zur Navigation springen

Brexit ✓– Swexit ? – Denxit ? : EU-Austritt: Der „Mittsommernachtsalbtraum“ für Dänemark und Schweden

vom

Großbritannien tritt aus der EU aus. In Dänemark und Schweden sieht man das mit Sorge. Doch es gibt auch Glückwünsche.

Kopenhagen/Stockholm | Den letzten Stand zum Brexit lesen Sie in unserem Liveblog.

„Der Albtraum der EU ist wahr geworden“, heißt es am Freitagmorgen auf der Internetseite der dänischen Zeitung „Jyllands Posten“. Dänemarks Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen werde es künftig schwer haben, in Verhandlungen mit der EU mehr Selbstbestimmung für Dänemark zu erzielen. Vor allem jetzt, wo mit Großbritannien ein stetiger Partner weggebrochen sei, heißt es in ersten Analysen. Mehr noch: Die größte Unterstützerpartei der Regierung, die Dänischen Volkspartei (DV), werde nun eine Debatte entfachen, ob nicht auch Dänemark seine EU-Mitgliedschaft infrage stellen sollte. Die Folge sei ein neuer Konflikt zwischen DV und der proeuropäischen Regierungspartei Venstre. Zu erwarten sei ein ähnliches Referendum in Dänemark zunächst jedoch nicht.

Großbritannien war für Dänemark und Schweden wichtiger Partner in der EU. Wirtschaftlich und politisch profitierten die beiden Länder von der EU-kritischen und konservativen Haltung der Briten. Mit dem Austritt müssen sich die Regierungen in Kopenhagen und Stockholm die Frage gefallen lassen, wie mit der eigenen EU-Mitgliedschaft künftig umgegangen werden soll. 

In Frankreich und Holland, so Danmarks Radio (DR), werde der Druck höher werden, ebenfalls Abstimmungen anzuleiern. Für die EU sei der Austritt ein Albtraum, kämpfe man doch noch immer damit, aus einer politischen Krise zu kommen.

In Reaktionen aus der dänischen Politik lässt sich eine Redewendung häufiger hören: Es sei ein historischer Tag. Peter Hummelgaard Thomsen von den Sozialdemokraten nannte es einen „wake up-call“ für die komplette Funktionsweise der Europäischen Union. „Ich fürchte leider, dass dies kein Tag in der Geschichte sein wird, der eine große und positive Entwicklung anstößt“, sagte Thomsen. Er mahnte, Briten und der Rest Europas sollten jetzt nicht vorschnell agieren, dies sei „nicht der Beginn von Europas Implosion“. Es gebe jetzt zwei eindeutige Gewinner dieses Referendums: Putin in Moskau und die äußersten Rechten in Europa.

Anders klingt es von Seiten der DV. Kenneth Kristensen Berth nennt es eine mutige und selbstbewusste Wahl, die die Briten getroffen hätten. Es sei ein Schlag gegen EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und EU-Ratspräsident Donald Tusk. „Ich weiß nicht, ob es eine fantastische Entscheidung für Europa ist, aber es ist die richtige Wahl für Großbritannien.“ Dänemark könne sich jetzt auf eine ähnliche Abstimmung vorbereiten – „je eher desto besser“, sagt Berth.

Parteichef Kristian Thulesen-Dahl gratulierte auf Facebook: „Die EU hat die Skepsis des Volkes falsch bewertet. Die EU hat den Nationalstaaten zu viel Macht genommen und bezahlt nun den Preis“, heißt es in dem Statement. „Hört auf mit der Hysterie. Großbritannien ist heute noch immer da wo es gestern war und die wollen auch morgen dänischen Bacon zum Frühstück essen.“

 

Die linksextreme „Einheitsliste“ begrüßte in einer Pressemitteilung das Ergebnis der Abstimmung. Britische Arbeitnehmer seien jetzt in der Lage Lohndumping und Armut zu bekämpfen. Die britische Bevölkerung hat künftig wieder mehr politischen Einfluss. Großbritannien verabschiedet sich von einem undemokratischen EU-system und das sei ein Sieg, hieß es weiter.

Für EU-Wortführer Rasmus Nordqvist von der „Alternative“ ist das Ergebnis ein Schock: „Ich bin zutiefst besorgt über dieses gewaltige Resultat, das uns zeigt, dass wir am Scheideweg stehen. Sollen wir gegen Solidarität und Zusammenarbeit angehen, oder sollen wir gegen den Zerfall kämpfen?“ Großbritannien sei der größte Kritiker der EU gewesen, weshalb der Austritt vielleicht etwas Positives bewirkt. „Ich fürchte jedoch eher, dass es einen Dominoeffekt bei den restlichen rechtspopulistischen Kräften in Europa auslöst.“ Auf Twitter schrieb Nordqvist: „Jetzt müssen wir für ein solidarisches und demokratisches Europa zusammenrücken.“

 

Holger K. Nielsen von der Sozialistischen Volkspartei (SF) glaubt, dass die EU das überleben wird und hofft, dass sich Großbritannien durch diese Entscheidung nicht isoliert. „Es wird einige große und gewaltsame Effekte auf die EU haben.“ Das Ergebnis sei Wasser auf die Mühlen von rechten Parteien in Europa.

Schwedische Zeitungen reagieren ebenfalls mit Superlativen. Das Svenska Dagbladet vergleicht den EU-Austritt als schweres Erdbeben, eben eine „neun auf der Richterskala“. Experten sehen negative Folgen für die schwedische Wirtschaft. „Ich glaube das hat auf kurze und lange Sicht schwere Folgen“, sagt Wirtschaftsexpertin Carola Lemne.

Christofer Fjellner von der Moderaten Sammlungspartei ist der Meinung es reiche nicht, die EU als Hauptschuldigen darzustellen. Ebenso sei der Wahlausgang auch ein Schlag gegen das politische Establishment in Großbritannien. Er hoffe auf eine künftige bessere und freiere Zusammenarbeit der EU mit den Mitgliedsländern. Es sei fatal jetzt einfach weiterzumachen. „Business as usual“ sei fatal, die EU müsse besser werden.

Dagens Nyheter sieht in dem Ergebnis ein Mittsommernachtsalbtraum für die schwedische Regierung. Schwedens Position in der EU verändert sich durch den Austritt des Partners Großbritannien. Neben gemeinsamen Zielen und wirtschaftlicher Abhängigkeit bleiben Fragen wie „Wie sehen künftige Handelsbeziehungen aus?“ und „Muss sich auch Schweden mit der Frage nach der EU-Mitgliedschaft auseinandersetzen?“.

Die nationalistischen „Schwedendemokraten“ beglückwünschten die Briten zu ihrer Selbstständigkeit. „Jetzt warten wir auf den Swexit“, heißt es in einem Twitter-Post.

 
zur Startseite

von
erstellt am 24.Jun.2016 | 10:59 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen