zur Navigation springen

Fotos statt Hilfe: Immer mehr Unfall-Gaffer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Polizei und Feuerwehr klagen über sensationslüsterne Passanten

Ein Fall von unterlassener Hilfeleistung nach einem Verkehrsunfall in Stolk bei Schleswig am Wochenende ist nur die Spitze eines Eisbergs: Immer öfter filmen und fotografieren Schaulustige Einsätze von Polizei und Rettungskräften per Smartphone und stellen die Aufnahmen ins Internet – statt am Unfallort zu helfen. Das beklagt der Sprecher des Landespolizeiamts, Lothar Gahrmann.

Nachdem bei Stolk der Kleintransporter einer Jugendfeuerwehr von der Straße abgekommen und im Graben gelandet war, hatten sechs Autofahrer mit ihren Handys Fotos gemacht – und waren dann verschwunden, ohne Hilfe anzubieten. „In dem Transporter waren Kinder unterwegs – ich weiß nicht, wie cool man sein muss, um da einfach Gas zu geben“, empört sich Lothar Beusen, Wehrführer aus dem nahen Böklund. Er wohnt dicht an der Unglücksstelle und war wenige Minuten nach dem Unfall in Zivil vor Ort.

Noch krassere Dimensionen hat ein Gaffer-Fall aus der Nähe von Kappeln: Dort war Anfang Mai ein 22-jähriger Kradfahrer nach einem Zusammenstoß mit einem Bus gestorben. Wie die Flensburger Polizei gestern mitteilte, hatten Passanten unmittelbar danach Fotos vom Unfall auf Facebook veröffentlicht. So erfuhren die Eltern des Opfers vom Ableben ihres Sohnes noch bevor die Polizei ihnen die Nachricht eine halbe Stunde nach dem Geschehen überbringen wollte. „Früher hat man telefoniert, dabei ging man adressatengerecht vor“, sagt Matthias Glamann, Sprecher der Polizeidirektion Flensburg. „So etwas zu posten und sich am Leid anderer zu ergötzen, ist bitter“, sagt Holger Bauer vom Landesfeuerwehrverband. Nachdem sogar einige Feuerwehrangehörige selbst angefangen hatten, an Einsatzorten digital zu fotografieren, untersagt ihnen jetzt eine Ergänzung im Brandschutzgesetz dies ausdrücklich. Das soll ihre Konzentration aufs Helfen fördern.

Ebenso wie Christian Mendel von der Rettungsdienst-Kooperation Schleswig-Holstein drängt Bauer darauf, dass Autofahrer Erste-Hilfe-Kenntnisse regelmäßig erneuern. Nicht immer halte Gleichgültigkeit davon ab zu helfen – mitunter auch die Angst, etwas falsch zu machen. Eine Entschuldigung könne das aber nicht sein. Bauer: „Strafe droht dafür, nichts zu tun – nicht aber dafür, etwas Falsches zu tun.“ Für unterlassene Hilfeleistung gibt es ein Jahr Freiheits- oder eine Geldstrafe.

zur Startseite

von
erstellt am 19.Mai.2014 | 18:46 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert