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Deutsche Wiedervereinigung : Genscher zurück auf dem Prager Balkon

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Es ist ein bewegendes Wiedersehen in der deutschen Botschaft in Prag: 25 Jahre nach Hans Dietrich Genschers geschichtsträchtigen Worten treffen sich viele damals involvierte zum ersten Mal.

Prag | Was den Balkon in Prag angeht, hat Hans-Dietrich Genscher (FDP) das Zählen aufgegeben. Keine Ahnung mehr, wie oft er nun schon seit jenem 30. September 1989 auf dem Gemäuer des Palais Lobkowicz stand, der bundesdeutschen Botschaft in Prag, wo er die vielleicht wichtigsten Worte seines Politikerlebens sprach. „20 Mal vielleicht“, so schätzt der ehemalige Bundesaußenminister selbst. Am Dienstag war es wieder soweit - und trotzdem war es dieses Mal besonders.

Auf den Tag genau 25 Jahre später kehrte Genscher in die Vlasská-Straße 19 unterhalb der Prager Burg zurück. Statt der Treppen wie damals nahm der FDP-Mann den Aufzug. Genscher, ohnehin zeit seines Lebens von Gesundheitsproblemen geplagt, ist jetzt auch schon 87. Dann ging es durch den Kuppelsaal hinaus auf den Balkon - „nicht ohne Bewegung“, wie Genscher in seinem verklausulierten Diplomatendeutsch bemerkte. Mehr Gefühl gestattete er sich nicht.

„Ich kann mich noch genau erinnern, dass ich durch diese Tür kam“, berichtete er dann. „Und im Grunde auf dem Weg durch diesen Raum mich immer wieder gefragt habe: „Wirst Du die richtigen Worte finden?“  Man weiß, wie es ausging. Als Genscher an jenem Samstagabend vor einem Vierteljahrhundert nach draußen ins Halbdunkel trat, wo mehr als 4500 DDR-Flüchtlinge auf ihn warteten, hatte er sie.

Der Halbsatz von damals, wie spontan er auch war, ist bis heute als einer der Gänsehaut-Momente des Wendejahres 1989/90 in der Erinnerung. „Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“ Der Rest („... möglich geworden ist“) ging im Freudengeschrei der Menschen draußen im Garten verloren. Von der Szene gibt es nur einige dunkle Bilder. Damals waren nur ein oder zwei Kameras dabei.

Am Dienstag war alles anders. Zwar waren nur etwa 150 Flüchtlinge ins Palais Lobkowicz zurückgekehrt - im Unterschied zu Genscher viele von ihnen zum ersten Mal. Dafür waren es umso mehr Kameras. Genscher berichtete in die Mikros immer wieder vom „glücklichsten Tag meiner Arbeit“.

Zwischen Gulaschkanonen und Rot-Kreuz-Zelten mussten aber auch die ehemaligen DDR-Bürger im Garten ständig Auskunft geben, wie es damals war.Zeit noch einmal für große Emotionen. Und wieder flossen, wie bei Beate Bendler, die Tränen. Die Frau - heute in Bayern zuhause - war damals zusammen mit ihrem Mann und zwei kleinen Söhnen auf dem Gelände. Genscher verpasste sie jedoch.

Als die Kolonne des Ministers kam, bekam ihr Fünfjähriger ob der Aufregung schweres Nasenbluten. Der Dreijährige musste sich erbrechen. Taschentücher oder Wechselsachen gab es nicht. „Es war so furchtbar“, erinnert sich Bendler. Als die anderen in den Garten strömten, um Genscher zuzuhören, ging sie mit den Kindern auf Toilette. Dort hörte sie den Jubel. Aber erst von ihrem Mann erfuhr sie, was Genscher gesagt hatte. Solche Geschichten gab es am Dienstag viele zu hören.

Viele suchten den Ort, wo sie damals campiert haben. Bei dem einen war es eine Treppenstufe, bei anderen nur eine Pappe auf dem Boden, wieder andere schliefen im Heizungskeller oder in der Garage. Immer wieder fällt das Wort vom „einschneidendsten Wendepunkt“ ihres Lebens. Und auch die Fahrt mit dem Zug, mit dem es dann noch einmal über das Territorium der DDR in den Westen ging, hat jeder von den Flüchtlingen noch in Erinnerung.

Viele stiegen selbst auf den Balkon, um sich an der Genscher-Stelle mit Blick auf den Garten fotografieren zu lassen. Seit ein paar Jahren erinnert dort oben eine Gedenktafel mit dem Genscher-Satz an jenen Abend. Im Garten steht eine Statue namens „Quo Vadis“ („Wohin des Weges“) - ein Trabant aus Bronze, dem Beine gewachsen sind. Dort nutzen ein paar der Mutigeren die Gelegenheit, um mit Genscher ein Selfie zu machen.

Der 87-Jährige trat dann ein paar Stunden früher als damals - mitten am Nachmittag - noch einmal auf den Balkon. Wie 1989 hatte er Rudolf Seiters an der Seite, ehemals Kanzleramtschef und heute Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Neu dabei: der amtierende Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Sachsens Ministerpräsident Stanislas Tillich (CDU).

Zusammen stand man ein paar Minuten zusammen. Jubel kam keiner auf. Genscher verzichtete auch darauf, von oben aus noch einmal ein paar Worte an die Leute im Garten zu richten. Er beließ es dabei, freundlich nach unten zu winken. Irgendwann ist dann auch an solchen Tagen alles gesagt. Ein wenig später wollte Genscher dann zurück - nicht mehr mit der Regierungsmaschine wie früher, sondern mit dem Auto.

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erstellt am 30.Sep.2014 | 17:00 Uhr

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