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Sommer- und Winterzeit : Ende der Zeitumstellung: EU-Parlament stimmt für Prüfung

Der Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit birgt Schwierigkeiten. Jetzt muss die EU-Kommission prüfen.


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2018-02-08 12:54:33.0, 2018-02-08 12:54:33.0 Uhr

Straßburg/Brüssel | Im EU-Parlament formiert sich Widerstand gegen die umstrittene Umstellung zwischen Winter- und Sommerzeit. Die Abgeordneten forderten am Donnerstag die EU-Kommission dazu auf, die Vor- und Nachteile der Zeitumstellung genau unter die Lupe zu nehmen und die Regelung gegebenenfalls abzuschaffen.

Es ist wohl einer der kürzesten Anträge in der Geschichte des Europäischen Parlamentes – die Entschließung 2017/2968(RSP) passt auf eine DIN-A4-Seite: „Das Europäische Parlament fordert die Kommission auf, die derzeitige halbjährliche Zeitumstellung abzuschaffen.“ Über den Vorstoß haben die 751 Abgeordneten aus 28 Mitgliedstaaten am Donnerstag abgestimmt.

Der bisherige Wechsel sorgte bei vielen Menschen für Schwierigkeiten bei der Umstellung. Züge bleiben stehen, Bäcker öffnen eine Stunde später, Tiere verstehen die Welt nicht mehr, und Menschen könne nicht mehr richtig schlafen. In gut sechs Wochen ist es wieder so weit: Dann beginnt die Sommerzeit.

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Einführung der Zeitumstellung beruht auf Irrtum

Eine überwältigende Mehrheit schien bereits vor der Abstimmung sicher. Zu groß sind die Verärgerung und das Unverständnis über die Zeitmanipulation im Frühjahr und im Herbst. Nach einigen Versuchen vor und nach den beiden Weltkriegen war es Frankreich, das 1973 zum ersten Mal die Uhren anders stellte. Im Zeichen der Ölkrise glaubte man daran, dass sich Energie einsparen lasse, wenn die Menschen in der hellen Jahreszeit später aufstehen und abends länger wach bleiben würden.

Schon ein Jahr später widerlegten deutsche Studien diesen Effekt: Um gerade mal zwei Promille ging der Energieverbrauch zurück. Dafür häuften sich jene Fälle, in denen Menschen über Beschwerden klagten, weil sie aus dem Tritt gerieten, nicht mehr richtig schlafen konnten und es sogar zu Herz-Kreislauf-Problemen kam. (Alle wichtigen Fragen und Antworten zur Zeitumstellung finden Sie hier.)

Als die Europäische Union 1981 dann nachzog und die Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ) einführte, ging es denn auch gar nicht mehr ums Öl- oder Stromsparen, sondern um eine einheitliche Regelung für den Binnenmarkt. Dabei ist die EU eigentlich gar nicht zuständig, sondern koordiniert lediglich die Mitgliedstaaten.

In Deutschland liegt die Verantwortung beim Ministerium für Wirtschaft, die Umsetzung nimmt die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig vor. Doch nun soll Schluss sein, fordern die Abgeordneten, nachdem sich auch immer mehr Bürger bei der Kommission für eine einheitliche Zeit stark gemacht hatten.

CDU für Abschaffung, SPD für einheitliche Lösung für ganz Europa

„Unser Biorhythmus wird durch die Zeitumstellung empfindlich gestört, und sowohl Menschen als auch Tiere haben Schwierigkeiten, sich dem geänderten Rhythmus anzupassen“, erklärte die CDU-Europapolitikerin Sabine Verheyen gegenüber shz.de. „Ich halte es daher für richtig, dass wir uns sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene für ein Ende der Umstellung einsetzen.“

Ihre sozialdemokratische Kollegin Kerstin Westphal drängte ebenfalls auf eine gemeinsame Lösung: „Ein Flickenteppich, bei dem Österreich für ein paar Wochen eine andere Uhrzeit gilt als in Deutschland oder Frankreich wäre verheerend für den Binnenmarkt, aber auch für Reisende, die sich mit wechselnden Fahr- und Flugplänen rumärgern müssen.“ Doch welche Zeit soll denn dann gelten?

Was soll gelten: Sommer- oder Winterzeit?

Der Entschließungsantrag der Abgeordneten vermeidet es wohlweislich, sich für die Sommer- oder die Winterzeit stark zu machen, wobei es Letztere eigentlich gar nicht gibt. Wenn in diesen Monaten die Uhr schlägt, handelt es sich um die Normalzeit.

Als in Polen Ende vergangenen Jahres eine ähnliche Initiative an Zustimmung gewann, schien die Stoßrichtung klar: Die Winterzeit muss weg. Sommerzeit für das ganze Jahr, lautete die Forderung. Russland hatte sich dagegen schon vor vier Jahren von der Sommerzeit verabschiedet.

In den öffentlichen Diskussionsforen schwärmen die Gegner der Zeitumstellung von einer dauerhaften Sommer-Uhrzeit – meist mit Hinweis auf die schönen langen Abende zwischen Mai und September. Initiativen wie das Portal www.zeitumstellung-abschaffen.de sprechen sich andererseits für ein Ende der Sommerzeit aus. Nur die Brüsseler Kommission lässt sich bisher nicht in die Karten sehen.

Der heutige Entschließungsantrag aus Straßburg soll die Bemühungen des europäischen Gesetzgebers, der schon seit Oktober 2017 die Frage prüft, bestärken. Ob unsere Uhren aber demnächst sommerlich oder winterlich eingestellt werden, scheint noch völlig offen. Übrigens: Am frühen Morgen des 25. März 2018 ist es wieder so weit.

Sommerzeit – jeden Tag
ein Kommentar von Korrespondent Detlef Drewes

Wenn das Leben aus dem Takt gerät, hört der Spaß auf. Die Umstellung der Uhren im Frühling und Herbst mag vielleicht technisch eine Kleinigkeit sein, der Organismus aber gerät jedes Mal aus dem Gleichgewicht. Mit teilweise dramatischen Folgen. Nun mag das nur ein Aspekt der bisherigen Praxis sein, sich immer wieder auf eine neue Zeit einstellen zu sollen – was übrigens viele Urlauber per Fernreisen in weitaus größerem Ausmaß und nur allzu gerne tun.

Viel entscheidender ist wohl die Zusammenschau der Erkenntnisse, die Fachleute längst vorgenommen haben: Positive Effekte dieses Rituals sind praktisch nicht erkennbar. Die Geschichte von Energieeinsparungen hat sich ebenso als unsinnig herausgestellt wie andere Versuche, den Wechsel von Sommer- zu Normalzeit und wieder zurück zu begründen.

Stattdessen kostet der Griff ans Uhrwerk, sofern es noch um analoge Geräte handelt, etliche Millionen – das beginnt bei Zügen, die plötzlich stehenbleiben oder eine Stunde länger unterwegs sind bis hin zu internationalen Geschäften, bei denen der Partner plötzlich in einer neuen Zeit lebt.

Die Europäische Kommission, die nun bald mit einem Vorschlag kommen wird, dürfte alle Konsequenzen des gemeinsamen Marktes im Auge haben. Und damit bleibt eigentlich nichts anderes denkbar, als die Zeitumstellung endgültig abzuschaffen.

Doch damit ist die Frage, ob wir nun dauerhaft die normale oder die sommerliche Uhrzeit einführen, noch unbeantwortet. Ein Thema, das sich für innerfamiliäre Diskussion ebenso hervorragend eignet wie für Stammtische. Dabei halten Fachleute die Herausforderung für im Grunde nicht existent. Denn tatsächlich besteht auch ihrer Meinung nach der wichtigste positive Effekt in jenen langen, lauen Sommerabenden, die uns die bisherige mitteleuropäische Sommerzeit bescheren.

Ob die dunkle Jahreszeit noch eine Stunde mehr oder weniger dunkel sei, wäre leicht zu verschmerzen, wird argumentiert. Also gibt es ihn eben doch – den menschlichen Faktor, der sogar unsere Zeit bestimmen könnte. Und dem wir nur allzu gerne die Regie darüber überlassen würden, was unsere Uhren demnächst anzeigen.

Die Helligkeit möglichst lange auszunutzen und ihre positive Wirkung auf unseren Biorhythmus zu genießen, mag vielleicht keine messbare, aber ganz sicher eine spürbare Konsequenz einer solchen Zeiteinstufung sein. Der EU-Kommission in Brüssel sei deshalb gesagt: Wir wollen die Sommerzeit. Am liebsten jeden Tag.

Kommentare

  • 08.02.2018 | 16:05 Uhr
    Michael Körkemeyer

    Früher aus den Federn

    Mittag ist, wenn die Sonne am Höchsten steht. Ortszeit.

    Die mitteleuropäische Zeit (Winterzeit)kommt dem bei uns am nächsten.
    Wer es nach der Arbeit länger hell haben will soll einfach früher aufstehen und sein Tagwerk beginnen. Dann hat man es auch lange hell.
    Nicht "wir" sondern Langschläfer wollen die Sommerzeit.

  • 08.02.2018 | 14:06 Uhr
    Beate Rother

    So klar ist es nicht

    denn Menschen haben bekannterweise unterschiedliche Biorhythmen. Für die Eulen unter ihnen bedeutet eine ganzjährig Sommerzeit ganzjährig aus dem Takt zu sein. Dann doch lieber abends eine Stunde früher das Licht einschalten.
    Insofern, Herr Drewes, schließt Ihr "wir" mich explizit nicht ein.

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