zur Navigation springen

Krieg in Syrien : Flucht aus Aleppo: Türkei öffnet Grenze für Verletzte

vom

Die Lage in Aleppo spitzt sich zu. Tausende Menschen flüchten vor den anrückenden syrischen Truppen. Andere bleiben im umkämpften Gebiet zurück.

shz.de von
erstellt am 09.Feb.2016 | 10:39 Uhr

Aleppo | Die Türkei hat an der Grenze zum Bürgerkriegsland Syrien verletzten Flüchtlingen Einlass gewährt. Die Verwundeten würden in türkischen Krankenhäusern behandelt, sagte Mustafa Özbek, ein Sprecher der regierungsnahen Hilfsorganisation IHH. Grundsätzlich bleibe die Grenze jedoch geschlossen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat die Türkei aufgerufen, auch alle aus der umkämpften syrischen Stadt Aleppo fliehenden Menschen aufzunehmen. „Wir bitten die Türkei, ihre Grenzen für alle Flüchtlinge aus Syrien zu öffnen“, sagte UNHCR-Sprecher William Spindler in Genf. Die Regierung in Ankara versucht, die Flüchtlinge auf syrischem Gebiet zu versorgen und will, dass sie dortbleiben. In der Türkei halten sich bereits mehr als 2,5 Millionen syrische Kriegsflüchtlinge auf.

Auf der syrischen Seite der Grenze warten seit Tagen Zehntausende Menschen aus der umkämpften Stadt Aleppo auf Einlass. Nach unterschiedlichen Angaben harren in der syrischen Region bei Asas zwischen 10.000 und 50.000 Menschen aus. Die syrische Armee und ihre Verbündeten waren in der vergangenen Woche mit Hilfe russischer Luftschläge vorgerückt und hatten die neue Massenflucht ausgelöst.

Die Verteidigungsminister der Nato-Staaten werden an diesem Mittwoch über eine mögliche Beteiligung des Bündnisses am Kampf gegen die Schlepper im Seegebiet zwischen Griechenland und der Türkei beraten. Die türkische Seite habe angekündigt, das Thema ansprechen zu wollen, sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg in Brüssel.

Bab Al-Salama sieht stellenweise wie ein Slum aus. Die Flüchtlingswelle aus Aleppo verschärft die Engpässe.

Bab Al-Salama sieht stellenweise wie ein Slum aus. Die Flüchtlingswelle aus Aleppo verschärft die Engpässe.

Foto: dpa

Die Menschen in Aleppo machen sich auf das Schlimmste gefasst. Mithilfe russischer Luftschläge ist Syriens Armee nahe an die Großstadt vorgerückt. Die Angriffe lösten eine regelrechte Massenflucht aus. Doch Zehntausende Syrer harren noch immer in der teilweise von Rebellen beherrschten Stadt aus. Sie können oder wollen Aleppo nicht verlassen. Doch die Unruhe vor den herannahenden Regierungstruppen wächst. „Die Menschen befürchten immer stärker eine Belagerung“, sagt Ismail Abd Rahman, ein Anwohner Aleppos.

Die Zerstörung der Millionenstadt hat einen Teil der Bewohner in die Flucht geschlagen - teils in Richtung Türkei und Europa. Die Türkei will die Flüchtlinge nicht über die Grenze lassen.

Denn die Armee von Machthaber Baschar al-Assad will die von Rebellen beherrschten Teile der Stadt von der Außenwelt abschneiden - sie blockiert bereits die wichtigste Nachschubroute der Aufständischen zur türkischen Grenze. Aus Sorge decken sich die in Aleppo zurückgebliebenen Menschen mit Grundnahrungsmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs ein.

