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Umstrittener Unkrauftvernichter : Glyphosat-Zulassung ab 2018: Weiterhin keine Mehrheit unter EU-Ländern

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Im Dezember läuft die Lizenz des wirksamen und preiswerten Herbizids aus. Glyphosat steht im Verdacht, Krebs zu erregen.

shz.de von
erstellt am 09.Nov.2017 | 11:49 Uhr

Brüssel | Die Zukunft des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat in Europa ist zunächst weiter offen. Im zuständigen Expertengremium der EU-Länder gab es am Donnerstag in Brüssel nach Angaben aus EU-Kreisen nicht die nötige Mehrheit für eine Verlängerung der Lizenz. Glyphosat ist in Europa bis Mitte Dezember zugelassen. Die EU-Kommission teilte mit, dass sie ein Vermittlungsverfahren einberufen wolle.

Die Brüsseler Behörde hatte ursprünglich eine Verlängerung der Lizenz um zehn Jahre angepeilt. Weil es dafür keine Mehrheit gab, hatte sie zuletzt davon Abstand genommen und nun fünf Jahre vorgeschlagen. Aber auch dieser Vorschlag fand nun nicht die nötige Mehrheit in dem Gremium, in dem Experten der 28 EU-Länder sitzen.

Deutschland enthielt sich abermals, weil die bisherige schwarz-rote Regierung bei dem Thema uneins ist und in einer möglichen Jamaika-Koalition die Grünen eine Verlängerung der Lizenz sehr kritisch sehen. Insgesamt stimmten am Donnerstag 14 EU-Länder für die Verlängerung, neun dagegen, fünf enthielten sich.

Der Vermittlungsausschuss soll laut Kommission vor dem 22. November tagen. Dort können dann auch höherrangige Politiker direkt vertreten sein. Für eine Entscheidung müsste aber auch dort eine qualifizierte Mehrheit zustandekommen. Das bedeutet, dass 55 Prozent der Staaten zustimmen müssten, die 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren. Geschieht dies nicht, kann die EU-Kommission theoretisch alleine entscheiden. Sie hatte bislang allerdings versucht, breite Unterstützung der EU-Länder zu bekommen.

Warum wird gerade über Glyphosat besonders heftig gestritten?

„Glyphosat ist ein Symbol“, erklärt Horst-Henning Steinmann von der Universität Göttingen. „Es steht als weltweit dominierendes Pflanzenschutzmittel für eine Form der Landwirtschaft, die viele Kritiker hat.“ Ein weiterer Faktor sei, dass es von Konzernen wie Monsanto in vielen Ländern im Paket mit gentechnisch veränderten Pflanzen angeboten werde. „Damit steht Glyphosat indirekt auch für Gentechnik.“ Hinzu komme die Angst vor einem Präzedenzfall: „Eine Sorge von Herstellern und Landwirten ist, dass ein Glyphosat-Stopp nur die erste Entscheidung wäre, die viele weitere nach sich ziehen könnte.“

Gibt es bereits Verbote?

Ja. El Salvador, Bermuda und Sri Lanka haben den Einsatz von Glyphosat verboten, so Thoralf Küchler, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Glyphosat (AGG), einem Zusammenschluss von sieben Glyphosat-produzierenden Unternehmen. In den Niederlanden gibt es demnach ein Verbot für kommunalen Gebrauch, also die Verwendung auf öffentlichen Straßen und in Gemeinden. Ausgenommen sind Bahngleise und Fluglandebahnen.    

Glyphosat ist seit 40 Jahren im Einsatz. Wie entstanden die Bedenken?

„Glyphosat ist auch deshalb so erfolgreich, weil es lange als unproblematisch galt“, erklärt Silvia Pieper vom Umweltbundesamt (UBA). Glyphosat werde vergleichsweise selten im Grundwasser nachgewiesen, weil es an Bodenpartikel binde. Allerdings seien die Abbauzeiten im Boden recht lang: Es dauere mehr als ein Jahr, bis 90 Prozent der Substanz abgebaut seien. In Sedimenten könne sich die Substanz besonders lange halten. 

Die direkte Giftigkeit für Tiere wurde in Studien meist als relativ gering eingestuft, da das gehemmte Enzym EPSPS nur bei Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen vorkommt. Einige Studien unter anderem an Ratten und Mäusen allerdings legten nahe, dass Glyphosat in hohen Dosen krebserregend sein könnte.

Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC), eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), stufte das Herbizid auf Basis dieser Ergebnisse im März 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ für den Menschen ein - gerade als in Europa die Verlängerung der Zulassung anstand. Andere Agenturen wie die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sehen hingegen kein von Glyphosat ausgehendes Risiko.

