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Bundespräsidentenwahl : Frank-Walter Steinmeier - Der Unermüdliche

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schon als Außenminister war er präsidial - Durch Beharrlichkeit hat er sich Respekt erworben

CDU und CSU werden an diesem Sonntag Wahlhelfer für Frank-Walter Steinmeier sein, den SPD-Kandidaten für das Bundespräsidentenamt. Das höchste deutsche Amt haben Angela Merkel und Horst Seehofer dem Sozialdemokraten Steinmeier fest zugesagt – nichts ahnend von dem „Schulz-Effekt“, der nun die Stimmung zwischen Union und SPD merklich trübt. „Bis zu dreißig Abtrünnige“ aus der Unionsfraktion – so heißt es – könnten Steinmeier doch nicht wählen. Er wird es verkraften können: Insgesamt verfügt Schwarz-Rot über 923 Stimmen bei der Präsidentenkür.

Steinmeier dürfte auch sonst problemlos in das Amt des Bundespräsidenten hinein gleiten. Schon als Außenminister wirkte er sehr präsidial – und als Deutschlands Chef-Diplomat hat es der SPD-Politiker zur Meisterschaft beim Ausgleich widerstrebender Interessen gebracht. Das hilft im neuen Amt. „Der Unermüdliche“ nannte ihn Noch-Staatsoberhaupt Joachim Gauck, als er Steinmeier die Entlassungsurkunde als Außenminister übergab. Es schwang Respekt darin mit für einen, der nicht aufgab – selbst wenn greifbare Erfolge ausblieben.

Sieben Jahre hat der Jurist das Auswärtige Amt geführt, vom 22. November 2005 bis zum 28. Oktober 2009 und dann noch einmal vom 17. Dezember 2013 bis zum 27. Januar 2017. Allein in der zweiten Amtszeit machte der Minister 219 Reisen in drei Jahren. Insgesamt legte er seit 2013 über 977.000 Flugkilometer zurück, das sind 24 Erdumrundungen.

Müdigkeit oder gar Resignation, weil Ergebnisse nicht gleich sichtbar sind? Selbst seine engsten Begleiter können sich bei Steinmeier an so etwas nicht erinnern. Dabei ist seine Dauervermittlung im Russland-Ukraine-Konflikt oder bei der Suche nach politischen Lösungen für den syrischen Bürgerkrieg unvollendet. Immerhin: Die Atomverhandlungen mit dem Iran glückten, die Teheran den Weg zur Atombombe verbauten. Doch nun steht die jahrelange, mühsame diplomatische Feinarbeit wieder auf dem Spiel, weil die US-Regierung gegen den Iran neue Sanktionen verhängte.

Durch diese Beharrlichkeit hat sich Steinmeier viel Respekt über die Parteigrenzen hinweg erarbeitet und in der Bevölkerung eine Beliebtheit erlangt wie kein anderer. Der meist unaufgeregte „Macher“ gebe den Menschen „das Gefühl, dass eine Politik, die sie nicht verstehen, bei ihm in guten Händen ist“, hieß es einmal in der Zeit.

Klar ist: Mit seinem Politikstil kommt der 61-Jährige der deutschen Sehnsucht nach Konsens entgegen. Zudem dürften seine internationale Erfahrung und sein hoher Bekanntheitsgrad dem SPD-Politiker nutzen und ihm an diesem Sonntag ein strahlendes Ergebnis bei der Bundespräsidentenwahl bescheren. Aber ein bequemer Präsident will Steinmeier nicht werden. „Ich werde auch unbequeme Dinge sagen“, erklärte er in der Bild-Zeitung.

Dass der Ostwestfale häufig dröhnend lacht und seinem Gegenüber gern freundschaftlich auf den Rücken klopft oder an die Schulter fasst, zeigt, dass er Menschen mag – auch dies ist nicht die schlechteste Voraussetzung für einen Bundespräsidenten. Steinmeier ist ein robuster Typ und durchaus zu klaren Ansagen bereit. Sein Wutausbruch im Mai 2014 auf dem Berliner Alexanderplatz, wo er während einer Kundgebung als „Kriegstreiber“ beschimpft wurde, ist auf Youtube ein Hit.

Über Jahre hält sich der Ostwestfale auf den Spitzenplätzen der Politiker-Rankings. Es hat viele Menschen vor sechs Jahren beeindruckt, dass Steinmeier seiner schwer erkrankten Frau Elke Büdenbender eine Niere spendete. Das Paar, das eine erwachsene Tochter hat, wird weiterhin in Berlin-Zehlendorf wohnen. Offen ist, ob Elke Büdenbender weiter als Richterin arbeitet. Bisher hat es nur die Ärztin Veronica Carstens geschafft, auch als „First Lady“ im Beruf zu bleiben.

Im ostwestfälischen Heimatort Brakelsiek, wo Steinmeier als Sohn eines Tischlers und einer Forstarbeiterin aufwuchs, wird jeder am Sonntag vor dem Fernseher sitzen. Steinmeier schaffte es vom linken Jurastudenten in Gießen über den Medienreferenten in Gerhard Schröders Staatskanzlei in Niedersachsen zum Leiter des Bundeskanzleramtes und zum Chef des Auswärtigen Amtes – und jetzt auch noch ins Schloss Bellevue. Seine 87-jährige Mutter Ursula ist stolz, aber auch gelassen: „Höher kann er ja nun nicht mehr.“

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