Vorräte an Reis, Mehl und Benzin sind bereits knapp geworden. „Aber selbst wenn wir verhungern, einige von uns müssen bleiben“, sagt Abd Rahman. „Wenn alle flüchten, ist keiner mehr da, um unsere Stadt zu verteidigen.“ Täglich werden in Aleppo Häuser, Märkte, Straßen und Krankenhäuser bombardiert, wie der Syrer erzählt. Viele Familien schickten Frauen und Kinder deshalb in Richtung türkischer Grenze, die für die Schutzsuchenden jedoch geschlossen bleibt. Zurück blieben junge syrische Männer. In der Stadt, in der es seit Monaten keine regelmäßige Stromzufuhr gibt und an Trinkwasser mangelt, bewachen sie ihre Häuser.„Tag für Tag wird alles schlimmer“, klagt Yasir Darwish, ein Arzt aus Aleppo.

Er befürchtet, dass sich die Kämpfe in den kommenden Tagen verschärfen werden. Auch Mediziner bereiten sich auf eine mögliche Belagerung der Stadt vor. Sie sammeln Medikamente, Verbände und Betäubungsmittel. „Wir befürchten, dass sich Krankheiten ausbreiten könnten“, sagt Darwish. Als Folge des fehlenden Trinkwassers drohten vor allem Ausbrüche von Cholera und Tuberkulose.

Es mangelt auch an Mitteln zur Versorgung Verwundeter. Viele Menschen wurden durch Bomben oder Granaten verletzt. „Es gibt viele Wunden an den Augen oder am Kopf. Wir mussten Gliedmaßen amputieren“, sagt der Arzt Abu al-Es von der syrisch-amerikanischen Medical Society, der gerade erst aus Aleppo zurück in der Türkei angekommen ist.

Der Mediziner erhebt schwere Vorwürfe gegen Russland. „Diejenigen, die bei den russischen Luftschlägen verletzt wurden, sind zu 70 Prozent Zivilisten, vor allem Frauen, Kinder und Senioren“, sagt er. Russische Kampfjets würden bei Angriffen „Dörfer komplett zerstören“ und auch international geächtete Streubomben einsetzen, sagt Abu al-Es.

Der 21-Jährige Kasim Genco (r.) wurde bei Luftangriffen verletzt. Der Oppositionskämpfer wird in einem Krankenhaus im türkischen Kilis behandelt.

Der 21-Jährige Kasim Genco (r.) wurde bei Luftangriffen verletzt. Der Oppositionskämpfer wird in einem Krankenhaus im türkischen Kilis behandelt.

Foto: dpa
 

Die Rebellen befürchten, Moskaus Luftangriffen nicht mehr lange standhalten zu können. „Wenn Russlands Luftschläge nicht aufhören, kommt die komplette Belagerung, daran haben wir keinen Zweifel“, sagt ein vor Aleppo kämpfender Aufständischer am Telefon.

Die Rebellen sind sowohl von den Regierungstruppen als auch von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) umzingelt. Zudem hat die Al-Nusra-Front, der syrische Ableger von Al-Kaida, in den vergangenen Wochen Hunderte - wenn nicht Tausende - schwerbewaffnete Kämpfer von der Nachbarprovinz Idlib nach Aleppo verlegt.

Mahmud und seine vier Monate alte Tochter Amina haben bis nach Kilis in der Türkei geschafft. Zusammen mit seiner Frau und seiner Mutter habe er für die Flucht 500 Dollar an Schleuser gezahlt, berichtet der Syrer. Sein Haus sei letzten Monat bei einem russischen Luftschlag zerstört worden. Jetzt mieten sie einen kleinen kalten Keller.

Mahmud und seine vier Monate alte Tochter Amina haben bis nach Kilis in der Türkei geschafft. Zusammen mit seiner Frau und seiner Mutter habe er für die Flucht 500 Dollar an Schleuser gezahlt, berichtet der Syrer. Sein Haus sei letzten Monat bei einem russischen Luftschlag zerstört worden. Jetzt mieten sie einen kleinen kalten Keller.

Foto: dpa
 

Schätzungen zufolge würden die von Rebellen beherrschten Teile Aleppos in maximal ein bis zwei Wochen komplett eingekreist sein, heißt es. „Unsere Hoffnung schwindet“, sagt Abd Rahman. Die Moral der Aufständischen stehe vor dem Zusammenbruch. „Wenn das Regime Aleppo einnimmt, droht alles zusammenzubrechen“, sagt er. „Dann wäre alles verloren.“

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen