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Untragbare Zustände : Flüchtlingskrise: Europa muss wieder sprechen lernen

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Was die Flüchtlingsnot auf dem Kontinent wenden kann – ein Leitartikel von Stefan Hans Kläsener.

Es gibt kein Bundesland, das nach dem Zweiten Weltkrieg eine derartige Erfahrung mit der Integration von Flüchtlingen vorweisen kann wie Schleswig-Holstein. Allenfalls Teile von Nordrhein-Westfalen, nämlich das Ruhrgebiet, haben eine Verdoppelung ihrer Bevölkerung binnen weniger Jahre erfahren. Sieht man dies mit dem Fernrohr aus einem verglasten Berliner Büro, dann könnte man sagen: Alles halb so wild, das wird schon. War ja schon mal schlimmer.

Es wird aber nicht. Nicht von allein. Aber es muss werden! Denn die Bevölkerung hat ein Anrecht darauf, dass es keine Blockaden von Bahnhöfen gibt, keine Überforderung der Ordnungskräfte, keine untragbaren Zustände in Flüchtlingsunterkünften, keine unkoordinierten Reisebewegungen in Zügen, die erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder Flüchtlingszüge sind. Es ist auch nicht zu tolerieren, dass wir von bulgarischen Lastwagen zwar die Maut eintreiben, aber nicht in der Lage sind, ihre  Fracht so zu kontrollieren, dass uns 71 auf der Ladefläche eingepferchte Menschen erst auffallen, als deren Leichenwasser auf die Standspur träufelt.

Jetzt kann man auf den Staat schimpfen und sagen, dass die in Berlin wieder alles verbockt haben. Angesichts der Szenen in Budapest blieb der Bundesregierung aber nichts anderes übrig, als die Weiterreise zu genehmigen. Wir müssen im Zeitalter der Globalisierung einfach zur Kenntnis nehmen, dass es keine Zäune mehr gibt. Wir können als Symbolpolitik irgendwo auf einer grünen Wiese Nato-Draht ausrollen. Aber es ändert an der Thematik nichts.

Das bislang stumme Europa könnte einen kräftigen Weckruf gebrauchen. Denn auch Ungarn wird ja mit seinem Problem nahezu allein gelassen, und österreichische wie italienische Polizisten winken die Flüchtlinge nur noch durch, anstatt zu handeln. Wenn es die EU-Kommission enttäuschenderweise nicht als ihre Aufgabe ansieht, dann müssen es die Regierungschefs tun. Und zwar jetzt.

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erstellt am 08.Sep.2015 | 20:21 Uhr

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