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Türkei schiesst Kampfjet aus Russland ab : Flugzeug-Abschuss in Syrien: Nato sichert Türkei Solidarität zu, Putin droht

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Nahe der türkisch-syrischen Grenze wurde ein Kampfjet abgeschossen. Angeblich soll er in den Luftraum der Türkei eingedrungen sein.

shz.de von
erstellt am 24.Nov.2015 | 20:21 Uhr

Istanbul | Die Nato-Staaten haben dem Bündnispartner Türkei nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets im türkisch-syrischen Grenzgebiet ihre Solidarität zugesichert. Gleichzeitig warnten sie allerdings vor einer weiteren Zuspitzung der Lage. „Ich hoffe auf weitere Kontakte zwischen Ankara und Moskau, und ich rufe zu Ruhe und Deeskalation auf“, sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg am Dienstagabend nach einer von der Türkei beantragten Sondersitzung des Nato-Rates in Brüssel. „Diplomatie und Deeskalation sind wichtig, um diese Situation in den Griff zu bekommen.“

In Syrien kämpfen zahlreiche Länder mit Luftangriffen gegen den IS, darunter auch die USA und Frankreich, das seine Attacken zuletzt intensiviert hat. Auch Russland fliegt Angriffe gegen Gegner von Syriens Machthaber Assad.

Stoltenberg bestätigte zudem, dass Erkenntnisse der Nato darauf hindeuten, dass das von der Türkei abgeschossene russische Kampfflugzeug zuvor tatsächlich den türkischen Luftraum verletzt hat. „Die Informationen, die wir von anderen Alliierten haben, stimmen mit dem überein, was wir von der Türkei bekommen haben“, sagte er unter Berufung auf Daten „einiger Verbündeter“.

Stoltenberg betonte, er habe bereits in der Vergangenheit mehrfach seine Besorgnis über die russische Militäraktionen in der Nähe von Nato-Grenzen zum Ausdruck gebracht. Der Abschuss zeige, wie wichtig Absprachen seien, um solche Vorfälle in der Zukunft zu vermeiden.

Über den Vorfall gab es zuvor unterschiedliche Aussagen: Die türkischen Streitkräfte teilten mit, ein Flugzeug unbekannter Herkunft habe den türkischen Luftraum verletzt und innerhalb von fünf Minuten zehn Warnungen ignoriert. Zwei türkische F16-Kampfflugzeuge hätten den fremden Jet den Einsatzregeln entsprechend am Morgen in der Grenzregion Hatay abgeschossen.

Das Verteidigungsministerium in Moskau widersprach der türkischen Darstellung, wonach der Jet türkischen Luftraum verletzt habe. Nachweislich sei das Flugzeug die ganze Zeit über syrisches Territorium geflogen. Nach Angaben der Agentur Interfax hieß es aus Moskau am Dienstag, dass eine Maschine vom Typ Suchoi Su-24 in Syrien abgestürzt sei. Nach russischer Darstellung wurde sie von syrischem Boden aus abgeschossen. Es ist der erste offiziell bestätigte Verlust der russischen Streitkräfte seit Beginn ihrer Intervention im syrischen Bürgerkrieg Ende September.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat den Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei in scharfen Worten verurteilt. Im Kampf gegen den Terror sei das ein Schlag von hinten gewesen, „begangen von Helfershelfern von Terroristen“, sagte Putin am Dienstag live im russischen Fernsehen. Der russische Jet sei von F16-Kampfflugzeugen abgeschossen worden und etwa vier Kilometer von der Grenze entfernt auf syrischem Gebiet abgestürzt. Das russische Flugzeug habe keine Gefahr für die Türkei dargestellt. Der Vorfall werde ernste Konsequenzen für das türkisch-russische Verhältnis haben, so Putin.

Vizekanzler Sigmar Gabriel kritisierte das Vorgehen Ankaras in der Syrien-Krise scharf. „Erstmal zeigt der Zwischenfall, dass wir einen Spieler dabei haben, der nach Aussage von verschiedenen Teilen der Region unkalkulierbar ist: Das ist die Türkei und damit nicht die Russen“, sagte der SPD-Chef am Dienstag bei einer Politikkonferenz der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Dass die Russen jetzt die Konfrontation auslösen durch die Verletzung des Luftraums, darf einen ja nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die Türkei dort in diesem Konflikt eine schwierige Rolle spielt.“

Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu zeigte ein Video vom Moment des Absturzes. Darauf ist zu sehen, wie ein brennendes Kampfflugzeug zur Erde stürzt.

