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Hilfsorganisationen im Einsatz : Flüchtlingsboote auf dem Weg über das Mittelmeer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Italien fühlt sich von der EU allein gelassen und droht mit einem Hafen-Verbot für Flüchtlingsschiffe

shz.de von
erstellt am 29.Jun.2017 | 20:15 Uhr

Rom | Von Südsizilien aus dauert es weniger als einen Tag, um mit einem Schiff in die Zone des Mittelmeers zu gelangen, wo Bilder plötzlich Wirklichkeit werden. Ein überfülltes Schlauchboot am Horizont. Menschen ohne Schwimmwesten mit angsterfüllten Gesichtern. Die Angst wird in ihren Schreien hörbar. Sie bleibt auch in der Nase hängen. Sie riecht nach Körpern, sauer, nach Meerwasser, gemischt mit Urin, Schweiß und im schlimmsten Fall auch Benzin. In Europa kommt wenig davon an.

Für die Hilfsorganisationen Ärzte ohne Grenzen und SOS Méditerrannée ist diese Wirklichkeit Alltag. Die Menschen sind für sie nicht nur Zahlen, sie stehen für Geschichten, Schmerzen, Hoffnungen. Mit der „Aquarius“ retten sie im Mittelmeer Menschen aus Seenot, wenn die zuständige Leitstelle in Rom sie dazu anweist. Manchmal hat die 30-köpfige Crew das Boot für sich alleine, bis wieder ein Notruf kommt, wie am Dienstag, kurz nach 5 Uhr morgens. Mehr als 730 Kinder, Frauen und Männer werden von einem riesigen Offshore-Versorgungsschiff auf die 77 Meter lange „Aquarius“ gebracht. Auf der Ladefläche hatten sie seit ihrer Rettung durch andere private Helfer ausgeharrt. Stundenlang rast die sogenannte Search-and-Rescue-Crew mit zwei Booten zwischen den beiden Schiffen hin und her. Kaum ist der Transfer der Migranten abgeschlossen, sieht man es von der Kommandobrücke mit einem Fernglas kommen: ein Schlauchboot auf dem offenen Meer.

Während die Helfer auf den Hafen in Kalabrien zusteuern, erreicht die Helfer eine Nachricht aus Italien, die sie fassungslos macht. Das Land sieht sich am Ende seiner Möglichkeiten. Italien bringt ein Hafenverbot für ausländische Rettungsboote ins Gespräch, falls andere EU-Staaten nicht endlich in der Flüchtlingskrise mit konkreten Taten unterstützen würden. Boote könnten in Häfen in deren jeweilige Herkunftsländer umgeleitet werden. „Wir sind uns bewusst, dass sich die Lage der Migranten und Flüchtlinge im zentralen Mittelmeer in den letzten Jahren extrem verschlechtert hat und dass Italien zu lange an der Frontlinie dieser humanitären Katastrophe steht und eine koordinierte Antwort europäischer Staaten braucht“, erklären die Seenotretter von SOS Méditerrannée. Die Häfen für Menschen zu schließen, die vor Gewalt, Krieg und Armut flüchteten, sei jedoch keine Lösung. Italiens Innenminister Marco Minniti sagt hingegen: „Seit Langem wiederhole ich, dass die Frage der Migration eine europäische ist. Und das ist keine Redewendung.“ Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte der Regierung in Rom weitere Hilfe zu. „Wir werden auf jeden Fall auch von deutscher Seite Italien helfen bei der Bewältigung dieser Probleme“, sagte sie. Konkrete Maßnahmen nannte Merkel nicht, sie verwies aber auf das Treffen der EU-Justiz- und Innenminister in der kommenden Woche.

„Wenn überhaupt ist das ein Hilferuf der italienischen Regierung in Richtung der EU“, sagt Marcella Kraay, Projektkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen. „Und es geht einher mit dem, was wir stets gefordert haben. Wir haben die EU immer dazu aufgefordert, Such- und Rettungseinsätze im Mittelmeer zu ermöglichen und zu organisieren. Bis das passiert, sind wir gezwungen, dort draußen zu sein. Denn Menschen sind in Gefahr, sie werden ertrinken, wenn wir nicht da sind.“ Die 1032 Überlebenden an Bord der „Aquarius“ sind ein Bruchteil der mehr als 10.000, die alleine in den vergangenen Tagen im Mittelmeer gerettet wurden und nun in Italien ankommen. Seenotretter sind angewiesen, in den nächsten sicheren Hafen zu steuern. Rein geografisch trifft das innerhalb der EU Italien. Nachdem im vergangenen Jahr 180.000 Flüchtlinge Europa über Italien erreichten, wird in diesem Jahr mit insgesamt 230.000 Ankünften gerechnet.

Für die Mannschaft auf der „Aquarius“ wird es indes ein langer Tag. Gegen 14.45 Uhr rücken die Rhibs – Schlauchboote mit einem festen Rumpf – noch einmal aus: zu einem blauen Boot, das besonders fragil ist. 0,7 Millimeter Stärke misst das blaue Gummi, an Bord sind um die 150 Menschen. Wer nicht schon vorher krank war, ist spätestens nach 16 Stunden auf dem Wasser erschöpft, dehydriert, mit schwersten Brandverletzungen und Verätzungen durch Benzin und Meerwasser, dem Kollaps nahe. Nur wenige der Frauen können sich aus eigener Kraft an Bord der Boote retten. Aber alle überleben.

Die „Aquarius“ war gerade in der Search-and-Rescue-Zone angekommen, da kommen auf rund 20 Helfer auf dem umfunktionierten ehemaligen Fischereischutzschiff 1032 Menschen. „Ich habe Hunger“, „Wann gibt es etwas zu essen?“, „Mein ganzer Körper tut weh“, „Gibt es auch Betten?“, „Wann sind wir in Italien?“ Die Liste der Bedürfnisse ist lang. „Viele haben lange keinen Arzt gesehen“, sagt Craig, der Arzt an Bord. Es gibt Wasser. Notfallrationen. Frisches T-Shirt, Trainingshose, Decke, Handtuch. Das muss reichen für die nächsten 36 Stunden, es muss reichen, bis das Schiff in Italien anlegt. Noch sind dort die Häfen geöffnet.

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