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IS in Syrien : Gefechte im „Todeslager“ Jarmuk – Lage bleibt unübersichtlich

vom

16.000 Palästinenser versuchen in der Ruinenstadt Jarmuk bei Damaskus, eine humanitäre Katastrophe zu überstehen. Die Vereinten Nationen nennen das Flüchtlingslager eine Hölle.

shz.de von
erstellt am 10.Apr.2015 | 10:17 Uhr

Damaskus | Inmitten des syrischen Bürgerkriegs droht im palästinensischen Flüchtlingslager Jarmuk ein neues Massaker. Die Gefechte um Jarmuk am südlichen Stadtrand der syrischen Hauptstadt wurden am Freitag ungeachtet aller internationalen Appelle immer heftiger. Das Leiden der rund 16.000 Menschen in dem von Milizen und Militärs umkämpften Areal nahm weiter zu. Warnungen vor einer humanitären Katastrophe werden lauter. Nach EU-Angaben werden auf beiden Kampfseiten unschuldige Menschen als menschliche Schutzschilde benutzt. Auch am Samstag bleibt die Lage in palästinensischen Flüchtlingslager unübersichtlich. Aktivisten berichteten am Samstag von Scharmützeln zwischen Militanten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und palästinensischen Bürgerwehren.

In dem Lager leben noch rund 16.000 von einst etwa 150.000 Palästinensern. Dabei handelt es sich um Flüchtlinge aus dem arabisch-israelischen Krieg 1948 und um deren Nachkommen. Die Lage in Jarmuk ist auch deshalb so dramatisch, weil das Regime seit rund zwei Jahren die Zugänge zum Lager blockiert. Damals hatten Oppositionelle die Kontrolle über Jarmuk übernommen.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte am Vorabend mit drastischen Worten auf eine „humanitäre Katastrophe von epischem Ausmaß“ hingewiesen. Im syrischen Horror sei Jarmuk die „tiefste Hölle“. Das Lager erinnere immer mehr an ein Todeslager. „Wir können nicht einfach dastehen und zusehen, wie sich ein Massaker zuträgt“, warnte Ban. „Wir dürfen die Menschen in Jarmuk nicht aufgeben.“

Palästinensische Milizen versuchten zuletzt, die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zurückzudrängen. Syrische Regimekräfte hätten die Extremisten zugleich mit Artillerie beschossen, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Überall drohten Zivilisten in die Schusslinie zu geraten. Das Flüchtlingslager habe „das untere Ende der Hölle“ erreicht, sagte der Sprecher des UN-Palästinahilfswerks (UNRWA), Chris Genness. „Es darf nicht noch weiter sinken.“

Hohe EU-Vertreter warnten vor einem neuen Massaker in Jarmuk. Die Sicherheitslage und die humanitäre Situation hätten sich „von schlecht zu noch schlimmer“ entwickelt, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini und des zuständigen EU-Kommissars Christos Stylianides.

Die Bundesregierung stellte zusätzliche Hilfe für Jarmuk in Aussicht. „Seit Beginn des Bürgerkriegs geht es den Menschen da schlecht“, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts. „Sie werden ausgehungert.“ Syriens Regime und Extremisten blockierten Hilfe.

Das Lager gleicht inzwischen einer Ruinenstadt. Die Terrormiliz IS hatte in der vergangenen Woche rund 90 Prozent von Jarmuk unter ihre Kontrolle gebracht. Damit rückten die Extremisten so nah wie nie zuvor an das Zentrum der syrischen Hauptstadt vor.

Unterstützt vom Regime versuchen mehrere palästinensische Milizen jetzt, die Extremisten zurückzudrängen. Die Palästinenser rückten nach eigenen Angaben bis in das Zentrum von Jarmuk vor. Die IS-Extremisten kontrollierten nur noch rund ein Drittel des Lagers, sagte ein Sprecher der Milizen. Eine unabhängige Bestätigung dafür gab es nicht. Auch über Tote und Verletzte bei den heftigen Gefechten am Freitag lagen zunächst keine Angaben vor. Da Jarmuk von der Außenwelt abgeschnitten ist, dringen nur wenige Informationen nach außen.

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte kamen seit Ausbruch der Kämpfe zwischen IS-Extremisten und Palästinensern vor einer Woche 47 Menschen ums Leben. Demnach griff auch die syrische Luftwaffe das Lager erneut an. Flugzeuge hätten am Mittwochabend elf Fassbomben über Jarmuk abgeworfen, erklärten die Menschenrechtler am Donnerstag.

Kritiker sehen die internationale Gemeinschaft in der Pflicht, die Menschen vor ihrem sicheren Tod zu retten.

(mit dpa)

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