Tunesier in Haft : Giftfund in Köln – geplanter Terroranschlag „sehr wahrscheinlich“

SEK Beamte mit Atemschutzmasken verlassen ein Hochhaus im Kölner Stadtteil Chorweiler.

SEK Beamte mit Atemschutzmasken verlassen ein Hochhaus im Kölner Stadtteil Chorweiler.

Die geringste Dosis Rizin ist tödlich. Die in der Wohnung gefundene Menge hätte wohl für 250 bis 1000 Dosen gereicht.

shz.de von
15. Juni 2018, 11:15 Uhr

Köln | Der in Köln mit hochgiftigem Rizin gefasste Tunesier hat nach Einschätzung des Verfassungsschutzpräsidenten „sehr wahrscheinlich“ einen Gift-Terroranschlag geplant. Die Auswertungen seien zwar noch nicht abgeschlossen, „allerdings ist es in der Gesamtschau der bislang vorliegenden Hinweise sehr wahrscheinlich, dass hier ein terroristischer Anschlag vereitelt werden konnte“, sagte Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen der „Rheinischen Post“.

Nach Informationen der Zeitung hätte die gefundene Menge zur Herstellung von hochgiftigem Rizin für 250 bis 1000 toxische Dosen, je nach Ausbringungsmethode auch für mehr gereicht.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul hatte am Donnerstag schon gesagt: „Das Gefahrenpotenzial, was von ihm ausging, war schon relativ hoch.“ Nach Ansicht des Düsseldorfer Toxikologen Gerhard Fritz ist die geringste Dosis Rizin schon tödlich. „Es gibt kaum etwas, was gefährlicher wäre.“

Weitere Durchsuchungen

Am Freitagmorgen wurden mehrere leerstehende Wohnungen in dem Wohnhaus des Verdächtigen durchsucht. Nach dpa-Informationen waren neben Polizei und Bundeskriminalamt auch Experten des Robert Koch-Instituts vor Ort. Auch die Feuerwehr rückte mit einem größeren Aufgebot an. Einige Einsatzkräfte trugen Schutzkleidung.

Nach dpa-Informationen werden die leerstehenden Wohnungen durchsucht, um auszuschließen, dass dort möglicherweise ebenfalls Rizin oder rizinhaltige Substanzen gelagert haben könnten. Nach einem Bericht des Südwestrundfunks (SWR) passten die Schlüssel des verhafteten Tunesiers für mehrere Wohnungen in dem Gebäude. Das Haus wurde abgesperrt, aber nicht evakuiert, berichtete eine dpa-Reporterin.

Der 29-Jährige soll bereits seit mehreren Wochen biologische Waffen in seiner Wohnung hergestellt haben und bei der Produktion seines tödlichen Gifts weit fortgeschritten sein. Das Material zur Herstellung des hochgiftigen Rizin hatte der Tunesier sich nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft im Internet gekauft und seit Anfang Juni zusammengemischt. Es bestehe deswegen dringender Tatverdacht, hatte die Justizbehörde am Donnerstag in Karlsruhe mitgeteilt.

Erst seit November 2016 in Deutschland

Mittäter soll der Mann nach bisherigen Erkenntnissen des nordrhein-westfälischen Innenministeriums nicht gehabt haben. „Ich habe im Moment keinen Hinweis darauf“, sagte Innenminister Reul am Donnerstag in Düsseldorf.

Der 29-jährige Tunesier hatte den Verdacht der Sicherheitsbehörden geweckt, weil er auffällig im Internet eingekauft hatte. Unter anderem hatte Sief Allah H. bei einem Online-Versandhändler 1000 Rizinus-Samen und eine elektrische Kaffeemühle gekauft. „Anfang Juni 2018 setzte der Beschuldigte sein Vorhaben um und stellte erfolgreich Rizin her“, teilte die Bundesanwaltschaft mit. „Dieses konnte bei dem Beschuldigten sichergestellt werden.“

Der Bundesgerichtshof hatte bereits am Mittwochabend Haftbefehl gegen den 29-Jährigen erlassen. Laut „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Express“ soll der Tatverdächtige erst im November 2016 nach Deutschland eingereist und polizeilich nicht in Erscheinung getreten sein. Staatsschutz und Ermittlungsbehörden hätten einen Hinweis auf den Mann erhalten, der dann observiert und am Dienstagabend festgenommen wurde. Spezialkräfte stürmten die Wohnung des Mannes, seiner Frau und Kinder in einem Hochhaus.

Für die medizinische Untersuchung der Nachbarn des mutmaßlichen Giftmischers sieht die Stadt Köln keinen Anlass. Nach Aussagen von Experten des Robert Koch-Instituts sehe man keine Notwendigkeit, „Maßnahmen für Personen zu treffen, die sich außerhalb der Wohnung befanden“, erklärte die Stadt auf Anfrage.

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