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Kommentar : Erdogan vs. Extra-3-Satire: Schluss mit lustig

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Türkei bestellt den deutschen Botschafter wegen einer NDR-Satire über Erdogan ein. Besser kann Satire nicht funktionieren, kommentiert Martin Schulte.

Manchmal hilft nur noch Humor. Die Redaktion des NDR-Satire-Magazins „extra 3“ hat gestern Recep Tayyip Erdogan zum Mitarbeiter des Monats ernannt. Ein verdienter Titel, denn der türkische Ministerpräsident hat der Sendung einen ungewollten Marketing-Coup verschafft.

Die türkische Regierung hatte wegen eines satirischen Filmchens über Erdogans Umgang mit der Pressefreiheit den deutschen Botschafter einbestellen lassen und angeblich die Löschung des Beitrages aus der Mediathek gefordert. Positiv formuliert müsste man jetzt sagen: Besser kann Satire nicht funktionieren, schon jetzt entwickelt sich die Geschichte zu einem Scoop, wie er Jan Böhmermann mit seiner Varoufake-Stinkefinger-Nummer um den ehemaligen griechischen Finanzminster Yanis Varoufakis gelungen war, Grimmepreis inklusive.

Leider bleibt einem angesichts der aktuellen Entwicklungen in der Türkei das Lachen im Halse stecken. Erdogan ist schon seit längerem dafür bekannt, dass er auf Kritik gegen seine Person oder Partei sehr dünnhäutig reagiert. Türkische Journalisten und Medien stehen seit Monaten unter einem enormen Druck. Wer Redaktionsräume von Polizisten stürmen lässt oder Medien unter staatliche Kontrolle stellen lässt, verrät nicht nur die Pressefreiheit – er stellt sich grundsätzlich gegen das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung.

Dass Erdogan jetzt versucht, auch auf ausländische Medien Einfluss zu nehmen, dokumentiert das enorme Selbstbewusstsein, mit dem er derzeit agiert. Er weiß, dass die Europäische Union die Türkei braucht, um die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen. Und seine Taktik scheint aufzugehen, denn gestern gab es nur eine zahme und nichts sagende Stellungnahme der Bundesregierung – sowohl zur Einbestellung des Botschafters als auch zur Medienschelte in Richtung Deutschland.

Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich Deutschland, aber auch die EU bewegen, wenn sie solche offensichtlichen Provokationen unbeantwortet lassen. Ganz abgesehen davon, dass der Druck auf die unabhängigen türkischen Medien wohl im Schatten dieser öffentlichen Scharmützel wachsen wird. Der Angriff auf die Meinungsfreiheit ist ein hoher Preis für das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei. Da hilft irgendwann auch die beste Satire nicht mehr.

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erstellt am 30.Mär.2016 | 12:45 Uhr

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