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Mord an Putin-Kritiker : Erschossener Boris Nemzow: Tausende nehmen Abschied in Moskau

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Der Kremlkritiker wurde in einem offenen Sarg aufgebahrt. Mehrere EU-Politiker durften nicht Anteil nehmen.

shz.de von
erstellt am 03.Mär.2015 | 11:08 Uhr

Moskau | Bei einer ergreifenden Trauerzeremonie haben Tausende Wegbegleiter und internationale Politiker in Moskau Abschied vom ermordeten Kremlkritiker Boris Nemzow genommen. Bei winterlichem Wetter standen die Trauernden am Dienstag stundenlang vor dem Moskauer Sacharow-Zentrum Schlange, um dem 55-jährigen Oppositionellen die letzte Ehre zu erweisen. Die Polizei war mit einem Großaufgebot im Einsatz. Am Nachmittag wurde Nemzow beigesetzt.

Nemzow war am späten Freitagabend mit vier Schüssen in den Rücken auf einer Brücke in Kremlnähe getötet worden. Er starb am Tatort. Die russischen Behörden gehen von einem Auftragsmord aus. Der Schütze entkam unerkannt. Nemzows Begleiterin blieb unverletzt. Die 23-Jährige verließ Moskau am Montagabend nach tagelangen Verhören der russischen Ermittler in ihre ukrainische Heimat. Der 55-Jährige war ein bedeutender Gegner des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Er galt als glühender Unterstützer der proeuropäischen ukrainischen Führung in Kiew – und war eine der schillerndsten Persönlichkeiten der russischen Opposition. Die Bluttat löste international Empörung und Trauer aus.

Vor dem Gebäude des nach dem Bürgerrechtler Andrej Sacharow benannten Menschenrechtszentrums zog sich am Dienstag eine Menschenschlange gut 1000 Meter die Straße entlang. Viele Trauernde waren in Tränen aufgelöst. Ein buntes Meer aus Blumen umgab den mit weißem Stoff ausgelegten Sarg, der in dem Menschenrechtszentrum aufgebahrt war.

Am Nachmittag wurde Nemzows Sarg zum Prominentenfriedhof Trojekurowo gebracht. An der Beerdigung im Westen der russischen Hauptstadt nahmen rund 600 Menschen teil, wie die Agentur Interfax am Dienstag berichtete. Angehörige und enge Weggefährten legten Kränze nieder. Neben der Familie waren auch Vertraute wie der Oppositionelle Michail Kasjanow anwesend. Auf dem Friedhof ist auch die 2006 ermordete Journalistin Anna Politkowskaja begraben.

Mehreren Politikern aus EU-Staaten, die am Vormittag von Nemzow Abschied nehmen wollten, wurde die Einreise nach Russland verweigert. Aufsehen erregte beispielsweise, dass der polnische Senatspräsident Bogdan Borusewicz kein Visum für das Begräbnis erhielt. Der ehemalige Bürgerrechtler kritisierte die Entscheidung und warf Putin vor, das Land in Richtung Diktatur zu führen. „Das ist zweifellos ein autoritäres System, das auf eine Diktatur zugeht“, sagte er dem polnischen Fernsehsender TVN24. Nach Angaben einer Sprecherin der russischen Botschaft in Warschau steht Borusewicz auf der Liste der EU-Politiker, die wegen der gegen Russland verhängten Sanktionen nicht in das Land einreisen dürfen.

Von der russischen Regierung erwies unter anderem Vizeregierungschef Arkadi Dworkowitsch dem früheren stellvertretenden Ministerpräsidenten Nemzow an dessen Sarg die Ehre. Die Polizei sperrte die Umgebung weiträumig ab. Die russischen Medien begleiteten das Ereignis mit einem Großaufgebot.

Die russischen Behörden setzten Berichten zufolge den erfahrenen Ermittler Igor Krasnow auf den Mordfall an. Er soll eine zwölfköpfige Sonderkommission leiten. Krasnow hatte sich zuvor in Fällen mit nationalistischem Hintergrund profiliert. Beobachter gehen davon aus, dass die Behörden den Mord als Angriff des ultranationalistischen Milieus auf die prowestliche Opposition sehen. Oppositionelle vermuten die Schuldigen aber eher im Kreml. Kritiker befürchten, dass die Tat nie aufgeklärt wird - wie frühere Attentate auf Kremlgegner.

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