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Ukraine-Krise und Flüchtlingspolitik : Friedensnobelpreis 2015: Angela Merkel aussichtsreichste Kandidatin

vom
Aus der Onlineredaktion

Merkel winkt der Friedensnobelpreis: Mit der Wahl von Regierungschefs hat die Jury allerdings eher schlechte Erfahrungen.

Oslo | Im Ukraine-Konflikt handelt die Bundeskanzlerin einen Waffenstillstand aus. Als die Flüchtlingssituation zu eskalieren droht, heißt Angela Merkel die Schutzsuchenden in Deutschland willkommen - und findet zugleich klare Worte. Für ihren Umgang mit den großen Krisen in Europa soll die CDU-Politikerin den Friedensnobelpreis bekommen, fordern Parteifreunde in Berlin. In Oslo, wo am Freitag das Geheimnis um den Preisträger 2015 gelüftet wird, wird Merkel auch als Kandidatin gehandelt. Bei den Buchmachern ist sie Top-Favoritin.

Merkel selbst lassen die Spekulationen kalt: „Ich sage dazu, dass die Presse den Friedensnobelpreis nicht vergibt und dass ich mich auf meine politische Arbeit konzentriere. Und da haben wir alle Hände voll zu tun“, sagte sie nach dem Ukraine-Gipfel in der vergangenen Woche. In der ARD-Talkshow „Anne Will“ am Mittwochabend reagierte sie eher abwehrend. „Die Diskussion bedrückt mich fast“, sagte sie. Derzeit sei sie mit ganz anderen Dingen beschäftigt.

Mit der Stiftung der Nobelpreise wollte der schwedische Forscher und Großindustrielle Alfred Nobel (1833-1896) einen Konflikt lösen, der sein Leben bestimmte: Der Dynamit-Erfinder konnte es nicht verwinden, dass viele seiner Entdeckungen für den Krieg genutzt wurden. Daher vermachte er sein Vermögen einer Stiftung, aus deren Zinsen Preise für jene finanziert werden sollten, die „im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben“. Nobel selbst hatte über 350 Patente angemeldet.

Die Preise werden seit 1901 vergeben. Die Dotierung stieg von anfangs 150.800 auf 10 Millionen Schwedische Kronen und blieb bis 2011 so hoch. Seit 2012 beträgt das Preisgeld nur noch 8 Millionen Kronen, um eine „dauerhafte finanzielle Stabilität“ zu gewährleisten. Finanz- und Wirtschaftskrise hatten das Kapitalvermögen der Stiftung gemindert.

Der Friedensnobelpreis wird auch an Organisationen verliehen. Höhepunkt ist stets die feierliche Verleihung der Auszeichnungen am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Nobel.


Ein CDU-Regierungsmitglied sagt hinter vorgehaltener Hand zu Nobelpreis für Merkel: „Bloß das nicht.“ Dann wäre die wichtige Auseinandersetzung mit Merkel in der Flüchtlingsfrage kaum noch möglich - man könne die Parteivorsitzende und Kanzlerin kaum für etwas kritisieren, wofür sie - und womöglich das ganze Land - den Friedensnobelpreis bekommt, fürchtet er. Die Macht der Union möchte er aber gern behalten - mit Merkel an der Spitze. Jemand anderes aus der CDU könne es derzeit gar nicht machen.

Mit der Auszeichnung von Politikern hat die norwegische Nobel-Jury in der Vergangenheit nicht immer ein glückliches Händchen gehabt. Die positive Ausnahme bleibt aus deutscher Sicht Willy Brandt, der die Auszeichnung 1971 für seine Ostpolitik erhielt.

Rückblick: 1994 ehrt das Komitee Palästinenser-Führer Jassir Arafat und die israelischen Spitzenpolitiker Schimon Peres und Izchak Rabin für ihr Bemühen um ein Ende des Nahost-Konflikts. Über 20 Jahre später hat sich die Hoffnung auf Frieden zwischen Palästina und Israel immer noch nicht erfüllt. „Wir haben von mehreren Seiten Aufforderungen bekommen, den Preis zurückzunehmen“, schreibt der langjährige Direktor des norwegischen Nobelinstituts, Geir Lundestad, in seinem gerade erschienen Erinnerungsbuch.

