosat im März 2015 als wahrscheinlich krebserregend eingestuft hatte. Aus Sicht des Umweltministeriums sollte eine neue Einschätzung der Europäischen Chemikalienagentur zu Glyphosat abgewartet werden. Diese wird frühestens 2017 erwartet.

Wie reagieren Verbände?

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) bleibt bei seiner ablehnenden Haltung. „Eine Entwarnung für Glyphosat ist angesichts der Risiken absolut verantwortungslos“, sagte die BUND-Pestizidexpertin Heike Moldenhauer am Dienstag in Berlin. Es gebe keine einzige Untersuchung, welche gesundheitlichen Folgen die ununterbrochene Aufnahme von Glyphosat in kleinen Mengen habe.

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) fordert Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, eine Wiederzulassung zu stoppen. Das Vorsorgeprinzip müsse Vorrang vor unkalkulierbaren Risiken haben, sagte die AbL-Vorsitzende Gertraud Gafus. Um den Landwirten die Umstellung zu erleichtern, könne man aber über eine Übergangsfrist reden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen