Unterhaus-Wahl in Großbritannien : Enges Rennen: Cameron oder Miliband, wer wird neuer Premier?

Heißes Duell zwischen dem konservativen Amtsinhaber und seinem Labour-Herausforderer: Nicht einmal die Meinungsforscher wollen sich festlegen.

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07. Mai 2015, 10:36 Uhr

London | In Großbritannien haben die Wahllokale zur Unterhauswahl geöffnet. Die Briten wählen ein neues Parlament, von 8 bis 23 Uhr (MESZ) können sie ihre Stimme abgeben. Wer künftig in Großbritannien regieren wird, ist laut Umfragen völlig offen. Erwartet wird ein knappes Rennen zwischen dem konservativen Premierminister David Cameron und seinem Herausforderer Ed Miliband von der Labour-Partei. Wahlforscher sahen die Chancen für die beiden Politiker bei 50 Prozent. Ob Cameron seine Regierungskoalition mit den Liberaldemokraten fortführen können wird, ist fraglich.

Das Unterhaus (House of Commons) ist die politisch entscheidende Kammer. Zum Parlament gehören die Krone (Elisabeth II.) sowie das Oberhaus (House of Lords). Das Unterhaus wird auf fünf Jahre gewählt und hat 650 Abgeordnete. Jeder MP (Member of Parliament = Abgeordnete) vertritt einen Wahlkreis. Nach einem sechs Wochen langen und teilweise erbittert geführten Wahlkampf wird in Großbritannien am Donnerstag ein neues Unterhaus gewählt. In  rund 50.000 Wahllokalen in den 650 Wahlkreisen werden die Bürger zur Stimmabgabe aufgefordert.

Experten befürchten nach der Wahl eine Hängepartie, sollte keine klare Mehrheit zustande kommen. Die britische Wahl wird in ganz Europa mit großem Interesse verfolgt. Cameron hat im Falle einer Wiederwahl ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union angekündigt.

Die beiden Kontrahenten im Porträit:

David Cameron: Premier mit Licht, Schatten und Schnösel-Image

Wenn David Cameron sich im offenen Hemd und mit hochgekrempelten Ärmeln vors Wahlvolk stellt und entschlossen die Faust ballt, wirkt er auf viele ein bisschen verloren. Der konservative britische Premierminister hat sich in den fünf Jahren seiner Amtszeit stets um Volksnähe bemüht. Und er wirkt dabei noch heute genau so: bemüht.

Cameron kann es nicht abschütteln, von vielen Briten noch immer über seine Herkunft definiert zu werden. Sein Vater war ein erfolgreicher und wohlhabender Börsianer. Der junge Cameron besuchte die besten und teuersten Schulen und Universitäten. Das Internat Eton oder die Universität Oxford stehen für Weltniveau in der Ausbildung. Und auch für allerbeste Kontakte in die einflussreichsten Zirkel, lebenslang.

Der Student Cameron tauchte - wie Londons Bürgermeister Boris Johnson und Schatzkanzler George Osborne - auf einem Foto als Mitglied des Bullingdon Clubs auf. Der Club ist eine Oxford-Vereinigung ausschließlich männlicher Jünglinge aus schwerreichem Hause. Es wird viel getrunken, hin und wieder auch die Einrichtung eines Restaurants mutwillig zerlegt - und sofort danach bezahlt. David Cameron, der reiche Schnösel. In der Murdoch-Affäre kam der Premier Cameron in die Bredouille, weil Leute, die mit dem Gesetz in Konflikt gerieten, seine Kumpels von damals waren.

Cameron, den sein Oxford-Professor Vernon Bogdanor als „einen der fähigsten Studenten“ bezeichnet, den er jemals unterrichtete, ist ein Karrierepolitiker. Er begann in der Presseabteilung der Downing Street, als Margaret Thatcher Premierministerin war, diente später auch im Team von Thatchers Nachfolger John Major.

1997, als Labour-Mann Tony Blair in die Downing Street einzog, hatte Cameron sich erstmals um ein Mandat beworben. Was damals zunächst misslang, glückte 2001: David Cameron errang einen Sitz für das Unterhaus. In einer Phase, in der die Tories von Niederlage zu Niederlage geschubst wurden, begann der Stern des heute 48-Jährigen aufzugehen. 2005 wurde er Parteichef, 2010 schließlich griff er nach dem Schlüssel zur Downing Street. Er schaffte es bedingt. Noch heute nehmen ihm parteiinterne Kritiker übel, dass er gegen den glücklosen und unbeliebten Amtsinhaber Gordon Brown keinen klareren Sieg einfahren konnte und eine Koalitionsregierung mit den Liberaldemokraten eingehen musste.

Cameron, ein entfernter Nachfahre von König Wilhelm IV., Ehemann und Vater dreier Kinder, wollte viel. „Big Society“ („Große Gesellschaft“) überschrieb er sein vorrangiges Regierungsziel. Das in eine strikte Klassengesellschaft gespaltene Großbritannien sollte in der Krise zusammenhalten. Cameron wollte die Politik Margaret Thatchers, die die Existenz von so etwas wie einer nationalen Gesellschaft verneint hatte, fortentwickeln.

Er sein ein „moderner und mitfühlender Tory“, ließ er wissen. „Hug a Hoody“ war ein Motto Camerons als Oppositionsführer: „Nimm die Jungs mit den Kapuzenpullis in den Arm.“ Schon ein Jahr nach Amtsantritt, als in London ein Mob von Jugendbanden ganze Stadtviertel in Brand steckte, musste Cameron einräumen: „Diese Gesellschaft ist kaputt.“

Camerons erste Amtszeit als Premierminister war geprägt von viel Schatten, aber auch Licht. Mit seinem Kurs des Sparens und der rigiden Sozialkürzungen macht er sich viele Feinde. Als Konservativer schaffte er es aber gegen erheblichen Widerstand, die Homo-Ehe einzuführen. Auch die Zahlen sprechen für ihn. Ein Wirtschaftswachstum von 2,6 Prozent und eine deutliche Absenkung der Arbeitslosigkeit im bei Amtsantritt vor dem Staatsbankrott stehenden Großbritannien können sich sehen lassen. Die Schulden drückte er - wenn auch nicht wie erhofft unter die Maastricht-Kriterien.

Nicht nur die Opposition bemängelt allerdings, dass das Wachstum überwiegend in den Bankentürmen der City of London stattfindet und der Arbeitsmarkt mit unzähligen Billigjobs geschönt wird.

Europapolitisch hat sich Cameron praktisch ausschließlich blaue Flecken geholt. Getrieben vom rechten Flügel seiner Partei, versuchte es der eigentlich moderate Politiker in Brüssel mit der Kopf-durch- die-Wand-Taktik. Er ist nicht der erste, der damit scheiterte. In Brüssel ist sein Name heute Synonym für ein Rotes Tuch.

Ed Miliband: „Roter“ Labour-Chef mit Tölpel-Image

Ed Miliband ist kein Politiker für hübsche Fotos. Auf dem Gebiet könne er nicht gewinnen, sagte der Labour-Chef vergangenen Sommer, und ging damit noch vor dem Wahlkampf sein größtes Problem an: Sein Image als tapsiger, schlechter Redner, der ein bisschen wie die Comicfigur Wallace von „Wallace & Gromit“ aussieht, kein Fettnäpfchen auslässt und viel zu wenig Autorität hat, um britischer Premierminister zu werden. Fotos, auf denen der 45-Jährige sich bös an einem Sandwich verschluckt, wurden zum Internet-Hit.

Journalisten und Wähler zeigen sich allerdings oft überrascht, wie entspannt und begeisternd Miliband bei persönlichen Begegnungen ist.

Auch Parteifreunde zeichnen ein anderes Bild. „Er hat seinen eigenen Kopf“, sagt etwa die langjährige Labour-Abgeordnete Gisela Stuart.

Und robust genug für den Job des Regierungschefs sei der gebürtige Londoner: Das zeige die Geschichte mit seinem Bruder.

Gegen den setzte Edward Samuel Miliband sich 2010 im Rennen um den Parteivorsitz ganz knapp durch, es gelang ihm mit Unterstützung der Gewerkschaften. „Es war eine harte Zeit für meine Familie“, gibt er zu. Die Wunden seien am Heilen. Zuvor hatte er lange im Schatten des vier Jahre älteren David gestanden, der inzwischen in den USA lebt. Von dort hat David kürzlich Wahlwerbung für seinen Bruder gemacht.

Nicht wenige Labour-Wähler aber trauern bis heute dem „anderen Miliband“ nach, der als smarter und redegewandter gilt.

Der Vater der Brüder, Ralph Miliband, kam als Sohn polnischer Juden in Belgien zur Welt und floh während des Zweiten Weltkriegs nach Großbritannien. Dort arbeitete er als Möbelpacker, bevor er zum marxistischen Intellektuellen und Professor avancierte. Die Mutter, ebenfalls polnische Jüdin, überlebte den Holocaust in einem Kloster und wanderte in den 50er Jahren nach London aus.

Miliband selbst bezeichnet sich als „atheistischer Jude“. „Die Geschichte meiner Eltern am Leben zu halten, ist mir extrem wichtig“, betont er. Es ist eine Erfolgsgeschichte von Einwanderern, die es nach oben schafften.

Die beiden Brüder wuchsen in einem schicken Viertel Londons auf. Dass sie auf eine staatliche Schule gingen, erwähnt Ed Miliband gern - es unterscheidet ihn von der Clique um Premierminister David Cameron. Er und David studierten an der Elite-Uni Oxford Philosophie, Politik und Wirtschaft und machten in der Labour-Partei Karriere.

2005 zog Ed ins Parlament ein für den provinziellen, traditionell Labour wählenden Wahlkreis Doncaster North, der sich bis heute nicht ganz vom Niedergang der Kohle-Industrie erholt hat. 2007 übernahm er unter Premier Gordon Brown das Energieministerium und verfolgte eine - für britische Verhältnisse - recht grüne Politik. Er ist seit 2011 verheiratet mit der auf Umweltrecht spezialisierten Anwältin Justine Thornton. Das Paar hat zwei Söhne, Daniel und Sam.

Die Mitte solle von links gestaltet werden, sagte Miliband 2010. Sein Credo lautet: Großbritannien geht es nur gut, wenn der Aufschwung auch in den Taschen der Arbeiter ankommt. Er ist zudem deutlich EU-freundlicher als David Cameron und lehnt eine Volksabstimmung über Großbritanniens Mitgliedschaft in der Europäischen Union ab.

Konservative Medien haben ihm den Spitzname „Red Ed“ verpasst. Doch sein 1994 gestorbener Vater, sagte Miliband der „Financial Times“, wäre wohl enttäuscht: „Wir reden darüber, wie wir den Kapitalismus reformieren werden, nicht ihn abzuschaffen, wie es mein Dad gewollt hätte.“

Als sicher gilt ein großer Erfolg der schottischen Nationalisten von der SNP. Ihnen wird im Norden von Großbritannien ein überwältigender Sieg mit über 50 der 59 dort zu vergebenden Sitze vorausgesagt. Mit Spannung wird das Abschneiden der rechtspopulistischen UK Independence Party (UKIP) von Nigel Farage erwartet. Ihr werden zwar kaum Chancen eingeräumt, nach der Wahl politisch groß mitzumischen, aber bis zu 15 Prozent der Stimmen könnte die Partei, die Großbritannien aus der Europäischen Union lösen will, auf der Insel bekommen.

Aktuelle Sitzverteilung:

Conservative Party 302 Sitze
Labout Party 256 Sitze
Liberal Democrats 56 Sitze
Sonstige 36 Sitze
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