Der Sender CNN Türk berichtete, das Flugzeug sei auf der syrischen Seite etwa fünf Kilometer von der Grenze entfernt abgestürzt. Beide Piloten hätten sich mit Schleudersitzen retten können. Ein Pilot sei von syrischen Turkmenen gefangen genommen worden. Auch aus der moderaten Freien Syrischen Armee (FSA) nahestehenden Kreisen hieß es, einer der Piloten sei gefangen genommen worden. Aktivisten teilten mit, der zweite Pilot sei ums Leben gekommen.

CNN Türk hat zudem bei Twitter eine Karte veröffentlicht, auf der die Route des Flugzeugs erkennbar ist. Der Sender beruft sich dabei auf Quellen beim Militär. Zu sehen ist ein kleiner Teil der Türkei, den die Maschine überflogen haben soll.

In der Region kämpfen radikale und moderate Rebellen gegen Anhänger des Regimes. Dazu gehört neben Kämpfern der ethnischen Minderheit der Turkmenen auch die Al-Nusra-Front, der syrische Ableger des Terrornetzes Al-Kaida.

Der Zwischenfall überschattet einen für diesen Mittwoch geplanten Besuch des russischen Außenministers Sergej Lawrow in der Türkei. Russlands Unterstützung für die syrische Regierung belastet das Verhältnis zwischen Moskau und Ankara. Die Türkei ist ein ausgesprochener Gegner des syrischen Machthabers Baschar al-Assad. Die russische Luftwaffe unterstützt mit ihren Angriffen die syrische Führung.

Das türkische Außenministerium hatte wegen russischen Luftangriffen auf turkmenische Rebellen in Syrien erst am vergangenen Freitag den russischen Botschafter in Ankara einbestellt. Aus Sicht des Ministeriums treffen die Russen mit ihren Luftschlägen nicht Terroristen, sondern Zivilisten. Die Türkei unterstützt die turkmenischen Rebellen, die gegen Assad kämpfen. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hatte am Montag betont, die Armee werde auf Grenzverletzungen aus Syrien sofort reagieren.

Dem Verteidigungsministerium in Moskau zufolge wurden zudem drei russische Kriegsreporter bei Beschuss in Syrien verletzt. Die Journalisten hätten an vorderster Front die syrische Armee bei ihrer Offensive gegen Rebellen begleitet, meldete Interfax.

Drohnen, Hubschrauber, Kampfjets - im Luftraum an der türkisch-syrischen Grenze kommt es immer wieder zur militärischen Konfrontation. Einige Fälle:
Oktober 2015: Die türkische Armee schießt eine unbemannte Drohne unbekannter Herkunft in der Provinz Kilis ab. Das Objekt sei in den türkischen Luftraum eingedrungen, teilt die Regierung mit. Wenige Tage zuvor hatten russische Kampfflugzeuge den türkischen Luftraum an der Grenze zum Bürgerkriegsland Syrien mehrfach verletzt.
Mai 2015: Türkische Kampfjets feuern an der Grenze Raketen auf eine syrische Maschine, die dann abstürzt. Nach Angaben des Militärs war der Pilot über türkisches Gebiet geflogen.
März 2014: Ein syrischer Kampfjet wird von der türkischen Luftwaffe in der nordwesttürkischen Provinz Kocaeli abgeschossen. Damaskus protestiert gegen die „türkische Aggression“.
September 2013: Die türkische Luftwaffe schießt im Grenzgebiet einen syrischen Militärhubschrauber ab. Er sei bis zu zwei Kilometer tief im türkischen Luftraum gewesen, heißt es in Ankara.
Juni 2012: Der Abschuss eines türkischen Jets durch Syriens Luftabwehr verschärft das angespannte Verhältnis zwischen beiden Ländern. Der Jet war nahe der Küstenstadt Latakia kurzzeitig in den syrischen Luftraum eingedrungen.
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