EU will Plastikflut stoppen

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Brüssel macht Weg für Verbote von leichten Einkaufstüten frei / Berlin sieht wenig Anlass zum Handeln

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05. November 2013, 00:32 Uhr

Meist fragt der Verkäufer nicht einmal: Ein Griff, und die Waren landen in der Plastiktüte. Die wasserdichten Leichtgewichte sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Oder doch? EU-Umweltkommissar Janez Potocnik jedenfalls will umsteuern. Für ihn sind die leichten Tragetaschen ein „Symbol unserer Wegwerfgesellschaft“. Und die müsse dringend umdenken, mahnt er. Denn viele der dünnen Tüten werden am Ende ins Meer gespült und können dort zur Umweltgefahr werden. Tiere verschlucken sie aus Versehen oder verwechseln sie mit Nahrung, warnt das Umweltbundesamt. „Die Plastikfragmente können den Verdauungstrakt schädigen, die Mägen der Tiere verstopfen, was zum Tod durch Verhungern oder innere Verletzungen führen kann. Von 136 maritimen Arten ist bekannt, dass sie sich regelmäßig in Müllteilen verstricken und strangulieren.“ Und was im Fisch landet, das kann auf dem Teller des Verbrauchers enden.

Um der Plastikflut Herr zu werden, will Umweltkommissar Potocnik den 28 EU-Staaten künftig erlauben, leichte Einkaufstüten zu verbieten. Dabei hat er Beutel von weniger als 0,05 Millimetern Dicke im Blick – und auch nur Einkaufstüten. Müllbeutel oder andere Tüten findet Potocnik weniger problematisch, weil sie immerhin im Abfall landen.

Derzeit sind nationale Verbote nicht möglich – derlei Extrawürste sind eigentlich nicht im Sinne des europäischen Binnenmarktes, der halbwegs vergleichbare Bedingungen für das Wirtschaften in Europa vorsieht. Doch hier gehe Umwelt vor Binnenmarkt, meint Potocnik. Genaue Vorgaben möchte er aber nicht machen: Hauptsache, der Verbrauch sinkt. Wenn alles klappt, könnte die Nutzung leichter Einkaufstüten sogar um rund 80 Prozent zurückgehen, schätzt seine Behörde. Der Vorschlag benötigt die Zustimmung der EU-Staaten und des Europaparlaments. Danach hätten die nationalen Regierungen zwei Jahre lang Zeit, um den Gebrauch der Tüten einzudämmen.

In der Branche und im Einzelhandel lösen die Reformpläne der EU-Kommission keinen Jubel aus. Die Tüte drohe zum „Sündenbock“ zu werden, mahnte Plastics Europe in Brüssel. Der Handelsverband Deutschland (HDE) meint: „Eine Abgabe auf Plastiktüten löst das Problem der Vermüllung der Weltmeere nicht. Hier helfen nur die konsequente Durchsetzung des Deponierungsverbots für Plastiktüten und hohe Recyclingquoten“, erklärte HDE-Geschäftsführer Kai Falk. In Deutschland sei beides bereits gewährleistet.

Auch Berlin sieht offenbar wenig Anlass zum Handeln – jedenfalls in Deutschland. Dort stellten Plastiktragetaschen „kein relevantes Umweltproblem dar“, erklärte ein EU-Diplomat. „Einzelhändler müssen sich für die von ihnen in Verkehr gebrachten Tragetaschen an einem dualen System beteiligen und hierfür ein Entgelt bezahlen.“ Kunststoffverpackungen würden mittlerweile zu fast 100 Prozent verwertet. Gegenüber 1991 bedeute dies eine Steigerung um mehr als das Achtfache.

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