KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau : Gedenkfeiern erinnern an Millionen Holocaust-Opfer

Ehemalige Häftlinge vor den Toren des Konzentrationslagers Auschwitz.
Ehemalige Häftlinge vor den Toren des Konzentrationslagers Auschwitz.

70 Jahre nach der Befreiung durch die sowjetische Armee wird im ehemaligen NS-Vernichtungslager Auschwitz der Opfer des Holocaust gedacht.

shz.de von
27. Januar 2015, 11:20 Uhr

Auschwitz/Berlin | Die internationale Gedenkfeier im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau steht zum 70. Jahrestag der Befreiung im Zeichen der Überlebenden. Rund 300 der inzwischen hochbetagten früheren Häftlinge wollen an die Opfer erinnern, die Auschwitz nicht überlebt haben.

Unter nationalsozialistischer Herrschaft waren in dem Lager mindestens 1,1 Millionen Menschen gestorben. Sie wurden vergast, zu Tode geprügelt, erschossen oder starben an Krankheiten und Hunger. Als Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945 Auschwitz befreiten, fanden sie dort rund 7500 kranke und entkräftete Häftlinge, die die SS zurückgelassen hatte, als sie Zehntausende Gefangene auf die Todesmärsche in den Westen zwang. Das Lager im Süden des besetzten Polen war das größte der deutschen Vernichtungslager. Die allermeisten Opfer waren Juden. Aber auch Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene, Polen, Homosexuelle und politische Häftlinge wurden in Auschwitz getötet.

Vor Staats- und Regierungschefs sowie Regierungsmitgliedern aus rund 40 Ländern werden drei ehemalige Auschwitz-Häftlinge stellvertretend für die rund 300 anwesenden Überlebenden das Wort ergreifen. Als einziger Politiker wird der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski ein kurzes Grußwort sprechen.

Der russische Präsident Wladimir Putin ist nicht dabei. In Russland gab es zum Teil empörte Reaktionen, dass er als Vertreter der Befreier nicht explizit als Ehrengast eingeladen worden war. Die Gedenkstätte Auschwitz wies allerdings darauf hin, dass die Gedenkfeier nicht von der Warschauer Regierung organisiert werde. Es sei jedem frei gestellt sei, zu kommen. Offizielle Einladungen habe Polen an niemanden verschickt.

Kremlchef Wladimir Putin forderte eine Rückbesinnung auf internationale Zusammenarbeit. „Die Gefahr eines Strebens nach Weltherrschaft (...) zeigt sich mit voller Wucht in der Ostukraine, wo Zivilisten kaltblütig erschossen werden“, sagte er am Dienstag bei einer Gedenkfeier im Jüdischen Museum in Moskau. „Wir sollten gemeinsam (...) das Recht von Staaten auf ihren eigenen Weg der Entwicklung verteidigen“, betonte der Präsident.

Putin würdigte dabei auch den großen Beitrag des jüdischen Volkes im Kampf gegen den Faschismus. Eine halbe Million Juden hätten in der Roten Armee gekämpft und fast 200.000 seien gefallen. Mit dem Oberrabbiner Russlands, Berel Lazar, zündete er schwarze Kerzen an. An der Feier nahmen auch Veteranen und geistliche Würdenträger teil.

Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski hat zu einem entschlossenen Vorgehen gegen Rassismus und Antisemitismus aufgerufen. „Erinnern wir uns daran, wozu der Bruch internationalen Rechts auf Selbstbestimmung von Nationen führt“, sagte er. Von Auschwitz aus müsse jeglicher Hass verdammt werden. Komorowski nannte Auschwitz eine „Hölle von Hass und Gewalt“. Gegen jede Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen müsse entschlossen Widerstand geleistet werden. „Die deutschen Nationalsozialisten haben meine polnische Heimat zum ewigen jüdischen Friedhof gemacht,“ sagte er vor mehr als 300 Überlebenden.

