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Trauer, Wut und Mediensensation : Germanwings-Absturz: Ein kollektives Netz-Event

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Ein Unglück, das Deutschland trifft: Der Absturz der Germanwings-Maschine ist zu viel für Medien und Netzgemeinde.

Ein paar Tage lang herrschte fast so etwas wie Flaute in den deutschen Medien. Schon wieder ist Griechenland ein Thema und in der Ukraine ist die Waffenruhe leider weiterhin brüchig. Im Jemen schwelt ein Konflikt und der IS sorgt immer wieder für Schlagzeilen. Es sind schlechte Nachrichten, aber neu erscheinen sie vielen nicht. Dann verändert eine Eilmeldung alles. Es sickert durch, dass eine Maschine der Lufthansa-Tochter „Germanwings“ in Frankreich auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf abgestürzt ist. Offenbar gibt es rund 150 Opfer zu beklagen, darunter viele Deutsche.

Es dauert nicht lange, bis die Medienmaschinerie aus der Routine erwacht. Sondersendungen, Brennpunkte, Korrespondentenberichte, Rückblicke auf schwere Unglücke der vergangenen Jahre und die Frage nach der Sicherheit des Airbus A320 sind nur einige der Themen.

Dann kommen die Spekulationen und Berichte über die Opfer. Kein Sender, der nicht sein Tagesprogramm umstellt oder Experten zur Situation befragt. Kein Kanal im Fernsehen, der nicht darüber berichtet. Kein Nachrichtenportal, wo ein anderes Thema oben steht. Auch shz.de berichtet prominent über den Absturz. Alle anderen Ereignisse rücken in diesen Tagen in den Hintergrund. Es ist ein tragisches Ereignis.

Auch in den sozialen Netzwerken beginnt nach Bekanntwerden des Unglücks das kollektive Trauern. Die Hashtags #Germanwings und #U49525 trenden seither bei Twitter. Es wird Anteilnahme gezeigt, denn das Unglück ist so nah, dass man auch selbst hätte an Bord sitzen können. Oder ein Bekannter.

Netzwelt-Kolumnist Sascha Lobo schrieb in einem Kommentar für Spiegel-Online, dass in Katastrophenmomenten noch immer deutlich werde, wie neu diese Netzwelt noch immer sei. Dass es zwar „mechanische Rituale, aber noch keine allgemein akzeptierten Instrumente der netzkollektiven Trauer gibt“, aber Erschütterung und Eilmeldung Hand in Hand gingen. Kurz gesagt: Das Netz steht Kopf und Ereignisse überschlagen sich.

Da gibt es diejenigen, die ein schnelles „R.I.P.“ (Ruhe in Frieden) auf ihre Facebook-Timeline, bei Twitter oder unter eine der zahlreichen Veröffentlichungen von Nachrichtenportalen schreiben. Manche schleudern die Kommentare gar ins Netz. Das Mitteilungsbedürfnis scheint manchmal über der Trauer zu stehen. Das ist Gedenken 2.0.

Andere posten Bildchen mit brennenden Kerzen oder einem Flugzeug auf schwarzem Grund. Darüber ein Spruch im plakativen Font: „Meine Gedanken sind bei den Familien der Opfer, viel Kraft für die Angehörigen“, heißt es da. Es wird kollektiv getrauert.

Auf Kritik an den Rest-in-Peace-Postings folgt Gegenkritik. Es kommt zum Streit unter Trauernden und denen, die sie für übertrieben halten. Eilig werden Logos von Lufthansa und Germanwings in grau-schwarz gefärbt. Noch bevor es Kritik geben kann, dass die bunten Farben jetzt etwas pietätlos daherkommen würden. Viele andere Unternehmen ziehen mit. Ähnlich wie beim Anschlag auf „Charlie Hebdo“ gibt es ein gemeinsames Zeichen der Trauer: Eine schwarze Aidsschleife. Auch Google ist dabei sowie tausende andere Nutzer sozialer Netzwerke.

Schnell macht Kritik auch an den Medien und der massiven Berichterstattung die Runde. Auf Twitter geben sich kritische Tweets und neueste Eilmeldungen der Nachrichtenportale die Klinke in die Hand. Die Information der Medien, dass die Aktienkurse der Unternehmen einbrechen sorgt für heftige Reaktionen. „Es sind Menschen gestorben, das ist doch geschmacklos“, wettert es aus dem Netz. Das ist der zweite Typus. Neben den „Sozialtrauernden“ gibt es also noch die Empörten. Sie kritisieren die Medien für ihre teilweise zweifellos vorhandene Sensationslust. Der Umgang mit dem Absturz ist „unbedingt kritikwürdig“, sagt auch Sascha Lobo und folgt einem interessanten Ansatz. „Das digitale Trauerkollektiv möchte nach einem Moment der Bestürzung wütend sein.“ Offenbar würden digitale Gemeinschaftsgefühle ein Ziel benötigen, und weil Traurigkeit keines kennt, schlägt sie leicht in Empörung um. „Klicktrauer wird zur Klickwut“, sagt Lobo.