Wie kommt es zu diesem Widerspruch?

Der Widerspruch ist nicht wirklich einer. Die IARC beurteilte die Krebsgefahr, also die generelle Möglichkeit, dass Glyphosat Krebs verursacht. In die Bewertung der anderen Agenturen hingegen floss das Risiko als Faktor ein. Die EFSA bewertet das Krebsrisiko bei den Mengen, die ein Mensch üblicherweise etwa über Lebensmittel aufnimmt, als vernachlässigbar.

Wie sieht es bei Menschen aus, die ständig mit Glyphosat umgehen?

Berichte über einen vermuteten Zusammenhang zwischen Glyphosat und Krebs- oder sonstigen Erkrankungen gibt es seit Jahren, etwa bei Bauern aus Sri Lanka und Argentinien. Gesicherte Erkenntnisse fehlen bisher. In den betroffenen Ländern werden teilweise Pflanzenschutzwirkstoffe und -mengen eingesetzt, die in Europa nicht zugelassen sind.

Warum stützen EU-Behörden ihre Einschätzung auf Studien der Hersteller, die für die Öffentlichkeit nicht einsehbar sind?

„Es gilt das Prinzip, dass Antragsteller die Studien finanzieren müssen, um die Unbedenklichkeit ihrer Substanz nachzuweisen“, erklärt UBA-Expertin Pieper. Für die Öffentlichkeit geheim blieben die Studienberichte wohl aus Wettbewerbsgründen. „Viele der durchgeführten Studien sind recht aufwendig und daher auch teuer, die Daten sind für die Antragsteller ein kostbares Gut“, sagt Pieper. „Auch wir würden allerdings eine bessere Zugänglichkeit dieser Daten befürworten.“

An dem Vorgehen gibt es reichlich Kritik. Der Verein „Lobby Control“ bezeichnet das einseitige Zurückgreifen auf Studien von Herstellern der Stoffe, die geprüft werden, als „inakzeptabel“.

Würde ein Auslaufen der Glyphosat-Genehmigung der Umwelt nützen?

Es existierten Wirkstoffe mit problematischeren Risikoprofilen, die in geringeren Mengen eingesetzt würden, sagt Pieper. Mit einem Glyphosat-Stopp kämen möglicherweise andere Substanzen auf die Zulassungslisten, fürchtet die UBA-Expertin. „Statt des Verbots einer einzelnen Substanz wäre eine generelle Reduzierung des Herbizideinsatzes sinnvoll.“

Glyphosat könne vielleicht nicht leicht, aber doch durch andere Wirkstoffe ersetzt werden. „Deshalb wäre ein schlichter Ersatz keine Lösung“, betont Pieper. „Es geht darum, die Menge aller eingesetzten Herbizide und anderer Pflanzenschutzmittel deutlich zu verringern und ihre Auswirkungen zu kompensieren, indem ökologische Ausgleichsflächen angelegt werden.“ 

Auch der Göttinger Agrar-Experte Steinmann sagt: „Glyphosat ist schon ein modernes Herbizid, dessen Umweltwirkung vergleichsweise günstig zu beurteilen ist. Würde es einfach nur durch ältere Wirkstoffe ersetzt, wäre für die Umwelt nichts gewonnen.“

An Glyphosat gibt es viel Kritik. Einerseits ist der Unkrautvernichter sehr wirksam, gilt als preiswert und wird weltweit genutzt. Andererseits steht Glyphosat auch im Verdacht, Krebs zu erregen und die Umwelt zu schädigen. Wissenschaftler sind uneins über das Krebsrisiko.

Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte den Unkrautvernichter 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ für Menschen ein. Die Lebensmittelbehörden Efsa und die Chemikalienagentur Echa kamen aber zu dem Ergebnis, dass die verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse für eine solche Einstufung nicht ausreichten. Umweltschützer zweifeln an der Aussagekraft der zugrundeliegenden Studien.„Die Europäische Kommission muss endlich einsehen, dass es höchste Zeit ist, das Ende von Glyphosat einzuläuten“, sagte der Agrarexperte der Grünen im Europäischen Parlament, Martin Häusling. „Auf keinen Fall darf die Kommission vor Monsanto einknicken, aus Furcht, bei einer Nicht-Verlängerung Strafzahlungen an den Chemie-Giganten leisten zu müssen.“ Der US-Chemiekonzern Monsanto, den der deutsche Konkurrent Bayer übernehmen möchte, hatte Glyphosat entwickelt.

Vertrieben werden glyphosathaltige Mittel aber auch von Dutzenden anderen Herstellern.

 
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