Deutschland wird bei der Veranstaltung am Nachmittag von Bundespräsident Joachim Gauck vertreten. In seiner Gedenkrede am Dienstagmorgen im Bundestag in Berlin warnte er vor einem Schlussstrich unter den Holocuast. „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz“, sagte er. „Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben. Er gehört zur Geschichte dieses Landes.“ In Deutschland, wo man täglich an Häusern vorbeigehe, aus denen Juden deportiert worden seien, „ist der Schrecken der Vergangenheit näher und die Verantwortung für Gegenwart und Zukunft größer und verpflichtender als anderswo“.

Gaucks Mahnungen beziehen sich auch auf eine aktuelle Umfrage der Bertelsmann Stiftung, nach der sich eine große Mehrheit der Deutschen nicht mehr mit dem Holocaust beschäftigen will. 81 Prozent möchten demnach die Geschichte der Judenverfolgung „hinter sich lassen“. 58 Prozent wollen einen Schlussstrich ziehen. „Solange ich lebe, werde ich darunter leiden, dass die deutsche Nation mit ihrer so achtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war“, bekannte Gauck sehr persönlich.

Der Diktatur hätten sich die Menschen aber entgegengestellt, als sie „nach aller Schuld und später Scham und Reue“ Empathie mit den Opfern entwickelt hätten. „Und wir tun es heute, wenn wir uns jeder Art von Ausgrenzung und Gewalt entgegenstellen und jenen, die vor Verfolgung, Krieg und Terror zu uns flüchten, eine sichere Heimstatt bieten.“ Dies gelte gerade in Zeiten, „in denen wir uns in Deutschland erneut auf das Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen zu verständigen haben“, sagte Gauck, ohne die islamkritischen Pegida-Demonstrationen direkt anzusprechen. Mit Blick auf Einwanderer aus Ländern, in denen Antisemitismus und Hass auf Israel verbreitet seien, sagte der Bundespräsident, wenn solche Haltungen nachwirkten, „haben wir ihnen beharrlich die historische Wahrheit zu vermitteln und sie auf die Werte dieser Gesellschaft zu verpflichten“.

Bundestagspräsident Norbert Lammert sagte, Auschwitz stehe wie kein anderer Ort als Synonym für das, was Menschen Menschen antun könnten. Die Erinnerung an den Holocaust mahne eindringlich, solche Verbrechen nie und nirgendwo mehr zuzulassen. Lammert betonte: „Für die schreckliche Vergangenheit unseres Landes sind die Nachgeborenen nicht verantwortlich, für den Umgang mit ihr aber schon“. Im Gedenken daran könne es Anlass für Hoffnung sein, wenn sich die Deutschen humanitären Herausforderungen der Gegenwart stellten. An der Veranstaltung des Bundestags nahmen auch Auschwitz-Überlebende auf der Tribüne teil.

Auch in Jerusalem, New York, Prag und anderen Städten wird am Dienstag an die Holocaust-Opfer erinnert.

Nach einem UN-Beschluss wird seit 2006 alljährlich am 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus gedacht, in Deutschland seit 1996.

Die Schätzungen zur Zahl der ermordeten Juden reichen von mindestens 5,1 Millionen bis mehr als 6 Millionen. Den Nazis fielen auch Hunderttausende Sinti und Roma zum Opfer sowie Zehntausende Behinderte, Homosexuelle und Regimegegner.

Der groß angelegte Judenmord begann mit Erschießungen Tausender Menschen durch SS und Polizei nach dem Überfall auf Polen 1939. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 stiegen die Opferzahlen sprunghaft an.

Um mehr Menschen möglichst schnell töten zu können, bauten deutsche Besatzer in Polen große Vernichtungslager mit Gaskammern. Am 27. April 1940 befahl der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, auch in Oswiecim (Auschwitz) ein Lager zu bauen. Weitere große Todesfabriken waren Chelmno, Sobibor und Treblinka.

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