Nobelpreis für den Frieden: Die Träger seit 1971

*1926 Gustav Stresemann (Deutschland)*

*1927 Ludwig Quidde (Deutschland)*

*1935 Carl von Ossietzky (Deutschland)*

1971 Willy Brandt (Deutschland)

1973 Henry Alfred Kissinger (USA)

1973 Le Duc Tho (Vietnam)

1974 Seán Mac Bride (Irland)

1974 Eisaku Sato (Japan)

1975 Andrei Dmitrijewitsch Sacharow (Russland)

1976 Mairéad Corrigan (England)

1976 Betty Williams (England)

1977 Amnesty International

1978 Menachem Begin (Israel)

1978 Mohammed Anwar al-Sadat (Ägypten)

1979 Mutter Teresa (Indien)

1980 Adolfo Maria Pérez Esquivel (Argentinien)

1981 UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge

1982 Alva Myrdal (Schweden)

1982 Alfonso García Robles (Mexiko)

1983 Leszek (Lech) Walesa (Polen)

1984 Desmond Tutu (Südafrika)

1985 Internationale Ärztebewegung zur Verhütung eines Atomkriegs

1986 Élie Wiesel (USA)

1987 Oscar Arias Sánchez (Costa Rica)

1988 Friedenstruppen der Vereinten Nationen

1989 Dalai Lama (Tibet)

1990 Michail Sergejewitsch Gorbatschow (Sowjetunion)

1991 Aung San Suu Kyi (Birma)

1992 Rigoberta Menchú Tum (Guatemala)

1993 Frederik Willem de Klerk (Südafrika)

1993 Nelson Mandela (Südafrika)

1994 Jasir Mohammed Arafat (Palästina)

1994 Shimon Peres (Israel)

1994 Itzhak Rabin (Israel)

1995 Joseph Rotblat (England)

1995 Pugwash-Bewegung

1996 Carlos Filipe Ximenes Belo (Osttimor)

1996 José Ramos-Horta (Osttimor)

1997 Jody Williams (USA)

1997 Internationale Kampagne zur Ächtung von Landminen

1998 John Hume (England)

1998 David Trimble (England)

1999 Ärzte ohne Grenzen

2000 Kim Dae Jung (Südkorea)

2001 Kofi Annan (Ghana)

2001 Vereinte Nationen

2002 James Earl Carter (USA)

2003 Shirin Ebadi (Iran)

2004 Wangari Maathai (Kenya)

2005 Mohamed ElBaradei (Ägypten)

2005 International Atomic Energy Agency (IAEA)

2006 Muhammad Yunus (Bangladesch)

2006 Grameen Bank (Bangladesch)

2007 Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC, Genf)

2007 Albert Arnold (Al) Gore Jr. (USA)

2008 Martti Ahtisaari (Finnland)

2009 Barack Obama (USA)

2010 Liu Xiaobo (China)

2011 Ellen Johnson Sirleaf (Liberia)

2011 Leymah Gbowee (Liberia)

2011 Tawakkul Karman (Jemen)

2012 Europäische Union (EU)

2013 Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW)

2014 Kailash Satyarthi (Indien)

2014 Malala Yousafzay (Pakistan)

 

US-Präsident Barack Obama erfuhr die Nobel-Ehren, als er 2009 gerade einmal neun Monate im Amt war. „Ein gigantischer Mediensturm brach in großen Teilen der Welt los“, erinnert sich Lundestad. „Viele Reaktionen waren negativ, sogar sehr negativ.“ Doch der Nobeldirektor meint über Obama: „Es war unmöglich für ihn, die enormen Erwartungen zu erfüllen, die nach der Wahl 2008 an ihn gestellt wurden.“ „Yes we can!“, hatte Obama damals ausgerufen, und die Amerikaner hoffnungsfroh gestimmt. „Wir schaffen das“, macht Merkel in der Flüchtlingskrise zu ihrem Mantra. Ansonsten aber hat ihre Nominierung nicht viel mit der des US-Präsidenten gemeinsam.

