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Beitrag für die Private Krankenkasse : Gesetzgeber macht Frauen im Alter arm

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die 9/10 Regelung sorgt dafür: Der Krankenkassenbeitrag frisst die Rente vieler Frauen größtenteils auf.

Kiel | Als der Briefträger den Rentenbescheid brachte, war das für Birgit K. ein guter Tag. 580 Euro erhält die Kielerin, die mit 65 Jahren den Ruhestand genießen will. Mit so viel Geld hatte die gelernte Arzthelferin nicht gerechnet, weil sie zwölf Jahre wegen ihrer drei Kinder nicht berufstätig war.

Doch das dicke Ende kam wenige Tage später: Die BEK teilte ihr mit, dass sie als Rentnerin nicht in der gesetzlichen Kasse bleiben darf, in die sie jahrzehntelang eingezahlt hat – als junge Frau in Vollzeitbeschäftigung und jetzt die letzten 18 Jahre als Halbtagskraft in einer Arztpraxis. Bitter für die Kielerin : Der Beitrag für die Private Krankenkasse frisst nun mehr als die Hälfte ihrer Rente auf.

So wie Birgit K. geht es vielen Frauen. Denn ob man am Ende des Berufslebens in die günstige Krankenversicherung der Rentner (KVdR) kommt, hängt von der zweiten Hälfte des Arbeitslebens ab. Anspruch auf Mitgliedschaft in der KVdR hat seit der Reform von 1989 nur, wer in der zweiten Hälfte seines Erwerbslebens 9/10 der Zeit in der gesetzlichen Krankenversicherung pflicht- , freiwillig- oder familienversichert gewesen ist.

An dieser Hürde scheitern viele, die zwischenzeitlich – meist als Frauen von Beamten – privat krankenversichert waren und dann wieder in die gesetzliche Krankenversicherung zurückgekehrt sind. Zu den „Opfern“ dieser Regelung zählt auch Birgit K. Während der 12-jährigen Kindererziehungszeit war sie über ihren Ehemann krankenversichert – einen Justizvollzugbeamten, der über Beihilfe und eine Private Versicherung abgesichert war. Für sie kommen jetzt nur die Rückkehr zur Privaten in Frage oder die freiwillige Versicherung in der gesetzlichen Krankenkasse.

Die Kielerin hat sich für die erste Variante entschieden, weil sie glücklicherweise eine (kostenpflichtige) Anwartschaft bei der privaten Kasse aufrecht erhalten hat. Das ermöglicht ihr nun die Rückkehr in den alten Tarif ohne neue Gesundheitsprüfung. Hätte sie nicht vorgesorgt, wäre ihr Beitrag jetzt sogar höher als ihre Rente. So zahlt sie 286 Euro – im Vergleich zum „verpassten“ KVdR-Beitrag von knapp 45 Euro immer noch ein horrender Unterschied.

Wer sich für die zweite Alternative, also für die freiwillige Mitgliedschaft in einer gesetzlichen Kasse entscheidet, muss auch hier tief in die Tasche greifen. Für die Berechnung des Beitragssatzes zählen dann nämlich nicht nur die Höhe der eigenen Rente, sondern auch Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung, Kapitalerträge und dergleichen. Außerdem werden die Einkünfte des Ehepartners mit herangezogen. Einziger Trost : Sie können einen Zuschuss beantragen meist um die 40 Euro .

Mit der 9/10 Regelung wollte der Gesetzgeber den Gedanken der Solidarität in der gesetzlichen Krankenversicherung unterstreichen und vermeiden, dass privat Versicherte erst wenn sie Kinder haben (die man in der PKV einzeln versichern muss) in AOK, BEK und Co flüchten.

„Doch von solcher Rosinenpickerei war bei den Beamtenfrauen nie die Rede. Sie waren meist gezwungen, sich über die Beihilfe abzusichern, weil die freiwillige Weiterversicherung bei den Ein-Verdiener-Haushalten gar nicht finanzierbar gewesen wäre“, gibt Koslowski zu Bedenken, die jetzt eine Initiative zur Änderung des Gesetzes und eine Online-Petition gestartet hat. „Wir wollen nicht hinnehmen, dass Ehefrauen von Beamten anders behandelt werden als Frauen von Angestellten, die automatisch kostenfrei in der Familienversicherung mitversichert sind und dies ein Leben lang“, so Koslowski.

Mehrfach gab es Klagen gegen diese Regelung. So wurde von Betroffenen kritisiert, dass allein die zweite Lebenserwerbshälfte eine Rolle spielt, und dass Mütter benachteiligt werden. Als ungerecht wird empfunden, dass jemand, der erst mit 50 anfängt zu arbeiten, später in der günstigen gesetzlichen Rentnerversicherung bleiben kann, jemand der 40 Jahre in die GKV eingezahlt hat, jedoch an der 9/10 Regelung scheitern kann.

„Durch die 9/10 Regelung wird vielen älteren Frauen die Würde genommen“ , erklärt Koslowski, die wie viele andere Frauen erst beim Rentenantrag von der Benachteiligung erfuhr. „Ich habe hier Schicksale auf dem Tisch, die bringen einen zum Weinen. Frauen, die nur noch 180 Euro im Monat zum Leben haben, weil die Krankenkasse ihnen das Geld auffrisst.

Betroffen sind auch viele Ehepartnerinnen von Zöllnern und Bundeswehrsoldaten aus dem Norden “, so Koslowski. Briefe an die Politiker – egal ob Gröhe, Nahles oder Schwesig – blieben erfolglos. Notfalls ziehen die geprellten Frauen jetzt vor den Europäischen Gerichtshof. Auch Birgit K. ist verbittert. Das Gesetz wurde geändert, als ich überhaupt nicht mehr reagieren konnte. Was sie besonders belastet: „Ich muss jetzt bei meinem Mann um Haushaltsgeld bitten“. Sie fühlt sich bettelarm.

 
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erstellt am 17.Aug.2015 | 13:41 Uhr

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