Zurück zur Drachme? : Gerüchte über Varoufakis' Grexit-Plan: die „produktive Undeutlichkeit“

Wollte Varoufakis ein paralleles Zahlungssystem? Der griechische Ex-Finanzminister dementiert auf Twitter. Griechische Politiker wissen nicht, ob sie lachen oder weinen sollen.

shz.de von
27. Juli 2015, 10:12 Uhr

Yanis Varoufakis kann es nicht lassen. Der ehemalige griechische Finanzminister hat schon oft für Schlagzeilen gesorgt. Am vergangenen Wochenende waren es gleich zwei.

Nummer eins: Einem Bericht der griechischen Zeitung „Kathimerini“ zufolge soll er den Aufbau eines parallelen Zahlungssystems für Griechenland geplant haben. Sollte es zum Bruch mit den Gläubigern kommen, wäre dann die Umstellung vom Euro auf die alte Währung, die Drachme, leicht.

Nummer zwei: Seiner Ansicht nach solle die Regierung unter Alexis Tsipras zurücktreten. Sie werde es nicht schaffen, soll er der Athener Sonntagszeitung „Real News“ gesagt haben.

Anschließend gab es die klassische Varoufakis-Reaktion: Man habe ihn missverstanden, ihn falsch interpretiert, seine Aussagen seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Auf Twitter spielt er die Gerüchte mit Ironie runter. Er sei beeindruckt von der Vorstellungskraft seiner Verleumder.

Das System Varoufakis funktioniert weiter und fasziniert diejenigen, die ihn - noch - ernst nehmen. Es heißt „produktive Undeutlichkeit“. Die Methode ist einfach: Man sagt etwas, das für Aufsehen sorgt. Dann nimmt man es zurück, aber nicht ganz sondern nur teilweise. Das erzeugt neues Interesse und das Spiel geht in die nächste Runde. 

Diesmal zielt Varoufakis offensichtlich direkt auf den griechischen Regierungschef Tsipras. Die angeblichen Vorbereitungen für einen „Grexit“ soll er dem Bericht zufolge nämlich schon im vergangenen Dezember in die Wege geleitet haben, also einen Monat vor dem Wahlsieg der Syriza Partei unter Tsipras die Wahlen gewann. Der Plan beinhaltete laut „Kathimerini“ angeblich auch, dass ein kleines Team des Finanzministeriums das Steuersystem des eigenen Ministeriums hacken sollte, um Steuerdaten griechischer Bürger und Unternehmen für den Aufbau des parallelen Zahlungssystems zu entwenden. Die Frage in der griechischen Presse lautet nun: Wusste Tsipras davon? Plante er zusammen mit Varoufakis den „Grexit“? Eine Antwort seitens Tsipras gab es zunächst nicht.

Varoufakis sorgte bereits vor zwei Monaten für Aufsehen, als er erklärte, er habe während eines informellen Treffens der Eurogruppe Tonaufnahmen gemacht. Kommentatoren im griechischen Rundfunk fragten sich nun am Montag, ob Varoufakis auch Gespräche mit griechischen Spitzenpolitikern mitgeschnitten habe.

Fakt ist: Tsipras schwenkte beim jüngsten Euro-Gipfel in letzter Minute um und brachte Athen wieder auf Euro-Kurs. Varoufakis war vorher zurückgetreten. Insider sagen hinter vorgehaltener Hand, für „den Zauberlehrling und das Universalgenie“ Varoufakis sei der indirekte Rausschmiss der Dolchstoß gewesen.

Nun schmiedet er wohl eigene Pläne. Welche das sind, vermag im Moment niemand zu sagen. Mal stimmt er im Parlament gegen Reform- und Sparmaßnahmen. Dann stimmt er dem nächsten Gesetzespaket zu. Nun lässt er es laut „Kathimerini“ offen, ob Tsipras auch einen „Grexit“-Plan ausarbeiten wollte. 

Seriöse Experten wie der ehemalige Generalsekretär des griechischen Finanzministeriums, Diomidis Spinellis, bezeichnen die Berichte über die Hacker-Pläne von Varoufakis als „nicht seriös“. Solche riesigen Archive könne man nicht in ihrem gesamten Umfang hacken, sagte er dem Athener Nachrichtensender Skai. Der Plan aber, das Land aus dem Euro zu führen, sei „schlimm“, meint er.

Nach Ansicht eines bekannten Psychologen aus der Hafenstadt Thessaloniki ist Varoufakis eines erneut gelungen: die Presse zu faszinieren. Und während sich internationale Medien noch mit seinen neuesten Machenschaften beschäftigten, kehrte Varoufakis am Montagmorgen von einem Wochenendausflug in der Villa seiner Frau auf der Insel Egina zurück, wie das griechische Fernsehen berichtete. Die kleine griechische liberale Partei „To Potami“ erklärte, man wisse mittlerweile nicht mehr, ob man über all diese Sachen „lachen oder weinen“ solle.

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