„Auch wenn man in der Politik an einem Tag als Held und am anderen als absoluter Verlierer dastehen kann: Es ist schwer vorstellbar, dass Merkel nicht als eine deutsche Regierungschefin mit moralischer Integrität und Tatkraft in die Geschichtsbücher eingeht“, sagt der Osloer Friedensforscher Kristian Berg Harpviken. Für den Norweger ist Merkel die klare Favoritin auf den diesjährigen Preis.

Vorgeschlagen ist die CDU-Politikerin laut Berg Harpviken von Abgeordneten ihrer Partei aus Berlin - damals noch für ihre Vermittlung im Ukraine-Konflikt und nicht für den Umgang mit dem Flüchtlingsdrama. Doch gerade da habe Merkel Rückgrat gezeigt, meint Berg Harpviken: „In einer Situation, die für uns alle in Europa peinlich war, wo jeder die Schuld auf den anderen geschoben hat und niemand die wirklichen Probleme angehen wollte, hat sie genau das gemacht.“ Für Merkel spricht, dass die Osloer Jury zuletzt seltener vorbildliche Einzelkämpfer ausgezeichnet hat als Menschen, die politischen Einfluss ausüben konnten. Sowohl beim Preis an Obama als auch bei dem an die Europäische Union 2012 war sich die Jury, die heute noch in ähnlicher Besetzung entscheidet, einig, schreibt Lundestad. Im Komitee sitzen vor allem Ex-Politiker.

Gegen Merkel spricht wohl, dass die großen Probleme, derer sie sich annimmt, von einer Lösung noch weit entfernt scheinen. Die EU-Staaten fühlen sich von der massiven Zuwanderung zunehmend überfordert. Auch viele Deutsche sehen ihr Land an seinen Grenzen, für die Kanzlerin hagelt es Kritik auch aus den eigenen Reihen. Und die im Februar in der weißrussischen Hauptstadt Minsk vereinbarte Waffenruhe wird erst seit September wirklich weitgehend eingehalten.

Auch Obama habe nicht alle Erwartungen erfüllt. „Aber ich will festhalten, dass er die Welt trotzdem zu einem etwas besseren Ort zu leben gemacht hat“, schreibt Lundestad. Und was sagt Merkel jüngst beim Nachhaltigkeitsgipfel der Vereinten Nationen in New York? „Wir wollen und wir können unsere Welt verändern.“ Vielleicht glaubt die Jury auch daran. Die Zocker tun es inzwischen jedenfalls. Auf der Liste des Wettanbieters Ladbrokes liegt die Kanzlerin auf Platz eins - vor Kandidaten wie dem kongolesischen Arzt Denis Mukwege oder dem in der Schweiz lebenden eritreischen Priester Mussie Zerai, der Menschen hilft, die auf dem Mittelmeer in Not geraten.

Andere wetten auf die russische Zeitung „Nowaja Gaseta“ oder Papst Franziskus. Auch US-Whistleblower Edward Snowden ist wieder nominiert. Harpviken aber meint: „Die Flüchtlingskrise ist zweifellos das große Thema in diesem Jahr.“ Der Norweger sieht auch Chancen für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, das schon 1954 und 1981 ausgezeichnet wurde.

70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und 25 Jahre nach der Wiedervereinigung könnte eine Preisvergabe an die Kanzlerin aber symbolhaft sein, meint Berg Harpviken. Für Deutschland, das gesundet sei und endlich stolz auf sich sein könne. „Es ist eine Fußnote in der Geschichte des Friedensnobelpreises, dass Helmut Kohl den Preis nie bekommen hat“, sagt er. „Wenn irgendein deutscher Regierungschef in jüngerer Zeit das aufwiegen könnte, dann wäre das Merkel.“

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erstellt am 08.Okt.2015 | 16:17 Uhr

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