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Bundeskanzlerin : Friedensnobelpreis? Der Endspurt der Angela Merkel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Kanzlerin zeigt mitten in der Flüchtlingskrise Herz und Haltung. Ein Kommentar von Stefan Hans Kläsener.

shz.de von
erstellt am 09.Okt.2015 | 08:27 Uhr

Es ist noch nicht lange her, da schrieben sich die Kommentatoren die Finger wund, was für eine merkwürdige Kanzlerin Deutschland doch habe. Egal, welche Farben ihre Koalitionen trugen, sie blieb auf eine seltsame Weise wandelbar. Der Leipziger Parteitag – eine knallharte Selbstverpflichtung auf einen streng marktwirtschaftlichen Kurs. Danach wurden die Bastionen geräumt, von Atomkraft über Wehrpflicht bis zum Mindestlohn. Zugleich verschwanden ihre innerparteilichen Gegenpole, von Friedrich Merz über Roland Koch bis zu Christian Wulff, von Guido Westerwelle und Philipp Rösler als den Koalitionspartnern mal ganz zu schweigen. Daraus malten die humoristisch veranlagten Beobachter das Bild der männermordenden schwarzen Witwe, die harmoniebedürftigen dagegen fanden den Spitznamen „Mutti“ angemessen.

„Ach komm“: Bundeskanzlerin Angela Merkel streichelt die weinende Reem und wurde kritisiert.
„Ach komm“: Bundeskanzlerin Angela Merkel streichelt die weinende Reem und wurde kritisiert. Foto: Bundesregierung
 

In der Flüchtlingsfrage schalt man sie herzlos, als sie einem syrischen Flüchtlingsmädchen, das aus dem Libanon eingereist war, etwas unbeholfen zu erklären versuchte, warum es mit seiner Familie zurück müsse. Ein Aufschrei war die Folge – wie herzlos! Nun hat Merkel in einer ihrer seltenen Anwandlungen von Spontaneität den unerträglichen Druck, der auf Ungarn lastete, gelindert. Seitdem reisen noch mehr Flüchtlinge ein als zuvor, auch wenn es da schon chaotisch zuging, insbesondere in Bayern. Das Problem ist also älter als Merkels Entscheidung, auf den Regeln des Dublin-Abkommens zu pochen.

Ein Selfie mit einem Flüchtling: Kanzlerin Angela Merkel verbreitet weiterhin die Botschaft „Wir schaffen das“.
Ein Selfie mit einem Flüchtling: Kanzlerin Angela Merkel verbreitet weiterhin die Botschaft „Wir schaffen das“. Foto: dpa
 

Nun aber zeigt die Kanzlerin ein Bild, das wir so noch nicht kannten. Sie zeigt Haltung und Herz. Dass Deutschland sich bis an die Grenzen der Belastbarkeit für Flüchtlinge einsetzt, hält sie für eine moralische Pflicht. Innerparteiliche Kritik tropft an ihr ab, das Gepolter aus Bayern – ohne jedwede Idee, wie es denn jetzt besser zu machen sei – nimmt sie erkennbar nicht ganz ernst. Unweigerlich wird die Amtszeit Angela Merkels irgendwann enden. Einen solchen Endspurt hätte man ihr aber nicht zugetraut.

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