ARD-Programmdirektor Volker Herres verteidigt indes das Vollprogramm zum Flugzeugabsturz: „Es gibt an einem solchen Tag ein immenses Bedürfnis der Menschen nach Information. (...) Das ist doch auch verständlich. Wenn man eine solche schreckliche Nachricht bekommt, dann will man wissen, was genau ist da passiert. Die Menschen dürsten nach Informationen und die müssen wir bedienen. Die Tonalität muss aber stimmen.“

Auch der Deutsche Presserat appelliert im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den Absturz bereits am Tag des Absturzes an die Medien, den Schutz der Persönlichkeit der Opfer und ihrer Angehörigen zu achten. Am Tag nach dem Unglück lagen dem Presserat bereits mehrere Beschwerden gegen Berichterstattungen zum Thema vor. Es heißt, „die Opfer von Unglücksfällen haben gemäß Richtlinie 8.1 des Pressekodex einen Anspruch auf den besonderen Schutz ihrer Identität. Für das Verständnis des Geschehens ist das Wissen darüber in der Regel unerheblich.“

Trotzdem zeigen einige Boulevard-Medien offen Bilder von Opfern des Fluges – unverpixelt über die ganze Bildschirmbreite. Es wird auf den Schicksal-Knopf gedrückt. Erst heute erschien eine Traueranzeige des Halterner Gymnasiums in der Zeitung. Darin die Namen der 16 Schüler und der zwei Lehrkräfte, die bei dem Absturz ums Leben kamen. Eine lobenswerte Geste der Anteilnahme. Auf Twitter wird aber bereits befürchtet, dass die Namen bald bebildert in diversen Medien auftauchen könnten. Schutz der Privatsphäre? Nicht für alle. Das gilt auch für den Co-Piloten, der die Maschine offenbar bewusst abstürzen ließ. Einige Medien veröffentlichten ein Foto des Mannes vor der Golden Gate Bridge in San Francisco. Es entstammt offenbar seinem Facebook-Account – teilweise unverpixelt.

Dann gibt es auch noch diejenigen Netzwerker, die sich darüber aufregen, warum die Nennung von deutschen Opfern so entscheidend ist. Tote seien schließlich Tote, egal aus welcher Nation.

Und da sind wir auch wieder beim Anfangs-Tenor dieses Textes. Es gibt Tote in der Ukraine, im Jemen, Im Irak und auch in Syrien, wo Assad offenbar chemische Kampfstoffe auf sein Volk niederregnen lässt. Und es gibt die Boko Haram, die erst in dieser Woche erneut mehrere hundert Menschen verschleppt hat. Den Unterschied stellt wieder Lobo her: „Kriegstote sind Zahlen, Katastrophentote sind Schicksale“. Es hätte eben jeden Treffen können, der vom Barcelona-Urlaub nach Hause fliegen will. Ähnlich groß war der Schock über den Malaysia-Airlines-Flug, der im letzten Jahr über der Ukraine abgeschossen wurde. Die Nähe ist entscheidend.

Und während sich noch eine Gruppe über die Absturz-Spekulationen der Medien aufregt, wird auch im Netz weiter eifrig spekuliert. Mitten drin: Die Verschwörungstheoretiker. Die USA, Israel oder irgendwelche Islamisten seien schuld. „Die Welt wird nur erfahren, was die Welt erfahren darf“, heißt es hier und da. „Immer wieder neue Experten brachten unterschiedliche Spekulationen, und nachher blieben dann die über, die wirklich viele Spekulationen brachten – ich glaube, das hat die Öffentlichkeit dann doch verwirrt. Da sollte man sich vielleicht ein wenig mehr zurückhalten“, sagt der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) Michael Konken im WDR5 Morgenecho.

Am Ende stehen die Medien im Kreuzfeuer der sozialen Netzwerker. Sie versuchen den Informationshunger der Leute draußen zu stillen. Und seien die Informationen noch so nichtig. Das Portal Bildblog stellt fest, dass die Liveticker nur eine Stunde nach dem Absturz bei einigen Portalen schon gut gefüllt waren. Jeder Schnipsel Information, egal wie relevant oder spekulativ, wird abgefeuert. Vom Screenshot der nicht zu erreichenden Germanwings-Seite bis hin zur leeren Ankunftshalle am Düsseldorfer Flughafen. Da sind Informationen über das Alter des Airbus neben juvenil-dämlichen Kommentaren des Rappers „Moneyboy“, der den Absturz auf seinem Twitter-Account verhöhnt.

Abgesehen vom Money-Boy-Tweet: „Das ist keine Gier, sondern Informationshunger, weil Menschen Anteil nehmen und wissen wollen, was passiert ist“, sagt ARD-Programmdirektor Herres. Am Ende klickt der Leser. Die Veröffentlichungswut treibt selbst Medienmacher zur Verzweifelung. Ob Niki Lauda oder Jogi Löw ihr Beileid bekunden, hilft weder den Trauernden, noch hilft es den Einsatzkräften oder unterstützt die Auswertung der Flugschreiber. Trotzdem gehörte zum Beispiel das dreiminütige Statement der Bundeskanzlerin zu den meistgeklickten Videos. Ebenso macht ein geschmackloser Kommentar von Bild-Redakteur Franz-Josef Wagner die Runde im Netz. Und wer wollte, der konnte auf der Webseite „Flightradar24“ live verfolgen, wo sich die Maschine mit den Trauernden auf dem Weg zum Absturzort gerade im europäischen Luftraum befindet.

Es ist zu viel. Zu viel Information, zu viel Meinung – von Medien wie auch Mediennutzern. Es ist ein Wettlauf um Aufmerksamkeit und die nächste irrelevante Information und es hat den Anschein, dass sich alle im Netz über den unethischen Journalismus in der Causa „Germanwings“ aufregen – trotzdem bekommt man den Eindruck, dass alle auf eben diese unethischen Inhalte klicken. Der Absturz hat Event-Charakter – online und für alle.

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erstellt am 26.Mär.2015 | 16:01 Uhr

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