Studie zur Attraktivität : Erfolgsformel der Politik: Schönheit gewinnt Wahlen

<p>Sahra Wagenknecht schneidet gut ab.</p>

Sahra Wagenknecht schneidet gut ab.

Attraktivität ist laut einer soziologischen Studie das zweitwichtigste Kriterium, wenn es um die Wählergunst geht.

von
10. Januar 2018, 12:46 Uhr

Düsseldorf | Was entscheidet die Wahlen der Gegenwart, wenn die traditionellen Bindungen von Gesellschaft und Parteien nicht mehr existieren? Das Team von Ulrich Rosar – dem Lehrstuhlinhaber der Soziologie an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität – hat darauf eine Antwort gefunden: Wahlen sind Schönheitswettbewerbe geworden.

Laut der am Mittwoch veröffentlichten Studie ist die Attraktivität der Kandidaten bei Erst- und Zweitstimme das zweitwichtigste Entscheidungskriterium der Wähler überhaupt. Wichtiger als das Aussehen ist laut Rosars Forschungsergebnissen weder Klugheit noch Lebenslauf. Vielmehr ist es neben der Ästhetik die individuelle Bekanntheit der Kandidaten, die den Ausschlag gibt. Im Extremfall kann ein sehr attraktiver Kandidat fünf Prozentpunkte mehr bei den Erststimmen gewinnen und bis zu drei Punkte bei den Zweitstimmen.

<p>Beispiel aus dem Ausland: Justin Trudeau nutzte die Bekanntheit seines Namens und seine Attraktivität, um die kanadischen Liberalen aus dem historischen Tief zu holen. Dann wurde er überraschend neuer Premierminister seines Landes.</p>
imago/ZUMA Press

Beispiel aus dem Ausland: Justin Trudeau nutzte die Bekanntheit seines Namens und seine Attraktivität, um die kanadischen Liberalen aus dem historischen Tief zu holen. Dann wurde er überraschend neuer Premierminister seines Landes.

Demnach hätte die SPD bei der vergangenen Bundestagswahl mit einer Spitzenkandidatin Manuela Schwesig vermutlich deutlich bessere Chancen gehabt – und die Wahlparty der FDP wäre ohne ihren Parteichef Christian Lindner nicht ganz so laut ausgefallen.

<p>Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin gilt als eine der größten Hoffnungen der SPD, als Landespolitikerin wurde sie in der Studie allerdings nicht berücksichtigt.</p>
imago/BildFunkMV

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin gilt als eine der größten Hoffnungen der SPD, als Landespolitikerin wurde sie in der Studie allerdings nicht berücksichtigt.

Rosar, der früher einmal herausfand, dass unattraktive Fußballer die besseren Spieler sind, hat den Zusammenhang zwischen physischer Attraktivität und Wahlerfolg seit 2002 analysiert. Daraus ergibt sich ein fortschreitendes Attraktivitätsbedürfnis bei den Wählern und ein „sehr substanzieller“ Zusammenhang zwischen ansprechender Außenwirkung und der Wählergunst. Rosar betont in einem Interview mit dem „Oberbayerischen Volksblatt“: „Es geht nicht darum, wie George Clooney auszusehen. Sondern darum, besser als die Konkurrenz auszusehen“.

Rosars Untersuchung nahm bundesweit alle Spitzenkandidaten der Landeslisten und sämtliche Direktkandidaten der Parteien im Bundestag vertretenen Parteien unter die Lupe. Insgesamt waren es 1786 Politiker, darunter viele eher unbekannte. Eine 24-köpfige Studenten-Jury aus Männern und Frauen zu gleichen Teilen bewertete die Attrativität dieser Politikerinnen und Politiker auf einer Skala von 1 (unattraktiv) bis sechs (sehr attraktiv). Diese Stichprobe sei repäsentativ, denn Attraktivität von allen Menschen ähnlich beurteilt werde, teilten die Forscher mit. Der Zusammenhang zwischen dem Wahlausgang und der optischen Beurteilung durch die Jury war wie oben beschrieben.

<p>Christian Lindner von der FDP erhielt die meisten Beauty-Points unter den Männern.</p>
imago/photothek

Christian Lindner von der FDP erhielt die meisten Beauty-Points unter den Männern.

