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Krieg in Syrien : Evakuierung von Ost-Aleppo nach nur einem Tag gestoppt

vom

Zehntausende müsse in der zerstörten Stadt ausharren. Das russische Militär erklärte die Rückeroberung für beendet.

shz.de von
erstellt am 16.Dez.2016 | 15:40 Uhr

Aleppo | Syriens Regierung hat die Evakuierung der Rebellengebiete im Osten der Stadt Aleppo nur einen Tag nach Beginn wieder gestoppt. Das Regime in Damaskus und die Opposition gaben sich dafür am Freitag gegenseitig die Schuld. Russland als enger Verbündeter Syriens erklärte den Transport von Kämpfern und deren Familien aus Ost-Aleppo für beendet. Die syrische Armee habe zudem ihren Einsatz zur Rückeroberung der Rebellengebiete abgeschlossen, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit.

Lange galt Aleppo als die am heftigsten umkämpfte Stadt im syrischen Bürgerkrieg. Durch den angekündigten Rückzug könnte ein Wendepunkt in dem jahrelangen Konflikt erreicht sein.

Alle Frauen und Kinder aus den von der Opposition kontrollierten Vierteln hätten Ost-Aleppo verlassen, erklärte das Verteidigungsministerium in Moskau weiter. „Zurück bleiben Gruppen radikaler und unversöhnlicher Militanter, die auf syrische Truppen feuern.“ Das Militär rücke in diesen Vierteln vor.

Aktivisten erklärten hingegen, Zehntausende Zivilisten warteten dort noch darauf, aus der Stadt gebracht zu werden. „Als ich ging, waren dort Tausende Familien mit Frauen und Kindern“, berichtete ein Aktivist, der Ost-Aleppo bereits verlassen hat. Frankreichs Präsident François Hollande hatte beim EU-Gipfel in Brüssel gesagt, in Ost-Aleppo seien noch 50 000 Menschen eingeschlossen.

Wegen einer monatelangen Blockade durch das Regime ist die humanitäre Lage in den Rebellengebieten nach Angaben von Hilfsorganisationen katastrophal. Es fehlt akut an Trinkwasser, Nahrung und medizinischer Versorgung. Die Menschen leiden unter dem kalten Winterwetter.

<p>Volle Straßen in Aleppo: Die Evakuierung ging nur schleppend voran.</p>

Volle Straßen in Aleppo: Die Evakuierung ging nur schleppend voran.

Foto: dpa

Syriens staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete, der Abzug sei gestoppt worden, nachdem „terroristische Gruppen“ auf Busse und Autos geschossen hätten. Das oppositionelle Lokale Koordinierungskomitee erklärte hingegen, regimetreue Milizen hätten das Feuer eröffnet.

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte kehrten Busse mit Hunderten Menschen wieder nach Ost-Aleppo zurück. Fares Schehabi, Abgeordneter des syrischen Parlaments, sagte der Deutschen Presse-Agentur zudem, die Evakuierung sei wegen Unstimmigkeiten über die von Aufständischen belagerten Orte Fua und Kafraja ausgesetzt worden. „Die Rebellen lassen die Menschen dort nicht hinaus“, erklärte er. Er warf den Oppositionsmilizen zudem vor, sie hätten Gefangene und Waffen aus Ost-Aleppo bringen wollen.

Fua und Kafraja im Nordwesten Syriens werden überwiegend von Schiiten bewohnt. Milizen aus dem schiitischen Iran, die an der Seite der syrischen Armee kämpfen, fordern nach Angaben aus Regierungskreisen, dass im Gegenzug für die Evakuierung der Rebellengebiete Aleppos auch die Blockade der beiden Orte aufgehoben werden müsse.

Am Donnerstag hatten sich Busse auf den Weg nach Fua und Kafraja gemacht, die jedoch nicht dorthin kamen. Rebellenkreise erklärten am Freitag, Kranke und Verwundete dürften die Orte verlassen.

Das Verteidigungsministerium in Moskau teilte mit, mehr als 4500 Kämpfer und 337 Verwundete seien seit dem Beginn der Evakuierung am Donnerstag aus Ost-Aleppo gebracht worden. Insgesamt verließen demnach mehr als 9500 Zivilisten Ost-Aleppo.

Aus Rebellenkreisen hieß es, Russland habe die Kontrolle über iranische Kräfte verloren, wolle aber nach außen hin nicht schlecht aussehen. Deswegen habe Moskau die Evakuierung für beendet erklärt.

Hilfsorganisationen mussten nach Angaben der Vereinten Nationen Ost-Aleppo nach dem Evakuierungsstopp verlassen. „Ich nehme an, die Nachricht kam von den Russen, die die Gegend überwachen“, sagte die Syrien-Beauftragte der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Elizabeth Hoff. Kontakt mit der syrischen Regierung gebe es nicht.

Syriens Armee hatte nach dem Beginn einer Offensive den allergrößten Teil der bisherigen Rebellengebiete Aleppos eingenommen. Ein Abkommen zwischen Regierung und Rebellen sieht vor, dass Kämpfer und Zivilisten die Stadt verlassen und in andere Gebiete unter Kontrolle der Opposition gebracht werden. Ein erster Anlauf zur Umsetzung war am Mittwoch gescheitert, weil neue Kämpfe ausgebrochen waren.

Reaktionen

Bundespräsident Joachim Gauck warf der internationalen Gemeinschaft schwere Versäumnisse im Syrien-Konflikt und eine Mitverantwortung an den Gräueln des Bürgerkriegs vor. Die „Mechanismen der internationalen Ordnung“ hätten kläglich versagt, sagte er dem Berliner „Tagesspiegel“.

Nach Bundeskanzlerin Angela Merkel erhob auch der Chef der EVP-Fraktion im Europaparlament heftige Vorwürfe gegen Russland und den Iran. „Der Iran, Russland - (Präsident) Putin, muss man sagen - hat Blut an den Händen“, sagte Manfred Weber (CSU) im rbb-„Inforadio“. Derzeit habe humanitäre Hilfe oberste Priorität. „Und dann brauchen wir Klartext. Das heißt, wir müssen deutlich machen, wer schuld ist an dieser Situation.“

Russland und der Iran sind die engsten Verbündeten der Regierung in Damaskus und unterstützen sie militärisch. Merkel hatte beiden Ländern nach dem Brüssler EU-Gipfel schwerste Vergehen im Kampf um Aleppo vorgeworfen. Sie sprach von „gezielten Angriffen auf Zivilpersonen (...), auf Krankenhäuser“ und nahm auch das Regime von Baschar al-Assad in die Pflicht.

Putin setzt auf ein neues Format von Syrien-Gesprächen mit der Türkei als Schutzmacht der Opposition. Russland versuche, die syrische Regierung dafür zu gewinnen, die Türkei wiederum die Gegner von Präsident Assad. Das habe er mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan vereinbart, sagte Putin am Freitag bei einem Besuch in Tokio. Die Treffen könnten in Kasachstan stattfinden.

Syriens Armee hatte nach dem Beginn einer Offensive den allergrößten Teil der bisherigen Rebellengebiete in Ost-Aleppo eingenommen. Unter Vermittlung Russlands und der Türkei vereinbarten die Konfliktparteien in dieser Woche ein Abkommen über den Abzug der Kämpfer und Zivilisten aus der Stadt.

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