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Internationale Reaktionen : „Entflammt“: So wird in anderen Ländern über Silvester in Köln und Hamburg diskutiert

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Aus der Onlineredaktion

Im europäischen Ausland und den USA werden die Ereignisse von Köln sehr unterschiedlich wahrgenommen. Fast immer wird eine Verbindung zur Asylpolitk hergestellt - unter anderem von Donald Trump.

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erstellt am 08.Jan.2016 | 16:14 Uhr

Die massiven Übergriffe in der Silvesternacht in Köln, Hamburg und anderen deutschen Großstädten werden nicht nur in Deutschland breit thematisiert. Auch im Ausland sorgt das Thema für Aufsehen und wird vielfach mit der Asyl-Politik der Bundesregierung in Verbindung gebracht.

Die Übergriffe in Köln, Hamburg und weiteren Städten sind seit Anfang der Woche das bestimmende Thema in Medien, Politik und sozialen Netzwerken. In der Silvesternacht waren dutzende Frauen auf offener Straße Opfer von massiver sexueller Belästigung und Diebstählen geworden. Die Taten haben Abscheu und Empörung sowie Kritik an der Polizei ausgelöst.

In Osteuropa sehen sich konservative Politiker und Medien durch die Ereignisse in ihrer Ablehnung gegenüber Zuwanderung aus islamischen Ländern bestätigt. Die Zeitung „Lidove noviny“ aus Tschechien schreibt am Donnerstag die Übergriffen seien das bisher stärkste Argument für Vorsicht bei der Aufnahme von Migranten. Die Zeitung „Duma“ aus Bulgarien sieht ebenfalls eine erhebliche Bedrohung durch Migranten: „Wir sind eigentlich Zeugen davon, wie die neu eingetroffenen Migranten beginnen, ihre Regeln der einheimischen Bevölkerung aufzuzwingen.“ Der Vorfall zeige auch, wie 1000 Menschen - organisiert oder nicht - eine Millionenstadt in Schrecken versetzen könnten, ohne Terroranschläge zu verüben.

Mehrere Politiker der nationalkonservativen Regierung in Polen nutzten die Ereignisse in Köln, um einmal mehr ihre Ablehnung von Einwanderung von Muslimen zu betonen, vor allem wenn es sich um junge Männer ohne Familie handelt. Der polnische Außenminister Witold Waszczykowski hat seinem deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier geschrieben. In dem am Freitag auf der Webseite des Warschauer Ministeriums veröffentlichten Schreiben erkundigte er sich, ob auch Polinnen von den Vorfällen betroffen seien. Er wäre dankbar, wenn Steinmeier diese Anfrage an die zuständigen Ermittlungsbehörden weiterleiten könnte.

Auch am Freitag sind die Geschehnisse von Köln Thema Nummer 1 für die viele Zeitungen wie hier die Onlineausgabe der tschechischen Lidové noviny.
Auch am Freitag sind die Geschehnisse von Köln Thema Nummer 1 für die viele Zeitungen wie hier die Onlineausgabe der tschechischen Lidové noviny. Foto: shz.de
 

In West- und Südeuropa sind die Stimmen sachlicher. In Großbritannien halten sich selbst die sonst wenig zimperlichen Boulevard-Blätter eher zurück. Die Sun betont zwar den sexuellen Aspekt der Attacken stark, hält sich aber weitgehend an die bisher bekannten Fakten. Allerdings werden in der britischen Presse die Auswirkungen der Ereignisse auf die Politik der Bundesregierung und den weiteren Umgang mit Asylbewerbern in Deutschland breit diskutiert. Der „The Guardian“ schreibt: „Die Zwischenfälle unterstreichen die Spannungen in der deutschen Gesellschaft nach Angela Merkels Politik der offenen Tür gegenüber Flüchtlingen, die zur Ankunft von über eine Million Menschen in den letzten zwölf Monaten geführt haben sowie zu Tausenden, die jeden Tag eintreffen.“ Die Kritik an Polizei und Medien wird besprochen sowie der Versuch, „ausländerfeindliche Gefühle angesichts der Flüchtlingskrise zu verhindern“.

Die konservative „Times“ sieht nach den Angriffen eine „Gegenreaktion zur Aufnahme von 1,1 Millionen Asylsuchender“. Die deutsche Regierungschefin stehe unter Druck: „Kanzlerin Angela Merkel wird vorgeworfen, Vergewaltiger ins Land zu lassen.“ Die sexuelle Gewalt gegen Frauen werde Folgen für die Bundeskanzlerin haben, meint auch die belgische Zeitung „De Standaard“. Die dramatischen Geschehnisse hätten die ohnehin schon prekäre Asylpolitik von Merkel noch weiter unterminiert.

Deutsche Politker seien besorgt, Öl ins Feuer zu gießen, illustriert der britische Guardian und warnt vor Zensur und Vertuschung im Zusammenhang mit den Ereignissen in Köln.
Deutsche Politker seien besorgt, Öl ins Feuer zu gießen, illustriert der britische Guardian und warnt vor Zensur und Vertuschung im Zusammenhang mit den Ereignissen in Köln. Foto: shz.de
 

Die italienische Zeitung „Il Messaggero“ berichtet von der Befürchtung in Deutschland, dass Rassisten und Flüchtlings-Gegner die Geschehnisse für ihre Zwecke ausnutzen könnten. Das Blatt „La Repubblica“ holt sich den deutschen Historiker Michael Stürmer zum Interview, der mit Kritik an der Kanzlerin zitiert wird: „Es war unvermeidlich, dass all dies geschehen würde. Beim Thema Migranten hat Merkel Fehler gemacht.“

Auch in den Vereinigten Staaten greifen die großen Tageszeitungen das Thema prominent auf. Einige der Kommentatoren befürchten fatale Folgen. So sieht die „Washington Post“ „Teile der Deutschen Gesellschaft entflammt“. Es gäbe zwar keinen Beweis, „dass Flüchtlinge in den Attacken involviert waren. Dennoch, allein die Möglichkeit ihrer Beteiligung war dafür ausreichend“. Die sexuellen Übergriffe würden auch die deutsche Willkommenshaltung gegenüber den Flüchtlingen verändern. Die „New York Times“ sieht in den Übergriffen eine neue politische Herausforderung für Angela Merkel und ihre Politik der offenen Tür im vergangenen Sommer und Herbst. 

In die Debatte schaltete sich via Twitter auch Donald Trump ein. In inzwischen schon gewohnt brachialer Manier kritisiert der Milliardär und US-Präsidentschaftskandidat die deutsche Einwanderungspolitik in Verbindung mit den Ereignissen in der Silvesternacht. Offen bleibt nur, ob sich die Aufforderung zum Nachdenken an die US-amerikanischen Wähler oder an die Bundesregierung richtet.

In einem zweiten Tweet vom Donnerstag wird es noch etwas skurriler: Dort bringt Trump Deutschland mit dem mutmaßlichen Terroranschlag auf Polizeibeamte in Paris am Donnerstag in Verbindung - diesmal mit der Aufforderung „schlauer zu werden“: 

Was Trump ausdrücken möchte, bleibt rätselhaft. Der Tweet sorgt im Internet bereits für viel Spott bezüglich Trumps Geographie-Kenntnissen, weil Nutzer vermuten, er halte Paris für einen Teil von Deutschland. Vielleicht wusste er aber auch einen Tag früher als der Rest der Welt, dass Ermittler bei dem getöteten Angreifer eine deutsche Sim-Karte finden.

Mit Material von dpa

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