Die Spitzenkandidaten der Bundestagswahl verdeutlichen das: Christian Lindner von der FDP mit 3,43 Punkten liegt bei den Männern vorn – unter den 1293 männlichen Kandidaten belegt er Rang 30. Bei den Frauen führt Sahra Wagenknecht von der Linken mit 4,08 Punkten. In der Gruppe aller 486 weiblichen Direktkandidaten, die zur Wahl standen, liegt Wagenknecht aber nur auf Platz 52.

Auch die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel erhielt hier mit 3,25 Punkten eine recht positive Bewertung, wohingegen das Rot-Grüne Spektrum mit den Grünen-Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckhardt (2,58) und Cem Özdemir (2,13) und dem hier deutlich unterlegenen SPD-Chef Martin Schulz (1,67) vermutlich Stimmen liegen ließ. Allerdings setzte sich Kanzlerkandidat Schulz gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sogar noch durch. Merkel erreichte bei der Jury lediglich 1,04 Punkte, konnte die Wählerbindung aber wohl über ihren Bekanntheitsgrad aufrechterhalten. Alexander Gauland von der AfD kam als Schlusslicht auf 0,54 Punkte.

<p>Afd-Vizechef Alexander Gauland.</p>
imago/Jürgen Heinrich

Afd-Vizechef Alexander Gauland.

Wagenknecht und Lindner sind aber bei Weitem nicht die attraktivsten Politiker bundesweit. Der schönste Mann unter den Kandidaten ist laut dpa Jan Ralf Nolte (AfD) aus dem hessischen Waldeck. Die schönste Kandidatin ist demnach Celine Erlenhofer, die für die Linke im Wahlkreis Dortmund II antrat.

<p>Jan Ralf Nolte schneidet in der Studie als Deutschland attraktivster Bundespolitiker ab.</p>
imago/Metodi Popow

Jan Ralf Nolte schneidet in der Studie als Deutschland attraktivster Bundespolitiker ab.

Offenbar geht es für Politiker auch darum, sich optisch „zu machen“. Merkel sei deshalb ein gutes Beispiel für das Ergebnis der Studie, sagt Rosar. Man müsse nur die Fotos aus den 90er-Jahren bis kurz vor ihrem Wahlsieg 2005 anschauen. Dann fiele auf: „Sie hat ihr Äußeres über die Jahre aufgewertet.“

<p>Angela Merkel 1999 und 2017.</p>
imago/Jürgen Eis, shz-Zusammenstellung

Angela Merkel 1999 und 2017.

Der Attraktivitäts-Halo-Effekt beschreibt, dass Menschen ihren Nächsten über gute Attraktivitätsbewertungen weitere positive Eigenschaften zuschreiben. Schönheit wirkt also in die Bewertung der intellektuellen Ebene hinein und bildet Vertrauen. Etwas, das also die gesellschaftlichen Bindungen mit Parteien, deren weiteren Verfall Rosar auch in den jetzt veröffentlichten Ergebnissen sieht, abzulösen vermag.

Ob die Schönheitsformel so deutlich auch in die innerparteiliche Demokratie einwirkt, wurde nicht untersucht. Mit der neuen Erkenntnis im Gepäck könnten die Parteitage der Zukunft sonst deutlich wortkarger ausfallen. Zweifellos gibt es aber auch weiterhin Korrelationen in die andere Richtung: Dann wenn durch inhaltliche Übereinstimmungen die Sympathiewerte und damit auch die Attraktivitätswerte steigen.

<p>Posierte wie ein Model: Christian Lindner auf eine Plakat zur Bundestagswahl 2017.</p>
imago/Müller-Stauffenberg

Posierte wie ein Model: Christian Lindner auf eine Plakat zur Bundestagswahl 2017.

Rosars abschließende Erkenntnis: „Wahlentscheidungen werden häufiger kurzfristig getroffen, bei gleichzeitiger Zunahme der Wechselbereitschaft der Wählerinnen und Wähler. In weitgehender Ermangelung umfassender und verlässlicher Informationen zu komplexen politischen Sach- und Kompetenzfragen werden Wahlentscheidungen deshalb – bewusst oder unbewusst – durch rollenferne Eigenschaften der Kandidaten wie 'sympathisch' oder 'attraktiv' beeinflusst.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen